Schach bei brütender Hitze

Auch dieses Jahr waren wir mit einem Teil unserer Jugend wieder unterwegs beim Gernsheimer Jugendopen, welches jedes Jahr über Pfingsten stattfindet.
Mittlerweile hat sich das Turnier herumgesprochen, sodass wir dieses Jahr mit 11 Spielern und 2 Betreuern mit am Start waren. Das Wetter lud mit herrlichem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen eher zum Grillen ein.
Natürlich mussten wir gleich zu Beginn merken, dass auch andere Schach spielen können und so wurde es ein doch eher holpriger Turnierstart.

Im A-Turnier (offen für alle) versuchten 6 Heilbronner ihr Glück an den Brettern. Runde 1 ging (fast) komplett daneben mit nur einem Punkt aus 6 gespielten Partien. Oftmals war es wie bei Patrick wieder die Zeitnot, die uns einen Strich durch die Rechnung machte oder wie bei Dmitry, der gegen den nominell stärkeren Kevin Mao zwar eine Gewinnstellung auf dem Brett hatte, aber diese mit den verbleibenden 10 Sekunden kaum mehr verwerten konnte. Ganz andere Schwierigkeiten hatte Marcel, der oftmals zu zaghaft spielte und gerne mal den passiveren von zwei gleichwertigen Zügen wählte. Besonders in der ersten Runde gegen Philipp Risius wollte er z.B. seine Bauernstruktur bewahren, anstatt mit seinen Türmen auf die 7. Reihe einzudringen. Manchmal war das vielleicht einfach zu viel Respekt vorm Gegner.
Sonst aber spielte Marcel sehr solide und nutzte die Fehler seiner Gegner immer konsequent aus. Hervorzuheben ist das gute positionelle Gefühl, welches Marcel – auch in vordergründig langweiligen Stellungstypen – an den Tag legt.
Kim-Luca spielte seine erste Partie im Albins Gegengambit zu sehr auf Bauernrückgewinn und stellte im weiteren Verlauf dann zweizügig die Qualität ein (Fesselung Lh3->Td7-Kc8).
Daher hieß es in Runde 2, unsere Ambitionen für einen Mannschaftspreis zu unterstreichen.
Dies gelang uns mit 4,5 Punkten aus 6 Partien dann auch. Kim-Luca, Marcel, Anton, und Patrick konnten punkten, Dmitry verlor und Enis kam über ein Remis nicht hinaus, als er mit Weiß im Königsinder eine dominante Stellung erreichte, worin der Gegner kaum mehr sinnvolle Züge hatte, aber Enis dann den schwierigen Gewinnweg nicht erkannte.
Besser lief es für Enis in Runde 4, als über Umwege ein Drache aufs Brett kam, in dem sich der Gegner sichtlich unwohl fühlte, in Folge zunächst Bauern und danach langsam die Partie verlor. Der Knackpunkt für Kim-Luca kam dann in Runde 4 gegen Francesco Stefano di Capua (Gernsheim, DWZ>1900). Ein Evans-Gambit hatte er zunächst unsauber gespielt und sein unrochierter König kam etwas in die Bredouille. Das legte sich dann und im Gegenzug wurde ein verlaufener Springer auf g2 einkassiert. Leider gab es nur einen einzigen wirklichen Moment der Unachtsamkeit und dieser endete in einem Turmverlust. Die Partie ging daraufhin natürlich verloren. Was in Runde 4 nicht gelang, schaffte Kimi dann in der
6. Runde, spielte das Evans-Gambit diesmal besser. Im weiteren Verlauf der Partie flogen die Figuren in unübersichtlicher Stellung beiden Spielern um die Ohren.
Gegen den einzig stärkeren Gegner in der fünften Runde – Henry Böddeker – spielte Patrick viel zu passiv mit Weiß, tauschte sehr früh im Slawischen ab und wartete dann ab, was der Gegner so macht, um es ihn dann nachzumachen.
Symmetrie geht für den „Nachziehenden“ in der Regel aber nie gut aus und so gewann Henry.
Erwähnenswert ist die Partie gegen Yvonne Mao, die hart umkämpft war und bei der sich Angriff und Gegenangriff kontinuierlich die Hand reichten. Es gab sogar die Möglichkeit, dass Patricks Gegnerin nur mit Dame + König mattsetzt (König wäre auf f6 eingedrungen und es gab kein Schach, weiße Dame stand auf b7 -> Dxf7-g7 Matt), während Patrick Turm + Springer mehr hat. Patrick hat aber die Übersicht behalten und gewonnen.

Anton spielte gegen einen Gegnerschnitt von über 1800 mit 4,5 Punkte ein starkes Turnier.
Trotzdem waren einige insbesondere positionelle Schwächen zu erkennen (Thema gute Figuren-schlechte Figuren), die es zu verbessern gilt.
Auch bei Anton herrschte in den ersten Runden des Turniers ein Zeitnotproblem, da besonders die Eröffnung viel zu viel Zeit verschlang.
Dies besserte sich jedoch in Runde 6+7, als er in Runde 6 gegen Michael Medvedovski (>1900) mit fünffacher Zeit seines Gegners ein Endspiel erreichte, das er nicht verlieren konnte und zudem in Runde 7 den Zweitgesetzten Patrick Will locker überspielte.
Dmitry entdeckte im Verlauf des Turniers die „Wunderwaffe“ Königsgambit und konnte gut punkten. Gerade auch gegen schwächere Spieler, welche die Eröffnung meist zu passiv behandeln und daher in Nachteil geraten, stellt dieser Klassiker der Gambiteröffnungen eine gute Alternative dar.

In Runde 6 ging es für Enis mit Schwarz gegen Philipp Risius um die Vorentscheidung in Sachen Turniersieg. Dieser konnte seine vorbereitete Variante auf das Brett bekommen und führte schnell eine Mittelspielkrise herbei. Die plötzlichen Konterchancen gegen den unrochierten weißen König waren aber zu stark. Nach Springer- und Turmgewinn gab er auf.

Unglücklich lief die letzte Runde für Kim-Luca. In der Panov-Variante der Caro-Kann Eröffnung hatte er keine Chancen gegen Medvedovski und kam unter die Räder.
Gerade Panov setzt unheimliches Theoriewissen voraus und ist daher nicht immer einfach zu spielen. Positiv anzumerken war bei Kimi aber die vorbildliche Zeiteinteilung.
Auch im B-Turnier für alle Spieler bis zu einer DWZ von 1300 waren wir mit Manuel, Jonas, Eliza, Daniel und Max zahlreich vertreten. Für Max war es sein erstes „Langzeitturnier“ überhaupt, doch er hatte einen guten Start und konnte zu Turnierbeginn mit einer einfachen zweizügigen Kombi seinem Gegner eine Leichtfigur abjagen.
Natürlich ist es gerade auch im B-Turnier besonders wichtig, dass Spieler lernen sich an die allgemeinen Grundsätze von Eröffnungen zu halten. Springer gehören nicht grundlos an den Rand, was natürlich auch außerhalb der Eröffnung Gültigkeit behält. Gerade durch einen solchen geriet Max in Runde 2 in Nachteil und verlor einen Bauern. Im weiteren Verlauf konnte der Gegner durch ein Qualitätsopfer einen Springer gewinnen, womit die zweite Runde entschieden war.

Manuel legte mit 1,5 aus 2 Runden einen fast optimalen Start hin. Der Gegner kannte sich im Spanier nicht aus und machte zu viele Bauernzüge, was Manuel durch Springerausfall nach g5 für sich nutzen und zunächst einen Bauern gewinnen konnte. Nach weiteren drei Zügen war die Stellung für Schwarz bereits aufgabereif.
Auch in Runde drei gegen Alexander van Lier durfte Manu seinen Spanier aufs Brett bringen. Bereits in der Eröffnung stellte der Gegner durch eine Fesselung eine Leichtfigur ein. In weiteren Verlauf der Partie warf der Gegner fast seine ganze Armee unkoordiniert in den Königsangriff, sodass Manuel diesen abblocken und die gegnerischen Figuren einzeln abknöpfen konnte. Also 2,5 Punkte nach 3 Runden, was für die Runde 4 Brett 5 bedeutete.
Daniel spielte ebenfalls sein erstes Langzeit-Open und natürlich war er entsprechend nervös.
Dies war bereits in der ersten Runde ersichtlich, als er recht zurückhaltend spielte und sogar in Nachteil hätte geraten können, als er statt eine Entwicklungszuges einen Bauern vorschob.
Allerdings behielt der Gegner nicht den Überblick und gab den Vorteil zurück, sodass die Partie mehrere Male kippte und am Ende zwar ein etwas zu frühes, aber im Endeffekt gerechtes Remis herauskam.
Spätestens in der 4. Runde legte Daniel jedoch seine Nervosität ab und gewann zunächst dank seines aktiven Turms einen Bauern und danach die Partie, auch wenn zwischendurch einige ungenaue Züge folgten und die Gegnerin auch Chancen hatte, fast komplett auszugleichen.
Natürlich sind gerade Schwierigkeiten mit der Endspieltechnik mit (noch) geringer Turniererfahrung völlig normal. Das wird sich mit zunehmender Spielerfahrung verbessern.
Dafür konnte Daniel das Turnier mit einer erfolgreichen Zweispringervariante erfolgreich beenden, die der Gegner offensichtlich nicht kannte und früh den Turm auf h8 einstellte.
Im weiteren Verlauf ließ Daniel wenig anbrennen und brachte die Partie mit weiterem Materialtausch sicher nach Hause.
Auch Eliza war anfangs ziemlich nervös und war zur Halbzeit nach Runde vier bei 2 Punkten.
Erst in den beiden letzten Runden konnte sie aufeinanderfolgend punkten und sich so einen guten Rang im ersten Tabellendrittel sichern.

Abschließend unsere Platzierungen:

A-Turnier (85 Teilnehmer):

Enis 6 Punkte 1. Platz
Patrick 5 Punkte 9. Platz
Anton 4,5 Punkte 21. Platz
Marcel 4 Punkte 26. Platz
Kim-Luca 3,5 Punkte 37. Platz
Dmitry 3,5 Punkte 46. Platz

B-Turnier (115 Teilnehmer):

Manuel 5 Punkte 11. Platz
Eliza 4 Punkte 36. Platz
Jonas 4 Punkte 38. Platz
Daniel 3 Punkte 73. Platz
Max 3 Punkte 76. Platz

Also insgesamt gesehen trotz zum Teil unerbittlichen 35 °C im Schatten ein Turniersieg und gute bis sehr gute Gesamtplatzierungen unserer Spieler in beiden Turnieren.
Daneben wurden wir nach den Gastgebern aus Gernsheim das zweitbeste Team des Turniers.

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