Sonne, Grillen und ein bisschen Schach: Spontane Teilnahme an den Griesheimer Schachtagen

So turnierscheu sind wir auch wieder nicht. Da ich am letzten Wochenende sowieso in Frankfurt war, lag der Entschluss nahe, an den 10. Griesheimer Schachtagen in der Nähe von Darmstadt teilzunehmen. Zu der Sorte Schachspieler gehörend, die nur allzu gerne die üblichen zwei Stunden für 40 Züge komplett ausnutzen, sah ich der beim Turnier geltenden Bedenkzeitregelung (90 Minuten für 40 Züge, danach 30 Minuten für den Rest) zwar etwas skeptisch entgegen – im Laufe des Turnieres überzeugten mich allerdings die positiven Aspekte der verkürzten Bedenkzeit.

Einen nicht unerheblichen Beitrag hatte daran wohl auch die Tatsache, dass von den 5 Partien nur eine einzige länger als 40 Züge dauerte – drei Partien wurden sogar innerhalb der ersten 20 Züge entschieden. Aber der Reihe nach: Am Freitag kam ich nach etwa fünfstündiger Fahrt leicht genervt (wer öfter auf Baden-Württembergs Autobahnen unterwegs ist, dem genügen wahrscheinlich die beiden Stichworte „A8“ und „Stuttgart“) in Griesheim an und traf mit Schwarz auf Elisa Schröder aus Bruce Willis‘ Geburtsort Idar-Oberstein. Nun weiß ich nicht, ob Bruce Willis auch Schach spielt, aber falls ja, hätte ihm die Eröffnungswahl meiner Gegnerin (1. e4 c5 2. Sc3 Sc6 3. g4!?) bestimmt gefallen. Nach einigen für den geschlossenen Sizilianer typischen Zügen hatte sie im 12. Zug allerdings einen kurzzeitigen Blackout und schlug einen vergifteten Bauern, der einen direkten Figurenverlust nach sich zog.

Die oben genannten Vorzüge des Bedenkzeitmodus zeigten sich dann das erste Mal am Samstagmorgen: Rundenbeginn 09:30 Uhr, das heißt, man kann sogar zu halbwegs humanen Zeiten aufstehen! Meine Weißpartie gegen Stephan Euler (SC Ladja Roßdorf) fand allerdings auch ein jähes Ende:

Bis zur Nachmittagsrunde um 14:30 Uhr gab es nun also eine verlängerte Mittagspause, in der mich persönlich das Turnier endgültig überzeugte: Passend zum Wetter packten die Veranstalter nämlich einen Grill aus und versorgten die knapp 80 Teilnehmer mit Steaks, Bratwürsten und selbstgemachtem Salat!

Gut gestärkt ging es also in die 3. Runde, in der ich gegen Prof. Matthias Kiese aus Bochum gelost wurde. Nominell war er der Favorit, sodass ich wieder Weiß bekam. Und endlich sollte eine Partie auch länger als 16 Züge dauern, wobei die Zeitnotphase leider nicht nur viel zu früh auftrat (naja, eigentlich kommt die Zeitnot immer zu früh…), sondern für die Digitaluhr-verwöhnten Spieler meiner Generation durch die beim Turnier eingesetzten analogen Uhren noch etwas verschärft wurde – glücklicherweise schaffte ich nicht nur die Zeitkontrolle, sondern konnte meine schlechte Stellung dank eines hin- und herhüpfenden Springers gerade noch zusammenhalten:

Nach diesem glücklichen halben Punktgewinn sah meine Turniersituation gar nicht mal so schlecht aus, allerdings holte mich die 4. Runde am Sonntagmorgen ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Mit Schwarz bekam ich es mit Dr. Michael Cichy aus Braunschweig zu tun, der – wie ich später erfahren sollte – in der vorhergehenden Runde dem drittstärksten Teilnehmer (immerhin ein FM) ein Remis abgenommen hatte, worüber sich der FM glücklich schätzen konnte! Nachdem ich mal wieder nach dem dritten Zug keine Theorie mehr kannte, wählte ich einen sehr verpflichtenden Aufbau, wobei ich mich darauf verließ, den weißen Druck notfalls durch ein Bauernopfer mit Gegenspiel zu neutralisieren. Der erste Teil des Planes funktionierte auch perfekt: Nach 10 Zügen hatte ich einen Bauern weniger. Nur das erhoffte Gegenspiel war nirgends zu finden, sodass mein Gegner mit ein paar genauen Zügen die Stellung bald komplett dominierte. Zum Abschluss übersah ich dann noch eine taktische Möglichkeit und die dritte Kurzpartie des Turnieres war perfekt:

Dr. Cichy - Geshnizjani
Weiß am Zug gewinnt

Die Mittagspause war dementsprechend wieder etwas länger und gegrillt wurde auch wieder – so lassen sich auch vernichtende Niederlagen verschmerzen. Eine spielstärkefördernde Wirkung war aber leider nicht festzustellen, wie ich in der letzten Runde gegen Rolf Plattner (SK Langen) feststellen musste: Ich lieferte ein Musterbeispiel dafür ab, wie man Isolanistellungen nicht behandeln sollte und stand ziemlich schnell ziemlich passiv. Glücklicherweise entschied sich mein Gegner für einen Bauernsturm am Königsflügel, der letztendlich nicht so gefährlich war wie er aussah und nach zwei kleinen Fehlern kippte die Partie.

In Zahlen ausgedrückt verlief das Turnier mit 3.5 Punkten und dem 11. Platz ziemlich genau innerhalb der DWZ- und ELO-Erwartung. Was die Partien betrifft, waren zwar leider wieder ein paar unverdiente Punkte dabei, dafür aber auch ein paar nette Motive wie der auf c2 gefangene Springer und die meiner Meinung nach wirklich schöne Schlusskombination meiner Verlustpartie. Zusammen mit den guten Rahmenbedingungen und dem schönen Wetter also ein wirklich nettes Turnier und ich habe mir vorgenommen, nächstes Jahr wieder mitzuspielen – vielleicht mit etwas Heilbronner Verstärkung?

Kommentare

Sonne, Grillen und ein bisschen Schach: Spontane Teilnahme an den Griesheimer Schachtagen — 2 Kommentare

  1. Hey Ramin, schöner Bericht. In deiner Verlustpartie, in der dein Gegner taktisch gewann, kam doch bestimmt 1.Sxf7 Txf7 Dc7 und Schwarz kann den Tf7 nicht decken?! Was auch noch sehr hübsch ist, ist der passive Opferzug 1.h4!? Wenn Schwarz gar nicht oder falsch reagiert, spielt Weiß 2.Dg6 und nach 2…hxg5 3.hxg5 wird es ganz schnell matt auf h7.
    Wenn dein letzter Zug …h6 war, dann war die Stellung für dich wohl eh nicht mehr zu verteidigen.

    Viele Grüße, Philipp

    • Hi Philipp,

      vielen Dank! Genau, es folgte 1. Sxf7 Txf7 2. Dc7 1:0. Mein letzter Zug war tatsächlich …h6, da ich nur 2. Dg6 und 2. Df4 mit Angriff auf f7 gesehen hatte. Auf 2. Dg6 kann ich den Turm mit 2. … Se5 decken, auf 2. Df4 mit 2. … Sd8. Dc7 hatte ich überhaupt nicht gesehen und das verhindert halt beide Springerzüge.

      Deine andere Idee 1. h4 ist auch hübsch und gewinnt ebenfalls, die „beste“ Verteidigung laut Computer ist wohl 1. … Le6 2. Lxe6 Sd4!?! (nach 2. … fxe6 3. Dxe6+ wird es auch ganz schnell Matt) mit ebenfalls großem Materialverlust.

      Tja, Mehrbauer und völlige Kontrolle im Zentrum sind halt einfach zu viel des Guten 😉

      Grüße
      Ramin