Die Jugend marschiert voran! Erfolge in der BW-Jugendliga und bei den WVMM

Die Erwachsenen dürfen ihren „wohlverdienten“ (gut, jede Mannschaft hat ihr Saisonziel mindestens erreicht) Schachurlaub weiter genießen, während wir Jugendlichen wieder Power geben müssen. Und ich dachte, dass Kinderarbeit in Deutschland illegal wäre…bezahlt werden wir auch nicht! Da wird dringend eine außerordentliche Vorstandssitzung nötig, um das zu ändern.

Kurz zum Plan für dieses Wochenende aus meiner Sicht: am Samstag (24.05.) Kevin Walter schlagen, um meine 100% in der BW-Jugendliga zu halten – damit würde ich meine GM-Ambitionen bestätigen, weil das einer Leistung von 2600 entspräche – tags darauf nach Stuttgart fahren, um den Bezirks-Dähnepokal nach dem Finale gegen Daniel Klaus ins Heilbronner Land zu holen, auf dem Rückweg kurz in Besigheim halten, um meinen „Söhnen“ zuzusehen, wie sie die Württembergische Vereinsjugendmeisterschaft gewinnen und danach voller Euphorie diesen Bericht schreiben, in dem ich über unsere Jugend schwärme. Selbstverständlich auch über meine überragende Leistung in Sontheim/Brenz, die unterstrichen hat, dass ich eine Maschine bin und sowieso der King of Chess in Württemberg.
Es ging gut los: Pünktlich um 12 Uhr trafen Patrick, Dmitriy, Marcel, Kim-Luca und ich am Sozialamt zusammen, um unter meiner Führung nach Sontheim zu fahren. „Ha Sontheim, dazu trefft ihr euch um 12 Uhr am Sozialamt, wenn doch jeder um 14 Uhr selbst in Sontheim sein könnte?!“…
…kurz einhalten. Gemeint ist Sontheim an der Brenz, ein kleines, beschauliches Örtchen zwischen Heidenheim und Ulm. Die Entfernung beträgt stolze 168 km – interessant, dass dieser Ort noch in Württemberg liegt. Die Sontheimer legten gut los in dieser Saison und gehörten nach drei Runden zu den Mitkonkurrenten um die Qualifikationsplätze. Nach einem 3-3 gegen Neumühl und einem 2,5-3,5 gegen Bebenhausen spielten die Sontheimer plötzlich gegen den Abstieg, während wir bekannterweise beide Spiele gewinnen konnten (5,5-0,5 in Karlsruhe/4-2 gegen Göppingen). Mit ausbleibenden Spielen gegen uns und Göppingen sollte irgendwo noch ein Punkt hergezaubert werden, um den Klassenerhalt sicher zu machen. Wir hingegen „mussten“ gewinnen, um die Qualifikation zu den Deutschen Vereinsmeisterschaften U20 möglichst in eigener Hand zu behalten. Die Aufgaben beider Teams waren leichter gesagt als erledigt.

Mit den üblichen Wehwehchen (Marcel: „ich kann ruhig aussetzen, ohne mich gewinnt ihr erst recht“, Tobias: „ich kann nicht spielen, weil ich lernen muss…außerdem hab ich mich für die Bezirkseinzelmeisterschaft angemeldet, sorry“, Patrick: „ich hab irgendwie kein gutes Gefühl heute“) verfolgte ich weiter den Masterplan. Ein weiterer Aspekt ging auf, wir kamen genau in den geplanten 1:45 h in Sontheim an und wurden gleich Zeugen einer Hochzeit. Dem Dorfcharakter des Orts entsprechend wurde die Hochzeit ausgelassen auf der Straße gefeiert, direkt vorm Spiellokal. Immerhin gab es etwas zu sehen, wenn man grad Ablenkung von der eigenen Partie brauchte. Apropos Dorfcharakter: über kleine Orte mache ich gerne Witze à la „hier scheinen mehr Kühe als Menschen zu leben“, hier schien der Witz aber Wirklichkeit zu werden, denn uns stieg beim Aussteigen der Geruch von…ähm…Nebenprodukten einer Kuh in die Nase. Beste Voraussetzungen für ein Schachspiel.

Zu unserer angenehmen Überraschung traten die Sontheimer mit zwei schwächeren Ersatzspielern an den letzten beiden Brettern an, was vor allem Patrick erleichterte. Die Stimmung drehte sich dann um genau 180 Grad, denn Patrick und Mannschaftsführer Christian (der direkt aus Bayern gekommen war) meinten nach dem Spielbeginn zu mir: „heute geht ein 6-0, oder?!“. Ich bin normalerweise keiner, der seinen Mund nicht voll nimmt, aber das war selbst mir etwas zu gewagt. Wozu eine zu lockere Einstellung führt, konnte ich in der Landesliga gegen Ludwigsburg erleben. „Niemals nachlassen“ ist also die korrekte Devise!

Fangen wir gleich mit Christian an: Er eröffnete Englisch, öffnete dann mit d4 etwas die Stellung (habe ich ihm beigebracht!), sein Gegner hat es dann aber so hingekriegt, seine Türme auf e8 und a8 zu stellen, sodass sie von Sc7 gegabelt werden konnten. Der Springer hing aber auf a8 fest und ich weiß beim besten Willen nicht, wie er da wieder hätte rauskommen sollen. Zudem hatte Christian einen hässlichen Doppelbauern auf der c-Linie, da sein Gegner Nathanel Häußler (DWZ 1722) im Nimzowitsch-Style seinen schwarzfeldrigen Läufer auf c3 getauscht hatte. Ich hakte die Partie als unklar, sogar besser für Schwarz ab und setzte mich an eigenes Brett, um zu gewinnen. Als ich nach fünf Minuten wieder zu Christians Brett blickte, war es…weg. Auf dem Ergebniszettel stand „Häußler, Nathanael – Biefel, Chrstian 0-1“. Wie konnte das nur passieren? Christian antwortete nur: „ja mein Springer kam halt wieder raus“. Auf den ersten Blick schien eine Flucht des Sa8 genauso sehr möglich wie eine Division durch 0. Beschweren wir uns aber nicht zu sehr, Punkt ist Punkt, 1-0.

Kim-Luca scheint mir in guter Form zu sein. Nachdem er am Donnerstag Karl-Werner Weißbeck in überzeugender Manier besiegen konnte (Achtung, Ironie) und sich auch sonst sehr motiviert zeigte, schien der Sieg gegen seinen nominell schwächeren Gegner Ulrich Grömme (1398) auch nur Formsache zu sein. Sein Gegner beging mit Weiß auch nicht nur einen formellen Fehler, als er die Formalität Rochade unterließ und stattdessen seinen Läufer ein zweites Mal in der Eröffnung zog, um auf a6 zu erscheinen, was „Kimmies“ Turm bedrohte. Dem Läufer wurde aber von Schwarz Chloroform verabreicht und schwupps, war er vom Brett entführt worden. Dame nach a5 mit Schach und der Läufer ging verloren. Kim-Luca musste die Figur nur noch nach Hause schieben – was mir aber eine halbe Sorgenfalte bereitete, da er eben gegen Herrn Weißbeck es schaffte, seine zwei Mehrbauern einzustellen und eine Fast-Verluststellung zu erreichen. Er lernt jedoch aus seinen Fehlern, somit stand es 2-0.

Ich hatte mich gewissenhaft auf Grünfeld und Benoni vorbereitet (auch wenn ich mit dem Gedanken gespielt habe, Trompowski auszupacken, aber ich habe schließlich große Ambitionen, dann lieber Hauptvarianten) und war bereit, dieses Wissen in die Tat umzusetzen. Meine Partie habe ich kommentiert, weswegen ich nichts weiter dazu sagen werde:

2-1 also. Sollten wir noch einmal ins Zittern kommen?

Antwort: ja. Marcel setzte seine defätistische Umstellung leider in schlechte Züge um. Erst stand er schlecht, dann war ein Bauer weg. Dann ging irgendwie noch der zweite Bauer verloren. Als seine Schwindelchancen, den König des mit Weiß spielenden Paul Romes (1580) mithilfe seiner zwei Türme und seines Springers mattzusetzen, komplett verschwanden, musste er leider aufgeben. Ich bin mir aber sicher, dass Marcel seine momentane Schwächephase überwindet. Er hat die komplette letzte Saison sowie in Ansätzen diese Saison gezeigt, dass er das Zeug hat, Spielstärke 1900 und sogar mehr zu spielen. Das ist für ein Brett 5 bei einer deutschen Vereinsmeisterschaft mehr als genug. Also nur Kopf hoch! Der Zwischenstand bleibt 2-2.

Dmitriy durfte gegen Kevins Bruder Daniel Walter (1365) spielen. Kurz vor Rundenbeginn sagte mir Kim-Luca: „Enis, ich weiß, was Dimas Gegner spielt, Aljechin!“ – „so hör jetzt mal zu, Dima, gegen Aljechin spielt man so und so…“ – kleiner Crashkurs Aljechin: 1. e4 Sf6 2. e5 Sd5 3. d4 d6 4. Sf3 g6 5. Lc4 Sb6 6. Lb3 Lg7 „und hier kannst du z.B. h3 spielen, um Lg4 zu verhindern…“ (okay ich gebe es zu, die Theorie geht anders) – „alles klar Enis!“. Betrachten wir den Partiebeginn: 1. e4 Sf6 2. Sc3…ich scheine manchmal mit Wänden zu reden. Nach 2…d5 3. exd5 (total weich) Sxd5 4. Lc4 Sb6 5. Lb3 Lf5?! 6. Df3 Dc8 7. Lxf7+!? Kxf7 8. g4 e6 9. Se2 S8d7? bekam Dmitriy aber ein sehr stark verspätetes Ostergeschenk in Form eines kostenlosen Bauern. Er schaffte es aber nicht, zu rochieren, wodurch sein König sich auf d2 stellen musste, was Schwarz ein paar Chancen gab. Glücklicherweise wurde dann viele Hölzer gehackt, sodass Dima seinen Mehrbauern behalten konnte in einem Turm-Springer-Endspiel. Wie sich aber am Partieanfang abzeichnete, sollte das hier Not gegen Elend werden, denn zuerst stellte Schwarz einen Springer zweizügig ein, ca. zehn Züge später mache Dmitriy es seinem Gegner gleich. Immerhin hatte er aber genug Mehrbauern mitgenommen, um das Turmendspiel zu gewinnen. 3-2.

Es hing also alles am geborenen Pessimisten Patrick. Vielleicht war das sogar gut, da er sicher nicht alles für einen Sieg riskieren würde, wenn er ein Remis sicher in der Tasche hätte – das würde ja zum Mannschaftssieg reichen. Am Tag davor überredete ich Patrick dazu, Sizilianisch zu spielen. Sein Gegner Max Romes (1908) war 1. dafür bekannt, sich ausgiebig vorzubereiten, wodurch er sicher was gegen Caro-Kann hätte und 2. ebenso dafür bekannt, gegen Sizilianisch ausschließlich Morra-Gambit zu spielen. Gegen jemanden, der sich nicht so gut auskennt bzw. in Schnellschach- und Blitzpartien sicher eine gute Wahl, jedoch trichterte ich Patrick alles Mögliche an Theoriewissen und Ideen im Morra-Gambit ein. Es hat auch gewirkt, er kam in eine nicht allzu passive Stellung für den Mehrbauern, zudem kannte Weiß nicht die besten Züge im Gambit, was Patricks Aufgabe erleichterte. Als die weiße Initiative drohte, sich in Luft aufzulösen, brachte Weiß ein höchst spekulatives Materialopfer, in dem er Turm und zwei Leichtfiguren gab und Dame + Bauer bekam. Christian fragte mich, ob die Stellung nicht klar besser sei – die schwarzen Figuren standen aber größtenteils auf der Grundreihe und arbeiteten nicht zusammen, ein Umstand, den Weiß sich zunutze machen konnte. Nach einigen Abtäuschen und Drohungen verblieben nur Dame gegen Turm, Läufer und Springer mit zwei Bauern auf jeder Seite. Die weißen Bauern waren jedoch gefährliche Freibauern auf e6 und a4, wodurch Weiß praktisch gesehen gute Chancen hatte. Weiß spielte aber Kc4?? irgendwann…daraufhin fiel der a4 mit Schach und der Springer opferte sich gegen den e6, hier hat nur noch Patrick Gewinnchancen. Er gewann auch…auf höchst instruktive Weise:

Ich nenne dieses Phänomen, völlig unverdient total remisige Stellungen bzw. sogar verlorene Stellungen irgendwie zu gewinnen, das „Wenninger-Gen“. Philipp hat oft genug Partien auf so eine Weise gewonnen. Patrick scheint also echt Gemeinsamkeiten mit seinem älteren Bruder zu haben.

http://schachverein-heilbronn.de/mannschaften/1-jugendmannschaft/

Am Ende stand ein 4-2, was leistungsgerecht war. Somit reicht am 28.06. gegen Ulm ein 3-3, um die sichere Qualifikation zur DVM einzustreichen. Mit unseren Leistungen in dieser Saison können wir mehr als zufrieden sein, denn wir stehen gerecht und souverän auf dem zweiten Platz. Und selbst wenn Christian und ich nach der Saison aufgrund unseres Alters ausscheiden – mit Simon, Anton, Kim-Luca und co. stehen mehr als genug talentierte Spieler bereit, unsere Plätze einzunehmen.
Der mittlere Teil meines Masterplans war also gescheitert. Immerhin konnte ich gegen Daniel Klaus den Bezirks-Dähnepokal gewinnen. Wer die Partie nachspielen will, kann sie hier sehen:

Die nächste Generation dieser Spieler befindet sich auch schon in den Startlöchern. Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal mit einer U10-Mannschaft bei den Württembergischen Vereinsjugendmeisterschaften angetreten sind, aber dieses Mal war es wieder soweit. Dazu gab es noch Brüder im Doppelpack, denn das Team bestand aus Nikolas & Leonard Sawadski an den Brettern 1 und 2 sowie Felix & Jannis Hagenmeyer an den Brettern 3 und 4. In der U10 gibt es keine Qualifikation, da die DVM U10 als offenes Turnier ausgeschrieben ist, jedoch konnten die Jungs mal zeigen, wo sie stehen – und sie verkauften sich durchaus gut. Mit vier Siegen, einem Remis und zwei Niederlagen landeten die Kleinen auf dem 3. Platz. Man könnte hier kritisieren, dass sie manchmal Partien unnötig hergegeben haben, jedoch lag das nicht am fehlenden Talent, sondern eher an der mangelnden Erfahrung. Zum Schmunzeln fand ich allerdings, dass Jannis lieber eine zweite Dame geholt hat (bei Dame + Turm gegen Dame), anstatt seinen Gegner mattzusetzen. Sein Gegner holte sich dann auch noch eine Dame. Daraufhin war jeder König mindestens 5 Mal Matt in wenigen Zügen, zudem war jede Dame irgendwie ungedeckt und konnte geschlagen werden. U10 macht einfach alles möglich.
Eher traurig war dann eher, dass Spieler, die keine totalen Anfänger waren, immer noch Schäfermatt zuließen – aber gut, solange das nicht unsere Jungs sind…

Die U16, bestehend aus Anton Wunder, Simon Degenhard, Kim-Luca Wasielewski, Manuel Grimm und Jonas Dudt wurde ihren Erwartungen gerecht. Es war fast sogar der Turniersieg drin, jedoch ging das entscheidende Spiel gegen Backnang mit 3-1 verloren, da Anton in einer gewonnenen Stellung gegen Patrick Höglauer (immerhin 2100 DWZ) auf Zeit verlor. Da ich das Turnier über gesehen habe, dass Anton im Prinzip immer in Zeitnot kam, müssen wir wohl freitags mal die richtige Zeiteinteilung trainieren. Die restlichen Spiele wurden aber mit 4-0 gewonnen (bis auf ein Ausreißer gegen Hohentübingen: 3-1, weil…Anton trotz Überlegen die Dame einzügig einstellte – kommt aber vor, davor bin selbst ich nicht sicher, wer die Seite hier verfolgt, weiß, was ich meine), was den 2. Platz und die souveräne Qualifikation zum Baden-Württembergischen Finale bedeutete. Von da aus kann es mal wieder zur DVM U16 gehen – die Jungs haben das Zeug dazu, müssen sich aber konzentrieren.
Positiv hervorzuheben ist außerdem wieder Kim-Luca, der 6/6 holte. Vielleicht stellen wir nächstes Mal ja anders auf…

Die Ergebnisse sollten irgendwann hier erscheinen:
http://www.wsj-schach.de/spielbetrieb/2014/wvmm

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