WJEM-Titel kehrt zurück nach Heilbronn

Ich kann mich gut an den Vorabend der letzten Runde bei der WJEM 2009 erinnern. Irgendwann im April 2009. Damals besuchte Christian Wolbert (zu jener Zeit 1. Vorsitzender) unsere Delegation bei der „Württembergischen“. Seine Aussage lautete in etwa „Ach, mal wieder kein Meister von uns“. Glücklicherweise straften wir ihn Lügen. Danach wurde Simon Degenhard einige Male Meister. Seitdem wieder eine kleine Durststrecke.

Mit insgesamt neun Kindern und Jugendlichen waren wir in allen Altersklassen vertreten. Die größten Chancen rechneten wir uns dabei in der Königsklasse, der U18, aus. Mit Colin Ensslinger, Felix Hagenmeyer und Dennis Birke spielten gleich drei talentierte Jugendliche mit. Aber auch am anderen Rand der Altersgrenze mussten wir uns nicht verstecken. Zwar musste Debütant Levin Buchmüller Einiges an Lehrgeld bezahlen, aber Leonard Jüngling, an 18 gesetzt, spielte ein extrem starkes Turnier und landete am Ende auf einem sensationellen 4. Platz. Hätte er in Runde 5 nicht dem Zweitgesetzten in einem gewonnenen Bauernendspiel Remis geboten, wäre es wahrscheinlich sogar ein Platz auf dem Treppchen geworden. Trotzdem hat sich Leonard für die DJEM qualifiziert. Herzlichen Glückwunsch! So kann es weitergehen!
Endtabelle U10.
Ähnlich stark spielte Kosta (Konstantinos) Tselepidis auf. Er startete sogar mit 3/3, musste sich jedoch dem Topgesetzten Yibo Zhang geschlagen geben. Dennoch blieb Kosta hartnäckig und erreichte einen ebenso bemerkenswerten 6. Platz, wobei er mit der Startnummer 23 ins Rennen ging. Die Zukunft scheint daher vielversprechend zu sein.
Endtabelle U12.
Bezirksmeister Noah Ben Mast verpasste zwar die Top 10, zeigte sich jedoch mindestens so kämpferisch wie alle anderen. Mit einer Niederlage ins Turnier gestartet, kämpfte sich Noah noch bis ans zweite Brett vor. Dort ging die letzte Runde verloren, dennoch kann Noah auf einen 12. Platz stolz sein.
Endtabelle U14.
In der U16 litt Richard Walter ein wenig unter der Doppelbelastung Grenke-Open + WJEM. Diese Kombination ist äußerst kräftezehrend und hat selbst in der Vergangenheit manches Supertalent ausgebremst. So konnte Richard nicht ganz an sein bisher gespieltes Niveau der Saison anknüpfen. Mit einem kleinen Endspurt sicherte sich Richard trotzdem den letzten Platz in den Top 10.
Hier waren wir sogar in der weiblichen Kategorie vertreten. Josephine Bergfeld war mit vier Remisen zunächst sehr friedlich unterwegs. Die restlichen Partien wurden eindeutig entschieden, leider nicht zu Josephines Gunsten.
Endtabelle U16.
Endtabelle U16w.

Damit kommen wir zur Königsklasse und Highlight dieses Berichts. Auch wenn ich mittlerweile (abgesehen von Fabian Bänziger) einsam meine Kreise an der Spitze der DWZ-Liste des Vereins ziehe, musste ich lernen, dass jede Person einen eigenen Zugang zum Schachspiel hat und auch einen eigenen Stil. Beispielsweise hatte es eine Weile gedauert, bis ich gegen Robin Stürmer die Oberhand gewann.
Vor dem Turnier fiel es mir schwer, mich auf einen Favoriten festzulegen. Dennis war äußerst spezialisiert in seinen Eröffnungen, aber ihm fehlte beim Grenke-Open noch ein wenig die Ruhe. Felix hat eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt, aber es war immer noch eine Jugendmeisterschaft. Da konnte alles passieren, gerade mit dem Abi im Rücken. Colin…sagen wir mal, im Training glänzt er durch Abwesenheit. Aber immerhin war er der einzige, welcher bereits einen Großmeister im klassischen Schach besiegen konnte und manchmal sieht es bei ihm so einfach aus, wie er in der Oberliga gewinnt.

Wer den Turnierstart sah und an „harte Arbeit schlägt jedes Talent“ glaubte, sah sich bestätigt. Colin verlor direkt in Runde 1, als er aufgrund einer Eröffnungsfalle eine äußerst passive Stellung erhielt und nicht mehr rauskam. Zwar gewann Colin in Runde 2 souverän, aber seine Vereinskollegen gaben sich keine Blöße und starteten mit 2/2. Eine so frühe Niederlage konnte man wohl kaum noch kompensieren.
Jedoch überschlugen sich die Ereignisse. Man muss dazu sagen, dass anfangs – welchen Sinn das auch machte bei einem so kleinen Feld – mittels des „beschleunigten Schweizer Systems“ gepaart wurde. So kam es in Runde 3 zum Duell Dennis vs. Colin, obwohl Letzterer einen Punkt weniger hatte. Und die Partie verlief musterhaft. Dennis überspielte Colin in der Eröffnung. Jedoch gab jener zu keinem Zeitpunkt auf und stellte den Partieverlauf auf den Kopf. Colin sagte selbst dazu, dass diese Partie hätte anders ausgehen können. Wir glauben ihm mal!
Währenddessen kämpfte Felix im Top-Duell gegen die #1, Mischa Foksha. Direkt wurde der Vaihinger unter Druck gesetzt. Nach knapp 20 Zügen musste Felix nur noch auf der h-Linie in die weiße Königsstellung eindringen und die Partie beenden. Aber irgendwie passierte es nie. Stattdessen verlor Felix den Faden (und wahrscheinlich auch die Nerven), „begünstigt“ durch einen beginnenden schlechten Gesundheitszustand. Das Spitzenduell ging verloren. Zu allem Überfluss verlor Felix auch in Runde 4 gegen Jan Jaskulski (Jedesheim), sodass er sich, sich übergebend, aus dem Titelrennen verabschieden musste. Am Ende landete er mit 4,5 Punkten auf Rang 8.
Dennis remisierte in Runde 4 gegen den Unterländer Kollegen Marc Rudolf. Im Spiel um die Top 4 verlor Dennis jedoch die erste Runde. Insgesamt konnte er aber die gute Form aus dem Grenke-Open bestätigen und etabliert sich mit 4/7 und dem 10. Platz klar jenseits der 1800 DWZ.
Colin behielt bis zum Schluss die Nerven. In Runde 4 setzte er sich als Favorit durch, danach ließ er Oliver Schwartz (Ostfildern) mit einem Dauerschach ins Remis entkommen. Kein Problem, denn in Runde 6 stand das Spitzenduell gegen Mischa Foksha an. Dieser machte es sich mit zwei Remisen etwas zu bequem an der Spitze. Das bestrafte Colin, indem er einen taktischen Patzer in einen Figurengewinn ummünzte.

Vor der letzten Runde dann eine große Geste: Felix half Colin bei seiner Vorbereitung gegen Jan Jaskulski. Und Felix hatte eine weitere Aufgabe: sein Letztrundengegner Simon Schmid (Geislingen) war ein Gegner von Oliver Schwartz. Um Colin zum Titel zu verhelfen, sollte Felix gewinnen, damit Olivers Buchholz nicht zu groß wurde.
Zunächst lief alles wie am Schnürchen. Colin erspielte sich eine Mehrqualität und musste diese nur noch im Endspiel verwerten. Dann holten ihn doch die Nerven ein. Mit genug Zeit auf der Uhr stellte er seinen Vorteil ein. Jaskulski erzwang ein Remis. Dann hieß es Hoffen und Bangen. Foksha gewann und stand damit ebenfalls bei 5/7. An Brett 2 trennten sich Schwartz und Anant Kalia (Murrhardt) auch Remis. Damit hatten vier Spieler 5/7! Dank Felix‘ Sieg hatte Oliver Schwartz nichts zu melden und es kam zum Fernduell Colin vs. Foksha. Dabei war sogar die Buchholzwertung gleich und der Meistertitel entschied sich in der zweiten Feinwertung, der Buchholzsumme. Dort hatte Colin das Glück auf seiner Seite. Mit 198,5 zu 194,5 schlug er seinen Konkurrenten sehr knapp, aber verdient. Ein wenig erinnert mich das an meinen eigenen Sieg im Jahr 2009 – selbst ein Bein gestellt, nur um danach ganz knapp via Feinwertung zu gewinnen – aber das ist Colins Sieg. Wir gratulieren recht herzlich!
Endtabelle U18.

So sehen Sieger aus! (Foto: Oliver Ensslinger)

Neben einem Württembergischen Meister haben wir damit natürlich auch wieder qualifizierte Teilnehmer bei der DJEM, welche zwischen dem 18. und 26. Mai 2024 in Willingen (Sauerland) stattfinden wird. Ja, da war ich auch ein paar Mal…ich werde alt.


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