Regeln sind für Schwächlinge

Oder auch: wie ich an sich jede Regel des Schachspiels gebrochen hatte, um gut zu stehen, nur um meinen Vorteil durch ungenaues Spiel aus der Hand zu geben und durch einen Zufall doch noch zu gewinnen.

Sonntag, 16. Februar 2020, 08:00 Uhr. Aus meiner Sicht bis dahin ein Wochenende zum Vergessen und „on top“ kam noch das Spiel gegen Böblingen hinzu, welche sich im Vergleich zur Vorsaison mit Ralf Müller verstärkt hatten, während wir kurzfristig ersatzgeschwächt antreten mussten. Es ist ja nicht so, dass ich Patrick nicht vertrauen würde, aber er hatte zwei Tage vor dem Spiel in unserer Nachholpartie der Stadtmeisterschaft mit einem krassen Fehler die Partie nach zehn Zügen eingestellt…gute Omen sehen anders aus. So wie „Omen by HP“, dem einzig wahren Zubehör für erfolgreiche PC-Gamer! (diese Werbung wurde nicht von HP bezahlt)
Ein gutes Omen war dafür, dass wir im letzten April Böblingen knapp, jedoch souverän mit 4,5:3,5 geschlagen hatten. Unschlagbar waren sie nicht und wenn diese Saison eines gezeigt hat, dann ist es der Umstand, dass jede Mannschaft geschlagen werden kann.

In Böblingen beim Mercure Hotel angekommen, bekam ich zuerst Flashbacks vom Böblinger Open, leider gab es keine Pancakes mit Nutella zur Begrüßung. Dafür wurden wir mit dem Gefühl konfrontiert, welches sonst unsere Gäste haben: wir waren vollzählig da, von Gastgebern nichts zu sehen, auch die Bretter waren noch nicht aufgebaut. Meine soziale Ader setzte sich durch und ich half den Böblingern, als sie wenige Minuten vor 10 Uhr eintrafen, beim Aufbau. Somit konnte es relativ pünktlich losgehen.

Trotz räumlich begründeter leichter Enge war nichts von angespannter Atmosphäre zu spüren. Dabei war unser Duell wegweisend für den Rest der Saison: der Sieger hätte noch Chancen, im Aufstiegsrennen mitzumischen, da zu erwarten war, dass Weiler im Allgäu den Tabellenführer Schmiden/Cannstatt entthronen würde. In Runde 8 würde es noch Weiler – Heilbronn heißen. Aber die Partien plätscherten so vor sich hin. So wurde an Brett 7 zwischen Robin Stürmer und Samuel Schröter bereits sehr früh Remis vereinbart. Fernab jeder Theorie landeten beide Spieler in einer Stellung, welche sehr den Stellungen ähnelte, die man sonst aus der Lf4-Variante der Grünfeld-Verteidigung erhält. Als bester Grünfeld-Spieler in Heilbronn weiß ich natürlich, dass diese Stellungen sehr angenehm für Schwarz sind, wenn Weiß keine konkreten Probleme stellt und die konnte Robin in der Stellung bei Weitem nicht erzeugen. In meinen Augen war Robin mit dem Remis gut bedient, also ließ ich ihn das Angebot des Böblingers annehmen.

Es war nach Robins Partie noch früh im Mannschaftskampf, aber es zeichneten sich eindeutige Tendenzen ab. Auch bei Ralf Müller – Nikolas Pogan wurde etwas jenseits aller Vorbereitung gespielt, was einfach daran lag, dass sich Niko aufgrund unserer kurzfristigen Änderung der Aufstellung mit der falschen Farbe vorbereitete. Immerhin wissen jetzt einige Spieler nach dieser Saison, welche Lücken sie in ihrem Schwarzrepertoire haben. Niko landete schnell in einer perspektivlosen Stellung und gab sich kurz darauf geschlagen.

Damit entwickelte sich ein kleiner Schlagabtausch im Match.
An Brett 5 hatte Richard Dudek mal wieder Weiß und spielte wieder seinen geschlossenen Sizilianer, mit dem er bereits beim Unterlandpokal gegen Öhringen Erfolg hatte. Ich merke mir einfach: falls ich gegen Richard mit Schwarz in der Stadtmeisterschaft spielen muss, spiele ich einfach kein …c5.


Hier spielte Karsten Schuh 8…e5. Klar, das verhindert d4 auf absehbare Zeit, verstärkt aber das weiße Spiel mit f2-f4-f5 und schwächt das Feld d5 sehr. Nach 9. c3 d6 sieht es zwar witzig aus, dass der Springer auf d4 taktisch gedeckt ist, ein direkter Mehrwert ist für Schwarz aber nicht zu erkennen. Richard entwickelte sich einfach und spielte konsequent am Königsflügel, während von schwarzem Gegenspiel anderswo nichts zu sehen war. Wieder eine schöne Partie des Routiniers.

Mit wenigen Minuten Abstand fand die Partie zwischen den beiden Patricks, Seitz und Wenninger, ihr Ende. Robin hatte bereits das Vergnügen mit dem Böblinger Junior, als er in der Verbandsliga gegen ihn eine taktisch anspruchsvolle Partie gewann. Scharf wurde es auch hier, begünstigt durch heterogene Rochaden in einer Zweispringer-Variante der Caro-Kann-Verteidigung. Die resultierende Stellung war sehr kompliziert und ließ beiden Spielern Raum zur Verbesserung. Unser Patrick schaffte die Balance zwischen Angriff und Verteidigung nicht so ganz, er hätte zwischendrin lieber einen Verteidigungszug einbauen müssen, stattdessen wollte er angreifen. Die Ironie des Ganzen war, dass er in der Folge zu passiver Verteidigung verdammt war. Nach Abwicklung in ein für Weiß gewonnenes Bauernendspiel gab er auf.

So weit, so gut – auch wenn wir zurücklagen. Damit begann zumindest aus meiner Sicht ein Drama im Bezug auf die verbliebenen vier Bretter inklusive der drei Spitzenbretter. Für das Drama habe ich noch keinen geeigneten Namen, Vorschläge dürfen gerne in die Kommentare. Gefühlt habe ich mich jedoch wie nach dem Durcharbeiten solcher Dramen im Deutschunterricht: was für eine Zeitverschwendung. Immerhin ein Trost für jede meiner alten Deutschlehrerinnen: ich weiß noch, wie ein Drama in fünf Akten aufgebaut ist. Es war demnach nicht alles umsonst.

Teil 1: Einleitung
Der Beginn schien angenehm. Meine aus der Not entsprungene Vorbereitung, Nimzo-Indisch zuzulassen, ging auf:


Wie ich richtigerweise von Tobias Schmidt informiert wurde, gleicht Schwarz hier mit …c4 aus, was wahrscheinlich in allen modernen Theoriebücher zum Nimzo-Inder steht. Gabriel Gähwiler spielte hier jedoch nach einiger Überlegung …Sc6, wodurch ich mit leichtem Vorteil aus der Eröffnung kam. Rochiert habe ich natürlich nicht und in den ersten 15 Zügen habe ich fast nur Figuren des Damenflügels bewegt, bis auf einen Zug Sg1-f3…ja, für das Jugendtraining ist diese Partie wohl nicht geeignet. Du kannst jede Regel, welche du als Kind lernst, brechen und trotzdem besser stehen. „Schnell entwickeln“, nein. „König in Sicherheit bringen“, Bruder was? Auf e2 steht er super sicher.
Jener Tobias sah sich gegen Valentin Kuklin mit der Bauernopfer-Variante im Vorstoß-Franzosen konfrontiert. Auch die sieht man fast nur als Kind, zumindest ist mir nicht bekannt, dass diese Variante noch versteckte, ungetestete Ideen für Weiß hätte.
Simon Degenhard zwang den gegnerischen Mannschaftsführer Thanh Kien Tran durch eine schöne, jedoch eigentlich weitläufig bekannte, Zugumstellung den Schwarzen in eine Maroczy-Struktur. Tipp an TTK: Nach 1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. Sf3 sollte Schwarz …cxd4 folgen lassen, um dann entweder mit 4. Sxd4 e6 einen zufriedenstellenden Engländer zu spielen oder nach 4. Sxd4 e5 5. Sdb5 d5 6. cxd5 Lc5 das altbekannte Gambit zu spielen. Dieser Tipp war übrigens kostenlos, aber ich stehe für bezahlte Trainingsstunden zur Verfügung.

Teil 2: Steigerung
Kuklin – Schmidt nach dem 11. Zug von Schwarz:


Hier wurde mit 12. Le3 Dxe5 13. Db3 fortgesetzt. Nun hätte wohl 13…Lc6 das weiße Spiel fast im Keim erstickt, aber das sollte nicht folgen…
Simon spielte einfach die angenehme Stellung mit Raumvorteil aus. Ich tauschte alles bis auf Schwerfiguren ab und erhoffte mir vom Spiel gegen die schwache schwarze Bauernstrukur Chancen auf Vorteil. Die Stellung fühlte sich einfach gut an, ich war zuversichtlich.

Teil 3: Höhepunkt
Den (negativen) Höhepunkt setzte Tobias im Anschluss an die oben gezeigte Stellung.


Tobias spielte 13…d4, ein Zug, welchen die Engines zerreißen, mir schien er während der Partie auch nicht geheuer. Das war der Anfang vom Ende für Tobias, welcher sich nach seinem schicksalhaften 13. Zug mit zahlreichen unangenehmen Entscheidungen konfrontiert sah und keine zufriedenstellende Lösung mehr zu finden schien.
Positiv war hingegen die Entwicklung bei Thomas Tschlatscher, welcher mit Schwarz leicht ausgleichen konnte und sich im Endspiel beweisen musste. In einem Doppelturmendspiel hatte er aufgrund der Kontrolle der einzigen offenen Linie leichten Vorteil, als sein Gegner völlig daneben griff.


Schwarz steht freilich besser, ein Durchbruch ist noch nicht in Sicht. Den besorgte Peter Bauer selbst. Statt 36. e4?? hätte er lieber einfach das Brett umwerfen können, wobei ich gar nicht weiß, ob die Regeln dafür einen Partieverlust vorsehen. 36…fxe4+ 37. fxe4 Tf4+ 38. Ke3 Thh4 und der Bauer auf e4 war weg, der Rest „eine Sache der Technik“.

Auch bei Simon gegen TTK schien das Ende der Partie nicht mehr weit:


Mit 25…b5 wurde Öl ins Feuer gegossen, aber Simon spielte präzise: 26. Lxb5 Lf3?! 27. Tc1 Db6+ 28. Kh2 Lh5 29. Le2! und es schien nur in eine Richtung zu gehen…

Teil 4: Das retardierende Moment
„Retard“, englisch für „geistig Zurückgebliebener“ (Quelle: „LEO“), wird des Öfteren als Beleidigung verwendet, aber das „retardierende Moment“ ist einfach nur die Phase im Drama, in welcher die Spannung abfällt, aber Elemente zur Verlangsamung (deswegen „retardierend“) enthalten sind.
Tobias verlor die Kontrolle über seine Stellung komplett. Aber das hatte ich bereits einkalkuliert. Thomas stand auf Gewinn und auch Simon schien im Angriff zu gewinnen. Es hing damit an meiner Partie. Aber ich schien keinen Vorteil herauspressen zu können. Bis auf ein Turmendspiel mit symbolischem Vorteil und leichter Zeitnot meines Gegners konnte ich nichts aufweisen. Es schien auf ein 4:4 hinauszulaufen. Maximal. Simon musste den Sack halt zumachen.

Teil 5: Katastrophe
Plötzlich ein Lichtstreif am Horizont!


IM Gähwiler lebte seit wenigen Zügen nur vom Inkrement. Rein objektiv gesehen habe ich keine Drohung in dieser Stellung. Ich kann meinen König nach d2 stellen, aber das war’s. Scheinbar reichte dies aus, denn es folgte 37…Td5? 38. Tb7! und nun kann Schwarz den Bauern auf a4 nicht angreifen, um das weiße Tb7-b5 zu verhindern. Das musste der Sieg für uns sein. Zwar beging ich noch einen Fehler, jedoch fand mein Gegner eine versteckte Ressource zum Remis nicht.
Aber nichts war’s. Tobias verlor. Thomas gewann. Simon hatte in Zeitnot einen Aussetzer und der Partieverlauf wurde auf den Kopf gestellt. Statt vor einem Endspurt der Saison mit kleinem Finale gegen Weiler standen wir vor dem Nichts. Auch in 2020/21 heißt es Oberliga. Natürlich ist schwer zu argumentieren, dass wir es nach den Niederlagen gegen Schmiden/Cannstatt und Jedesheim verdient hätten, aber die Chance war da.

3,5:4,5 war der Endstand. Bedient fuhren wir nach Hause und ließen uns als Zwischenstopp bei Kentucky’s Fried Chicken in Ludwigsburg bedienen. Doppelt bedient. Was für ein Tag.

1. Mannschaft

Dabei lief das Wochenende eigentlich gut. Am Tag davor, dem Samstag, gewann die Bezirksjugendliga-Mannschaft mit 6:0 gegen SF Schwaigern 2. Schade, dass die erste Runde gegen HN-Biberach 2 verloren ging, sonst wären sie am Aufstieg in die Verbandsjugendliga dran.
Auch die 3. Jugendmannschaft gewann, zwar „nur“ mit 4:0 aber dennoch ein wichtiger Erfolg für die junge Truppe. Der Truppe steht übrigens ein sehr talentiertes Mädchen an Brett 1 vor, das haben wir sicher schon seit zehn Jahren nicht gesehen.

Am Sonntag machten es auch alle anderen Mannschaften besser. In der Kreisklasse zeigte man sich erholt von der überraschenden Niederlage gegen Bad Rappenau und schlug Böckingen 2 eindeutig mit 6,5:1,5.
Mit einem ähnlich klaren 6:2 vertrieb die 4. Mannschaft endgültig alle Abstiegsgespenster und kann damit den zweiten Klassenerhalt in Folge feiern. Wenn die ganzen Kinder alle gleichzeitig besser werden, müssen sie wohl aufsteigen, in der dritten Mannschaft wird es eng.

Nun…das war mein Wort zum Sonntag.

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