Erst der Spaß, dann das Vergnügen

…und wann kommt die Arbeit?

Über die Sportlerehrung hatte Ramin bereits berichtet und auch wenn die Ehrung für unser Ergebnis der vergangenen Saison war, hätte es sich zumindest nicht für mich richtig angefühlt, wenn wir am 19. Januar keine zwei Siege eingefahren hätten. Die Erste war trotz diverser Ausfälle klarer Favorit gegen den Aufsteiger aus Nürtingen, während die Zweite immerhin die leicht besseren Chancen gegen die dritte Mannschaft der Stuttgarter Schachfreunde hatte. Unabhängig von der Ausgangslage waren beides Pflichtsiege, gerade für die Zweite, um sich dem Abstiegsgespenst mit einem großen Schritt zu entfernen.

Die Vorbereitung lief optimal. Am Vorabend fanden sich mehr als 30 Vereinsmitglieder sowie Eltern ein, um das Schach-Jahr 2019 Revue passieren zu lassen. Bei von der Vereinskasse bezahlter Pizza (wer braucht da schon Erstattung von Startgeldern?) genossen wir die vorbereiteten Bildschirmpräsentationen, um uns danach intellektuell beim Schach (ernsthaft? als ob es nicht genug Schach im Jahr gibt…) oder beim Spiel „Werwölfe von Düsterwald“ zu messen. Es hat schon einen Vorteil, wenn man der älteste Spieler in der Runde ist…man gewinnt einfach jedes Spiel.
Den aufmerksamen Lesern empfehle ich hier, bei der Bezahlung auf Lieferando.de den Beamer abzudunkeln oder Ähnliches, ansonsten könntet ihr unwissentlich eure Kreditkartendaten mit allen teilen. Oder ihr habt wie ich eh genug Kreditkarten und es ist euch egal… #RichLife

Nach der Beendigung der Festlichkeiten gegen 0:15 Uhr ging es noch in eine gemütliche Bar, was dafür sorgte, dass ich gegen 2:30 Uhr zuhause war. Werden wir je erfahren, wie gut ich Schach spielen kann, wenn ich meinen Schlafrhythmus umstelle? Das erfahren Sie im nächsten Jahr.

Glücklicherweise war Severin Bühler nicht für die zweite Mannschaft eingeplant. Das meine ich nicht wegen seiner Leistung beim Staufer Open, sondern wegen Tobias Peng – dieser musste dann mit der Bahn von Öhringen nach Heilbronn fahren und wurde von Julian Bissbort (in der Zweiten aktiv) gegen 9:20 Uhr am Hauptgebäude unseres Hauptsponsors abgesetzt. So hatte ich immerhin zwei Menschen, welche mir beim Aufbau halfen und tatsächlich war gegen 9:40 Uhr, als die ersten Spieler der gegnerischen Mannschaft eintrudelten, der Aufbau geschafft und auch das Problem mit den Tischen, welches wir beim Spiel gegen Schmiden/Cannstatt im November 2019 hatten, war gelöst – jeder hatte ausreichend Platz nach vorne, hinten, rechts und links.
Von meiner Mannschaft war abgesehen von Tobias natürlich nichts zu sehen, mit Thomas Tschlatscher kam der letzte Kollege um genau 10:00 Uhr, immerhin pünktlich, also nichts zu meckern.

Nürtingen war definitiv nicht zu unterschätzen. Wir hatten schon unsere schlechten Erfahrungen mit Aufsteigern gemacht und sie nahmen den Deizisauern zu siebt einen Mannschaftspunkt ab.

Nach Arbeit war mir definitiv nicht zumute mit nur wenig mehr als fünf Stunden Schlaf. Der einigen Spielern bekannte Prof. Bernhard Weigand spielte ausnahmsweise mal nicht 2. b3 gegen Sizilianisch, sondern eine alte Variante, gegen die ich die beste Fortsetzung nicht im Kopf hatte, folglich war Improvisation angesagt. Das hat am Vorabend beim Werwolf-Spiel auch gut geklappt, wenn ich auf die ganzen Argumente zurückblicke, die ich mir aus den Fingern gesogen hatte. Nach etwa 15 Zügen stand ich leicht schlechter, aber ein Beinbruch war es noch nicht. Mit einer leichten Schwächung meines Damenflügels bewegte ich meinen Gegner dazu, einen Damentausch zu erzwingen, bei dem meine einzige Schwäche auf d6 durch seinen Bauern auf d5 verstellt wurde, wenig später bot er Remis. Leider fand ich keinen Weg zum risikoarmen Weiterspielen und willigte ein.

Tobias Schmidt erledigte einen Großteil seiner Arbeit zuhause bei der Vorbereitung. Sowohl auf dem virtuellen Schachbrett am Vorabend als auch auf dem realen Schachbrett war sein Figurenopfer auf dem Brett, welches laut seiner Engine „0.00“ war. Ich mochte es überhaupt nicht und auch wenn meine neue Freundin nicht ganz so radikal in der Bewertung ist, mag auch LeelaChessZero („Lc0“ genannt) die weiße Stellung nicht. Danke RTX 2070 super, dass du mir die Nutzung von Lc0 ermöglichst.
Das Figurenopfer war auch der Wendepunkt der Partie. Nach mehr als 30 Minuten Denkpause entschloss sich Claudius Mehne dazu, die Figur nicht zu nehmen, danach hatte Tobias einen relativ glatten Mehrbauern und die schwarze Stellung kollabierte nach einem Damentausch schnell.

An Brett 3 vergaß Sascha Mareck nicht nur sein Handy nach dem Spiel (immerhin sollte er es am 23. Januar wieder bekommen, wenn DHL nicht schlampt…oh je, ich weiß doch als Online-Händler, dass man denen manchmal nicht vertrauen kann), sondern scheinbar auch Katalanisch-Theorie, sodass Simon Degenhard schnell in eine überlegene Stellung kam. Nach 20 Zügen war die weiße Stellung so schlecht, dass eine Qualität für Simons weißfeldrigen Läufer gegeben wurde. Das war jedoch ohne Kompensation geschehen, die Aufgabe erfolgte wenige Züge danach.

Richards Partie gegen den gegnerischen Mannschaftsführer Stefan Auch war definitiv die spannendste des Tages. Es sah so aus, als hätte Richard aus seiner Partie gegen Marc Gustain gelernt, denn dieses Mal kam er mit Weiß sehr gut aus einem Skandinavier heraus. Gerade als Richard seine Stellung weiter verbessern wollte, musste er aufgrund einer Regelstreitigkeit seinen König ziehen, ein minderwertiger Zug. Auch der psychologische Faktor war nicht zu unterschätzen. Trotzdem schaffte Richard es, seinen Gegner im Mittelspiel komplett zu überspielen und statt Minusbauer hatte er ein gewonnenes Endspiel auf dem Brett, bei welchem bei gleichem Material der letzte schwarze Turm auf h8 gefangen war. Leider machte sich der Effekt der langen Partie sowie der Situation am Anfang der Partie bemerkbar, nach fast fünf Stunden unterlief Richard noch ein Fehler und der Gegner entkam ins Remis.

Das war Richards Stellung – mein Gefühl sagte mir, dass dies gewonnen war und tatsächlich bestätigte mir das eine Tablebase für sieben Steine (ja, sowas gibt es schon länger), als sie „Matt in 42“ zeigte. Die Antwort auf alle Fragen des Universums schlägt zu. Es ist natürlich sehr schwer, dies in einer praktischen Partie zu zeigen, aber der Gewinnweg der Engines ist wirklich lehrreich – erst wird Tc6 mit Absperrung des Königs gespielt und in der Folge schafft es Weiß, den schwarzen Läufer in Kombination mit Mattmotiven so zu dominieren, dass er nach f8 muss – ja, unglaublich! – woraufhin der weiße König dank Zugzwang-Motiven auf g7 erscheinen wird. Nachspielen wird vom FM empfohlen!

Thomas kam als Letzter in den Spielsaal und war dafür fast als Erster fertig. Soweit ich gehört habe, hat Stefan Gold ihm oft Remis geboten und als Thomas’s Stellung klar schlechter war, konnte er nicht mehr ablehnen und willigte in ein frühes Remis ein. Trotzdem bleiben die 2200 Elo in greifbarer Nähe. Verdient hätte er es.

Ein Brett dahinter kam Tobias Peng zu seinem zweiten Einsatz und bekam mit Matthias Kill irgendwie den perfekten Gegner. Nicht dass der Nürtinger ein schlechter Spieler wäre, das Gegenteil behaupte ich – aber Tobias kommt es sehr gelegen, wenn seine Gegner/innen viel Zeit für ihre Entscheidungen verbrauchen, denn er setzt gerne in unscheinbar aussehenden Stellungen taktische Nadelstiche. Der leichte Druck wurde dem Gegner dann auch zu viel und schnell stand Tobias auf Gewinn:

Wie gewinnt Weiß am Zug (nur eine klare Gewinnvariante) und wie hat Tobias die Partie beendet? Ja, das sind zwei separate Fragen mit zwei verschiedenen Antworten.

Hinten hatten wir zwei Premieren für diese Saison. Für Brett 7 lieh ich mir Ramin von der Zweiten aus, da diese Robin sicher mehr brauchten als ich. Ramin hielt die Stellung sehr lange im Gleichgewicht und schlug dann eiskalt zu:


Hier beging Klaus-Dieter Templin mit Da6-b6 einen unscheinbaren Fehler, den Ramin gleich mit …Db4! ausnutzte. Nun ist Sxe4 nicht mehr möglich, weil die weiße Dame nicht mehr den schwarzen Turm auf c8 angreift. Nach den weiteren Zügen 25. Da5 Db2 26. Ke1 b4 27. Da6 Tc7 funktioniert die Taktik nicht mehr, denn nach 28. Sxe4?? Sxe4 musste Weiß wegen der Mattdrohung aufgeben, es war keine Zeit mehr, auf c7 zu nehmen. Der Einsteller beschleunigte die Sache natürlich, aber die weiße Stellung war durch die schwarze Konstellation am Damenflügel sowieso schon komplett gelähmt, da hätte es keinen Ausweg mehr gegeben.

Ganz besonders freuen durfte sich Daniel Schäfer, welcher als Jugendbrett zum ersten Mal überhaupt in der Oberliga spielen durfte. So gut diese Idee vom SVW war, so schlecht ist sie umgesetzt, Stand jetzt (22. Januar 2020 um 18:10 Uhr) steht im Ergebnisdienst immer noch, dass Thomas Hanak von Nürtingen gegen „entfällt“ verloren hat. Naja, wieso rede ich überhaupt noch.
Da Nürtingen mit zwei Ersatzspielern antrat, hatte Daniel einen zahlenmäßig gleich starken Gegner, jedoch schien dieser im Königsinder die Überhand zu gewinnen. Erfahrung ist auch ein Faktor, während Daniel die Stellung sicher keine zehn Mal auf dem Brett hatte, kann sein Gegner sicher auf jahrelange Spielpraxis zurückblicken. Das half in der Krise der Partie aber auch nichts, Schwarz verzettelte sich taktisch, da war der Vorteil auf Daniels Seite und bei drohendem Damengewinn gegen Turm+Figur übersah Schwarz, dass bei seiner Zugwahl gleich ein ganzer Turm verloren ging, also krönte Daniel sein Debüt mit einem Sieg.
Ich stand übrigens in meinen drei ersten Partien für die Erste (Verbandsliga-Saison 2009/10) drei Mal komplett auf Verlust und gewann alle drei Partien, du bist auf einem guten Weg, Daniel.

Nur drei Remisen, keine Niederlage, 6,5:1,5 für uns. Wir bleiben oben dran, Nürtingen muss sich wohl endgültig mit dem Gedanken anfreunden, 2020/21 wieder in der Verbandsliga Süd zu spielen. Und puh, wir haben dem Underdog der Liga mal nicht einen unnötigen Punkt geschenkt.

1. Mannschaft

Oben gewannen alle Teams, die Konstellation der Top 4 Teams bleibt also gleich: Schmiden 11 MP, Weiler 9 MP, Böblingen und wir 7 MP. Weiler muss noch gegen Schmiden spielen und hat daher immer noch alles in der eigenen Hand. Wir haben den Vorteil, dass wir aus eigener Kraft zumindest Zweiter werden können, wenn wir Böblingen (16. Februar) und Weiler (1. März) schlagen. Die Wiederholung der Vizemeisterschaft wäre nach dem verkorksten Start perfekt.

Das Ganze war doch eindeutig mehr Spaß als Arbeit, auch aufgrund der erneut kostenlosen Verpflegung durch unseren Sponsor Prisma. Weiter den Bauch vollschlagen konnten wir dann noch bei der Sportlerehrung. Im Prinzip hätte man sich einen ganzen Tag lang nur von kostenlosem Essen ernähren können, selbst wenn man an dem Tag gar nicht gespielt hätte. Was für ein Leben.

Die Zweite gewann mit 5:3, vielleicht schreibt jemand noch etwas darüber, anscheinend ging es wilder zu als bei uns.

Und wieso Ramin nicht das beste Bild von der Sportlerehrung online gestellt hat, weiß ich auch nicht:

Heilbronner SpaßVerein e.V.

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