Kein goldener Oktober

Der zweite Monat der Saison 2019/20 sorgt durch alle Mannschaften hindurch für Ernüchterung: Mit Ausnahme der ersten Jugendmannschaft (4,5:1,5 gegen Aufsteiger Viernheim) lief nämlich wenig bis gar nichts zusammen und auch der letzte Spieltag war keine Ausnahme: Die Dritte empfing nur sieben Öhringer und konnte immerhin einen Mannschaftspunkt behalten; für die Fünfte hingegen setzte es in Biberach gar eine herbe 1:5-Niederlage. Auch in Stuttgart gab es nichts zu holen.

Dabei waren die Voraussetzungen günstig, da Stuttgarts Erste für ihren Zweitligaauftakt gleich mehrere Spieler nach oben abzog, um Großmeister zu zerlegen. Wenn ich die rote fettgedruckte Meldung auf der SSF-Website richtig interpretiere, ging die Strategie offenbar auch auf. An dieser Stelle weiterhin viel Erfolg bei der Mission Klassenerhalt – natürlich rein aus fränkisch-schwäbischer Verbundenheit und nicht etwa, weil es dann vielleicht auch weniger Absteiger aus der Verbandsliga geben könnte 😉

Die Folge der Stuttgarter Doppelbelastung war, dass uns statt des Kampfes gegen Goliath nominell ein Duell auf Augenhöhe erwartete (die deutlich größere Ober- und Zweitligaerfahrung unserer Gastgeber einmal ausgeklammert). Dementsprechend passierte die ersten paar Stunden nicht viel – jedenfalls auf dem Spielbericht; auf den Brettern bildeten sich teilweise früh erste Tendenzen. So geriet Robin am Spitzenbrett nach einem Anflug von Schachblindheit gegen Gabriel jun. stark unter Druck. Auch bei Patrick konnte man nach der Eröffnung bestenfalls auf ein Remis hoffen; mit nur noch einer verbliebenen Leichtfigur sah sein Isolani eher nach statischen Vorteil für Oberliga-Partienscanner Keilhack aus.

An Brett 3 wurde eine ähnliche Struktur diskutiert; allerdings mit Jürgen auf der weißen Seite und dem Versuch nachzuweisen, dass das gegnerische Läuferpaar den Isolani nicht vollständig kompensiert. Weniger positionell ging es bei mir zu: Gegen Josef Gabriels königsindischen Angriff konnte ich zwar früh am Damenflügel eine Linie öffnen, aber Königsangriffe sind naturgemäß gefährlicher, auch wenn sie spät kommen. Mit einem trickreichen Bauernopfer verschärfte er die Stellung und ich musste mich erst einmal auf Verteidigung einstellen. Die gleiche Aufgabe (Verteidigung) hatte auch Christian, nachdem er von der Urform des Wolga-Gambits (mit …e6 statt …g6) überrascht wurde. Ich kenne weder die Theorie noch habe ich die anschließende Analyse mitbekommen, aber irgendwo bog Cheffe wohl falsch ab und musste fortan ein undankbares Turm-/Läuferendspiel mit Minusbauer verteidigen.

Kim-Luca spielte ambitioniert und verschaffte sich Raumvorteil im Zentrum. Im Gegenzug setzte sein Gegner auf Figurendruck und konnte Kim-Lucas Bauernstruktur zersplittern. Mit vier Bauerninseln setzte Kim-Luca weiterhin auf Aktivität, jagte seinen Freibauern vor und opferte die Qualität, um den Druck auf seinen Gegner zu erhöhen. Letztlich griff jener in komplizierter Stellung zwar fehl, aber Kim-Lucas Zeit war mittlerweile zu knapp, sodass er Remis annahm.

Kurz zuvor hatte auch Severin mit seinem Gegner Frieden geschlossen. Das Stuttgarter Jugendbrett verzichtete darauf, Severins Sizilianer scharf anzugehen, sodass sich die Spannung im Zentrum ziemlich schnell auflöste. Damit verbunden waren Abtäusche, noch mehr Abtäusche und schließlich ein Remisendspiel.

Kurz vor der Zeitkontrolle fiel dann die erste Entscheidung: Marcel lieferte sich mit seinem erfahrenen Gegner einen offenen Schlagabtausch; übersah in beidseitiger Zeitnot jedoch eine tödliche Springergabel – Dame weg, Partie weg und 2:1 für Stuttgart.

Nach den Zeitnotphasen hatte sich der Rauch dann auch verzogen: Robin schaffte es, die gegnerische Druckphase unbeschadet zu überstehen und ins Schwerfigurenendspiel abzuwickeln, das trotz Minusbauer dynamisch ausgeglichen war. Dramatisch wurde es kurz vor dem 40. Zug, als sein Gegner die Damen tauschte und Robin plötzlich auf Gewinn stand!


Nach 38. Kxh6! steht Weiß trotz Minusbauer auf Gewinn, da er die Stellung völlig dominiert: Aufgrund der Mattdrohung fällt a7, wonach Weiß auch noch mit dem Übergang ins gewonnene Bauernenspiel droht (z.B. nach 38… Kf8 39. Txa7 Te6 40. Ta8+ Te8 41. Txe8 Kxe8 42. Kg7). Also muss der schwarze Turm zurück auf die Grundreihe und Weiß kann nach Belieben Bauern einsammeln. Auf den Partiezug 38. Te7 hatte Schwarz noch die Ressource 38… Te6! und das Turmendspiel nach 39. Txa7 Txf6 war dann für niemanden zu gewinnen.

Und nun zog Stuttgart davon. Christian musste nach langer Gegenwehr die Waffen strecken und auch Jürgens Gewinnversuch ging nach hinten los: Der gegnerische Isolani wurde auf einmal stark und rückte bis nach d2 vor, sodass Jürgen das Endspiel trotz ungleichfarbiger Läufer nicht mehr halten konnte. Das war Punkt Nummer 4,5 für die Gastgeber und somit auch die Entscheidung.

Patrick konnte seinen Isolani zwar durch einen Läufertausch auf e4 auflösen; dort stand der Bauer aber auch exponiert und wurde bald eingesammelt. Resultat war ein 4:3-Turmendspiel am Königsflügel, bei dem Patrick jedoch die Auffangstellung f7-g6-h5 verwehrt blieb – also eine sehr schwierige Verteidigungsaufgabe, die sich am Brett als unlösbar herausstellte. In der Zwischenzeit hatte ich den gegnerischen Königsangriff abgewehrt und nachdem wir uns wechselseitig Bauern abnahmen, konnte ich in ein Springerendspiel mit Mehrbauer abwickeln. Durch das reduzierte Material (drei gegen zwei Bauern) und seine hartnäckige Verteidigung dauerte die Verwertung aber eine ganze Weile. Immerhin konnte ich am Ende noch in die Trickkiste greifen und insgesamt drei Springeropfer auspacken:

In der Tabelle sind wir jetzt auf den 5. Platz abgerutscht, allerdings geht as ab Platz 4 abwärts noch relativ eng zu. Nach oben setzen sich langsam die Favoriten Stuttgart II, Grunbach und Böblingen II ab; mit allen anderen werden wir wohl um den Klassenerhalt konkurrieren. Aber erst einmal wartet im November mit Böblingen II der nächste schwere Brocken.

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