Eine Frage der Reife

Nach meiner kleinen Babypause und dem Wiedereinstieg in die zweite Mannschaft (hier war ich ja schon seit der Saison 2004/05 nicht mehr!) ist wohl die Zeit reif dafür, dass ich auch mal wieder einen Bericht schreibe. Also dann.

Vergangenen Sonntag ging es nach Lauffen zum Spitzenduell der Landesliga Unterland. Die Ausgangssituation war vielversprechend, hatten wir doch 2 Mannschaftspunkte und satte 4,5 Brettpunkte Vorsprung auf unseren direkten Verfolger im Kampf um die Meisterschaft und den damit verbundenen Verbandsliga-Aufstieg. Schon ein 4-4 würde sicher reichen und so wurde der Aufstieg von vielen wohl schon als reine Formsache betrachtet; man konnte sich die Kommentare in der Vereins-WhatsApp-Gruppe schon regelrecht ausmalen: „nice“, „gg“ (good game), „wp“ (well played), „easy“.

Aber „easy“ war an diesem Morgen nichts. Vielmehr war „hard work“ für uns angesagt, denn Jürgen und Ramin waren kurzfristig erkrankt und da die Lauffener – in Abwesenheit von Waldemar Schlötzer – ihre Top-Aufstellung brachten, waren sie nominell sogar leicht favorisiert. Zumal sie an Brett 8 nicht irgendeinen Ersatzspieler brachten, sondern Thomas Heerd, einen äußerst starken Spieler und ehemaligen Heilbronner. Wir erinnern uns, wie er vor einigen Jahren – noch in Heilbronner Diensten und ironischerweise gegen Lauffen – den unvergleichlichen und unvergessenen Thomas „Big Pommes“ Heinl in einem Kraftakt niederrang. An diesem Morgen war es an Adrian, ähnlich Wundertaten für uns gegen Thomas zu vollbringen.

Die einzige Paarung, bei der wir einen signifikanten DWZ-Vorsprung hatten, war also Wolbert – Geigle an Brett 3, wo Cheffe mit Weiß versuchte, seinen Gegner über die d-Linie unter Druck zu setzen. Ein frühes Remis-Gebot schlug er richtigerweise aus, fand in der Folge aber keinen Weg und so verflachte die Partie nach einigen Abtäuschen. Übrig blieben Damen und ungleichfarbige Läufer und so war diese Partie als erste vorbei. 0,5 – 0,5 und für uns leider einen Tick zu wenig.

An Brett 4 spielte ich zum wiederholten Male gegen meinen ehemaligen Weggefährten aus der Jugend, Axel Widmer. Vor ein paar Jahren hatten wir in der Verbandsliga einen offenen Sizilianer auf dem Brett gehabt. Axel hatte damals eine Ungenauigkeit begangen und ich hatte postwendend – beim Versuch diese auszunutzen – eine noch schlimmere begangen und damit die Partie schnell zum Verlust verhunzt. Für heute jedoch war ich gut gerüstet, hatte ich doch aus meinem Fehler gelernt. So kam es auch zu 1. e4 c5, doch dann überraschte mich Axel mit 2. Sc3 und einem geschlossenen Sizilianer. Anscheinend hatte auch er sich an unser letztes Aufeinandertreffen erinnert.

Mein oberstes Credo war zunächst mal, einfach nur schnell zu spielen. Robin hatte mir dafür extra vor dem Mannschaftskampf zwei Dinge mit auf den Weg gegeben: erstens, ein fast schon wissenschaftliches Traktat über unnötige Zeitverschwendung im Schach (gegen Tamm hätte ich meine Gewinnstellung fast in Zeitnot noch auf Remis versaut, gegen Bad Wimpfen Anfang des Jahres ist mir dies dann tatsächlich auch gelungen), zweitens einen ordentlichen Hieb gegen den Oberarm. Nein, das ist nicht im übertragenen Sinne gemeint und wer Robin kennt, weiß, dass dieser nicht zimperlich ausfiel. Immerhin hatte er es mir nach dem Wimpfen-Spiel so angekündigt.

Mit ordentlich Zeit auf der Uhr und schmerzendem Arm konnte ich meinem Gegner in der Eröffnung einen Isolani auf d4 schaffen, während ich selbst keinerlei Schwächen hatte und meine Figuren gut koordiniert waren. Nachdem ich seinen Problembauern gut blockiert hatte, kamen wir zu folgender Stellung:

Mit weniger Bedenkzeit (oder in jüngeren Jahren…) hätte ich mich hier sicherlich sofort für 23…Sb4 entschieden, einen Zug, der meinem Angriffs-Stil eigentlich voll entspricht. Der Turm wird frei, das Feld c2 ist unter voller schwarzer Kontrolle und der Rückzug des Springers aufs Blockadefeld d5 ist eine gute Option. So aber hatte ich die Möglichkeit, ein noch stärkeres Motiv zu erkennen, vorausgesetzt natürlich, ich könnte meinen Gegner in trügerischer Sicherheit wiegen. Ich wählte also statt dem forschen, jugendlichen Angriff meinem mittlerweile reifen Alter entsprechend den reifen Rückzug Se7. Von hier aus könnte der Springer nicht nur nach d5, sondern bei Bedarf auch nach f5, mit Tempogewinn. Zudem droht ebenso Tc2.

Weiß versuchte daraufhin, mit 24. Sc3 Löcher zu stopfen, woraufhin es zu folgender Stellung kam:

Schwarz am Zug gewinnt

Ein voller Punkt für mich also, dazu eine Magic-Karte von Robin als Belohnung für meine gute Zeiteinteilung, was will man mehr.

So gingen wir tatsächlich zwischenzeitlich in Führung, aber am Nebenbrett sah es bei Kim-Luca schon alles andere als gut aus. Er hatte alles auf die Karte Königsangriff gesetzt und dabei seinen Damenflügel komplett vernachlässigt. Ein sehr romantischer Spielstil, für den ich ja selbst auch große Sympathien hege, der aber im modernen Schach leider zu selten von Erfolg gekrönt ist. Seinen Gegner Wolfgang Sattler schien dies entsprechend so gar nicht zu beeindrucken und er parierte Kim-Lucas Angriff, bestehend aus Dame, Turm, Springer und Bauer, mit einem einzigen, wohlplatzierten Springer auf f5. Daraufhin griff Kim-Luca aus Verlegenheit doch zum Damenflügel, um dort völlig unmotiviert 22. b3? zu ziehen. Gefühlt wäre wohl jeder andere Zug besser gewesen. Schwarz holte sich den Bauern, schuf sich damit auf der a-Linie einen Freibauern und hatte auch sonst die weitaus bessere Figurenkoordination. 1,5-1,5 also.

Patrick an Brett 2 hatte gegen Holger Scherer mit Schwarz lange ordentlich verteidigt, den Bauern auf b2 hatte er sich aber nicht getraut, einzuverleiben. So blieb ihm nur die defensive Rolle und er kämpfte bei weitestgehend festgelegten Bauern mit zwei Springern und Schwerfiguren gegen zwei Springer und Schwerfiguren um den halben Punkt. Irgendwann krachte seine Stellung dann aber zusammen, als Holger seinen einen Springer auf e6 opferte und der übriggebliebene Springer dann ebenfalls nach e6 galoppierte und den Unterschied machte.

Eine wahrlich „reife Leistung“ brachte Robin an Brett 1. Obwohl sein Gegner Gunnar Schnepp nominell recht deutlich favorisiert war, war von vorneherein klar, dass es hier einen heißen Tanz geben würde. Robin ist einfach nie Außenseiter, egal gegen wen es geht, ein Umstand, der dem Team schon so oft das nötige Selbstvertrauen gegeben hat. Nach einer sehr unorthodoxen Eröffnung hatte Robin Stellungs- und bald auch Zeitvorteile. Dabei entstanden witzige Stellungsbilder, wie z.B. im 18. Zug, als Schwarz den weißen Springer auf e4 soeben mittels f5 angegriffen hatte und Weiß als direkte Reaktion darauf den schwarzen Springer auf e5 mittels f4 angriff. So kam es zu einem kuriosen Springerabtausch „über Kreuz“. Doch lassen wir die Partie (und Robins Kommentar) sprechen:

Besonders lehrreich war, wie Robin mit der Zeitnot seines Gegners umging. Er berechnete präzise eine Zugfolge, führte diese quasi a tempo durch um den Gegner zum schnellen Spielen zu zwingen und schaute erst nach einer begangenen Ungenauigkeit wieder tiefer rein, um die nervliche Anspannung des Gegners aufrechtzuerhalten. Darauf folgten wieder 2-3 schnell gespielte Züge und dann war die Messe auch schon gelesen. Leider sollte dies unser letzter Punkt an diesem Tag bleiben.

An Brett 7 spielte „Biefi“ gegen Bernd-Michael Werner, der vor allem für seine vielen Turnierauswertungen bekannt ist. Doch Biefi spielte munter drauf los, frei nach dem Motto: „jugendliche Unbekümmertheit sticht Erfahrung“. Mit Weiß platzierte er bald einen Turm auf d6, verpasste es dann aber, seinen anderen Turm nach d1 nachzuziehen (wohl aus Angst, der d6-Turm könnte eingeklemmt werden). So wurde er mehr und mehr hinten reingedrängt und sah sich nach einiger Zeit mit einem unangenehmen Springeropfer auf g2 konfrontiert, welches er zunächst gut beantwortete, an dessen Langzeitfolgen er jedoch zugrunde gehen sollte. In der Folge tauschte Biefi seine beiden Türme gegen die gegnerische Dame und wir wähnten immer wieder praktische Chancen auf ein Dauerschach oder gar ein Mattnetz, da auch die schwarze Königsstellung nicht mehr ganz sattelfest war. Insgesamt aber überwogen die zwei Mehrbauern, die Schwarz mittlerweile zusätzlich hatte, und das starke Zusammenspiel zwischen Läufern und Türmen bei schwacher weißer Königsstellung.

Mannschaftsführer Marcel hatte an Brett 6 mit Schwarz gegen Alexander Hahn lange Zeit eine in etwa ausgeglichene Stellung, bis er meinte, per Spieß eine Qualität gewinnen zu müssen. Mit einem simplen Gegenangriff auf Marcels hängenden Turm hätte Weiß die Partie wohl schon früher für sich entscheiden können. Stattdessen erlangte Marcel tatsächlich für einige Züge eine wohl vorteilhafte Stellung, die aber sehr genaues Spiel bei knapper Bedenkzeit erforderte. Doch schon bald stand Weiß wieder auf Gewinn, ließ dann aber die Möglichkeit einer dreifachen Stellungswiederholung zu. Marcels Stellung war mittlerweile so hoffnungslos, dass er über den halben Punkt noch froh sein konnte und   – nach reiflicher Überlegung – dieselbe Stellung zum dritten Mal herbeiführte, dann die Uhr anhielt und anschließend reklamierte. Zu aller Überraschung unterband der gegnerische Mannschaftsführer die Remis-Reklamation sofort und setzte die Uhr wieder in Gang. Die Reklamation sei ungültig, man könne nur reklamieren, wenn man auch am Zuge sei und müsse deshalb mit Ausführung des Zuges auf dreifache Stellungswiederholung reklamieren, und nicht erst kurz hinterher. Sicherlich eine sehr strenge Regelauslegung, wenn auch in der Sache wohl korrekt. Es war leider auch nicht die einzige strittige Angelegenheit an diesem Morgen, doch wollen wir an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, sondern halten es wie Arsène Wenger, der einmal sinngemäß sagte, der wahre Geist des Sports bestehe darin, Ungerechtigkeiten, die einem zugefügt werden, zu überwinden, indem man nicht aufhört, weiter innerhalb der Regeln zu kämpfen. Für Marcel jedenfalls bedeutete die Partie eine bittere Lehrstunde, nicht zuletzt in regeltechnischer Hinsicht.

So blieb es an Adrian, den bereits verlorenen Mannschaftskampf in Sachen Brettpunkten noch ein wenig abzufedern. Obwohl er über weite Strecken des Spiels im Zentrum und auf der d-Linie verdächtig stand, hatte ich immer das Gefühl, dass er wusste, was er da tat. Irgendwie strahlt der Mann die totale Ruhe aus. Zugegeben, es hätte mir alles noch besser gefallen, wenn sein König schon rochiert gewesen wäre, aber irgendwie ging das alles noch – bis er irgendwann den gegnerischen Turm auf c7 einbrechen ließ. Das Endspiel war zwar noch spielbar, aber irgendwann wurde der weiße König zu aktiv und der Damenflügel war nicht mehr zu halten. Schade, aus kämpferischer Sicht sicherlich eine reife Leistung.

5,5 zu 2,5 kamen wir in Lauffen also in der Endabrechnung unter die Reifen… äääh Räder. Die erzielten Punkte stammten dabei von den drei ältesten Teammitgliedern. Das Konzept des möglichst jungen Teams, das in der 1. Mannschaft in der Oberliga derzeit voll aufzugehen scheint, erwies sich gegen die erfahrenen Lauffener als zu wenig.

In der Schlussrunde am 31.3. gegen den Drittplatzierten Marbach, wo wir voraussichtlich einen klaren Sieg benötigen werden, um den Aufstieg zu schaffen, zählen wir auf die Rückkehr unserer Erfahrenen Ramin und Jürgen.

Bis dahin haben wir Zeit, aus unseren Fehlern zu lernen und uns adäquat auf das Saisonfinale vorzubereiten. Den Beweis, dass wir wirklich reif für den Titel sind, sind wir noch schuldig. Es ist also einmal mehr „hard work“ angesagt oder wie Robin es ausdrückte: „auf den Hosenboden setzen und schaffen.“

Kommentare

Eine Frage der Reife — 2 Kommentare

  1. Hallo Julian,

    wenn euch die Regelunkenntnis eures Spielers den Aufstieg kostet (der verlorene halbe Punkt zählt doppelt gegen die direkte Konkurrenz), dann wäre das bitter. Es war *völlig korrekt* vom Schiedsrichter/Mannschaftsführer, die Reklamation abzulehnen – wenn man selbst die dreimalige Stellung herbeiführen würde, dann notiert man den geplanten Zug, hält die Uhr an und ruft den Schiedsrichter, das ist so, seit ich denken kann. Und das sollte insbesondere euer Mannschaftsführer/Schiedsrichter (!) wissen. Vielleicht wäre eine Schulung gut?!

    Ansonsten habe ich den Bericht gerne gelesen – vor allem, weil da so viele bekannte Namen vorkamen: Neben „Big Pommes“ (Wie ist es nur zu diesem Namen gekommen? :-)) kenne ich ja vor allem Dingen Axel und Holger noch gut von früher…

    Jetzt haut ihr Marbach weg, dann reicht es doch noch locker mit dem Aufstieg. Viel Erfolg!

    Herzliche Grüße
    Jochen

  2. Hallo Jochen,

    schön von Dir zu hören und vorallem schön zu sehen, dass Du immer noch regelmäßig die Website besuchst! Wir warten nach wie vor auf Deine Rückkehr! 😉

    Julian