Das Glück hilft (nicht) den Tüchtigen – Abschlussbericht DVM 2015

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Eine komplette und fast komplett ausgeschlafene Mannschaft (außer mir, aber ich hab ja nicht gespielt) saß um 8:15 Uhr am Frühstückstisch, an unserem Stammtisch im Nebenraum.

„Gegen wen spielen wir nochmal?“
„Zitadelle Spandau aus Berlin.“
„Sind die nicht irgendwie schlechter als wir?“
„An 15 gesetzt und wir wurden runtergelost. Das ist unsere Chance!“
„Die werden rasiert Alter!“
„Mal langsam. Mit der Einstellung verlieren wir noch…“
„Jaja…“
„Noch 10 Minuten. Geht schon mal in den Spielsaal…“

Mit der Top-Mannschaft und bis in die Zehenspitzen motiviert begann die Runde. Ich muss noch erwähnen, dass ich am Abend davor ein mulmiges Gefühl hatte, was das Spiel angeht. Einzig die Tatsache, dass Spandauer Spieler bis tief in die Nacht noch im Hotel rumstreunten, beruhigte mich etwas, da ich wie üblich unsere Jungs spätestens um Mitternacht ins Bett schickte.
Wir Trainer sind ja immer etwas erfahrener als die Spieler, selbst wenn die Altersdifferenz praktisch nicht existent ist. So bestätigte sich mein komisches Gefühl direkt. Dmitry versaute gleich die Eröffnung. Im Steinitz-Franzosen spielte er nach schwarzem Abtausch auf d4 und Dd8-b6 den schlechten Zug Sc3-a4, um nach Da5+ mit c3?? eine Figur einzustellen (Springerabtausch auf d4 und danach b7-b5). Also direkt nach 10 Minuten ein virtuelles 0-1, denn man konnte nicht erwarten, dass noch ein Spieler gegen Dmitry eine Gewinnstellung hergibt. An einem Live-Tisch so ein Einsteller…auf dieses Spiel hatten wir doch hingefiebert!
Die nächste Ernüchterung folgte kurz darauf. Kim-Luca hatte eine normale Stellung und hätte mindestens in ein remisiges Endspiel abwickeln können. Stattdessen übersah er, dass seine Dame einzügig hing. Mehr Worte muss ich dazu nicht verlieren („dank“ diverser Schlagmöglichkeiten hatte der Gegner „nur“ zwei Mehrbauern in einem Turmendspiel) und so stand es 0-2.
Simon versaute die Eröffnung in einem ähnlichen Ausmaß wie Dmitry, zwar verlor er nur einen Bauern, dafür hatte seine Gegnerin zwei verbundene Freibauern am Damenflügel. Auch hier schien eine Aufgabe nicht mehr weit. Simon suchte hier und da noch seine Chancen und hatte etwas Glück, als seine Gegnerin bei knapp werdender Zeit die Möglichkeiten nicht mehr richtig einschätzen konnte. Daraufhin bekam Simon mindestens ausreichende Kompensation für den Bauern dank schwarzfeldriger Dominanz und weißem „Großbauern“ auf d3, eingebunkert von Bauern auf c4 und e4. Mit etwas genauerem Spiel hätte Simon möglicherweise um Vorteil spielen können, aber er nahm eine Zugwiederholung mit und es ward ein 0,5-2,5.

„Ihr müsst alle auf Gewinn spielen!“

Bei Marcel klappte das ganz gut. Eine Eigenkreation gegen Grünfeld brachte ihm einen soliden, positionellen Vorteil ein, da sein Gegner für die Eröffnung untypisch kaum energisch reagierte. Dennoch legte Marcel mit e4-e5 freiwillig sein Zentrum fest und gab seinem Gegner weiße Felder, sein Gegner „danke“ ihm es mit …c5-c4, was dem Läufer auf a3 viele Felder gab und den Druck vom Bauern d4 nahm. Es folgte ein Qualitätsopfer, was zumindest ich aus meiner Perspektive nicht verstand und Marcel schaffte es, seinen Vorteil nicht mehr herzugeben und zu seinem Sieg zu verdichten. Damit konnten wir wieder etwas Hoffnung schöpfen, da Patrick und Tobias gewinnbare Stellungen hatten.
Ich entfernte mich daraufhin für eine längere Zeit vom Turniersaal, um die Spieler nicht abzulenken – schließlich wussten sie ja, dass sie nicht gewinnen sollten.
Der Schock kam dann wenige Stunden später, als jemand aus dem Turniersaal zu mir gestürmt kam und meinte, dass Patrick seine Dame eingestellt hatte. Ich konnte es nicht fassen – das abrupte Ende einer Reise zu Tisch 1, einer harten und langen Reise.
Tobias schaffte es noch, seine Partie aus einer chaotischen Stellung heraus zu gewinnen. Er setzte die Vorbereitung gut um, übersah zwar eine taktische Kleinigkeit, profitierte im Gegensatz dazu wie in Runde 1 von der schlechten Zeiteinteilung seines Gegners und spielte wie in der Verbandsliga-Runde gegen Lauffen ein Endspiel stark zu Ende. Letztendlich war es nur Ergebniskorrektur und schwer geknickt gingen wir mit einem 2,5-3,5 zum Mittagessen.

Das Schmollen half aber auch nichts. Denn es stand ja bald ein weiteres Spiel an. Es war wichtig, dass die Mannschaft intakt blieb, so versammelten wir uns alle und setzten uns neue Ziele. Für Runde 6 kam dann gleich noch ein persönliches Ziel hinzu, denn der Gegner hieß Baden-Baden. Gegen jene hat die Mannschaft seit September 2013 jedes Spiel verloren – damals noch in der BW-Liga 2013/14 ein Sieg, verloren wir bei der DVM 2014 und in den BW-Liga-Saisons 14/15 und 15/16 die Spiele, wenn auch denkbar knapp und unglücklich. Ob das unsere Jungs abgeschreckt oder angespornt hatte, konnte ich nicht sagen, zumindest wollten wir durch eine unerwartete Aufstellung gut punkten.

Das Duell gibt es nach meinem Geschmack zu oft.

Das Duell gibt es nach meinem Geschmack zu oft.

Anfangs sah es auch relativ gut aus. Jeder kam ordentlich aus der Eröffnung. Selbst Jonas an Brett 6 behauptete sich gegen einen der Baden-Badener Jugendspieler im symmetrischen Engländer stark. Es wurde in eine absolut symmetrische Stellung abgewickelt mit vereinzelten Bauern auf d4 und d5. Hier verpasste Jonas eine einmalige Gelegenheit, einen Turm nach c4 zu stellen mit spürbarem Vorteil (Damenflügelbauern waren schon auf b4/a3 bzw b5/a6 festgelegt). Stattdessen tauschte er auf c1 und stellte seinen zweiten Turm auf c8, in der Hoffnung, sein Gegner würde nun tauschen. Natürlich folgte Tc1-c5 und Jonas konnte sich nicht mehr befreien. Einerseits hat man ihm mangelnde Erfahrung auf etwas höherem Niveau angemerkt, andererseits konnte man auch sehen, dass die Spielanlagen an sich da waren, um gegen Favoriten zu bestehen, nur befinden sich jene Anlagen noch in einer sehr groben Fassung.
So stand es 0-1.
Simon ließ sich mal wieder auf einen Sizilianer ein, dieses Mal auf der weißen Seite. Es folgte eines der schärfsten Abspiele, in dem Simon schnell ins Hintertreffen geriet und so wurde die Stellung sehr unübersichtlich. Als Schwarz seine Bauern schon auf a3/b3 gegen Simons lang rochierten König hatte, dachten wir, es wäre sofort aus. Irgendwie befreite sich Simon noch und erreichte eine Stellung mit Dame + weit vorgerücktem Freibauer gegen 2 Türme + Läufer + Freibauer. Simons Dame verschwand leider genauso schnell wie seine Dame und er musste sich geschlagen geben. Damit lagen wir abermals 2 hinten und hatten extremen Siegesdruck, was schon in Runde 5 nicht klappte.
Bei Patrick ging die Vorbereitung mehr oder weniger auf, er verlor schon in der Liga gegen den gleichen Gegner sehr schnell in der gleichen Variante. Dieses Mal waren wir besser gerüstet und Patricks Stellung war spielbar. Ansonsten habe ich von dieser Partie leider nicht viel mitbekommen. Patrick hatte ein Vollzentrum, sein Gegner dafür das Läuferpaar und Raumvorteil am Damenflügel. Ein Knackpunkt war, dass Patrick sein Rochaderecht verlor, wodurch er einige Zeit aufwenden musste, seine Figuren ordentlich zu koordinieren. Letztendlich ging auch diese Partie verloren und mit 0-3 war auch der letzte Funken Hoffnung weg.
Dmitry war ein Opfer der „kein Remis“-Politik. Er hatte aus der Eröffnung heraus eine bessere Stellung, die er nicht optimal behandelte, was seinem Gegner erlaubte, in einem leicht schlechteren Endspiel sukzessive auszugleichen. Auf mein Drängen hin schlug Dmitry mehrere Remisangebote ab und es kam, wie es kommen musste, er überzog seine Stellung komplett. Schade war’s, denn schlecht hatte Dmitry im Gegensatz zur fünften Runde nicht gespielt, nur war der Druck schlussendlich zu hoch.

Das war dann auch die Niederlage und es drohte eine sehr hohe zu werden. Tobias war an sich auch in einem – meiner Meinung nach – verlorenen Endspiel, doch hier hatten auch wir mal psychologischen Vorteil auf unserer Seite. Sein Gegner Julian Martin hatte gegen Tobias bereits zwei sehr schwere Partien und nur 0,5/2 in der persönlichen Bilanz, wobei er in der letzten Partie von Tobias furchtbar eingemacht wurde. So griff der Baden-Badener im Endspiel mehrmals fehl und übersah möglicherweise eine Remismöglichkeit, als die Partie schon gekippt war. Tobias blieb eiskalt und gewann, was sein zweiter perfekter Tag im Turnier war, nachdem er an Tag 2 beide verloren hatte. Ich habe ja gesagt, dass wir ihn wieder hinkriegen würden!
Das blieb dann auch das einzige Erfolgserlebnis. Bei Marcels Partie vermuteten wir eine heiße Schlacht bei heterogenen Rochaden, während Weiß sich schon mit f2-f3 geschwächt hatte und Marcel keinen c-Bauern mehr hatte. Zusammen mit Philipp (Wenninger) und seinem Co-Betreuer der Mädchenmannschaft des SC Bechhofen, Daniel Weber (~2050) zauberten wir im Analyseraum die wildesten Varianten aufs Brett mit gegenseitigen Figurenopfern. Die Einschätzung war ungefähr bei „totales Chaos“. Als wir wieder in den Turniersaal gingen, stellten wir fest, dass die Damen getauscht wurden, direkt, nachdem Marcel lang rochiert hatte. Super! Im Endspiel hatte Marcel das Läuferpaar, aber einen Isolani und diese zwei Sachen hoben sich zum Remis auf.

Nach der Niederlage gegen Spandau direkt noch von Baden-Baden eins auf den Deckel bekommen – kämpften wir in Runde 5 noch um einen Top 3-Platz, so betrieben wir in Runde 7 Schadensbegrenzung und wollten noch die Top 10 erreichen.

Der Gegner war die TuS Coswig aus Sachsen, welche als achtgesetzte Mannschaft völlig unter den Erwartungen spielte und nur zwei Mannschaftspunkte hatte nach sechs Runden (zur Erinnerung: drei weniger als wir!). Das gab uns einerseits Hoffnung, andererseits wussten wir, dass unsere Gegner an sich stärker als wir waren.

Fangen wir ganz hinten an. Dmitry wiederholte seine Variante vom Spiel gegen Baden-Baden, da er von ihr überzeugt war. Abermals erreichte er eine wirklich gute Stellung und dieses Mal schaffte Dmitry es auch, den Druck konstant zu erhöhen. Als er drohte, am Königsflügel durchzubrechen, rochierte seine Gegnerin panisch lang und mauerte ihren Le7 ein, welcher nach f5-f6 verloren ging. Einzig Dmitrys Zeiteinteilung war suboptimal und er musste einige Züge lang vom Inkrement leben, was er aber schaffte und das Spiel mit einem netten Matt beendete.
Irgendwie war uns das Glück aber nicht mehr hold und wir schafften es nicht, die Führung auszubauen. Kim-Luca verlor relativ schnell einen Bauern, mir gefiel aber, wie er versuchte, mit dynamischem Spiel gegen den weißen König Kompensation zu erzeugen. Irgendwann wollte er aber wohl zu viel und so entblößte er seinen eigenen König und entfachte einen Bauernsturm am Königsflügel. Als sich der Rauch verzog, hatte Kim-Luca bei stark reduziertem Material nur einen Minusbauern (nachdem er zwischenzeitlich eine Qualität weniger hatte), jedoch war hier die Königssicherheit der entscheidende Faktor. Kim-Lucas König litt unter den ganzen Schachgeboten so sehr, dass er letztendlich sein ganzes Material verlor und lieber aufgab.

Ich fühlte mich etwas wie ein Sinus, denn danach gingen wir wieder in Führung. Marcel spielte gegen einen Isolani und schaffte es, zusätzlich die a-Linie für seine Zwecke zu öffnen. So spielte er gegen zwei Schwächen gleichzeitig, die Bauern auf d5 und a7. Sein Gegner hielt dem Druck nicht stand und gab die Dame, wodurch die schwarze Stellung zunächst nicht kollabierte. Marcel packte die einzige Möglichkeit am Schopfe und versuchte, am Königsflügel noch eine Front zu öffnen. Da Schwarz kein Gegenspiel hatte, war der weiße König dennoch sicher. Die Dame erwies sich dann als beweglicher als Turm und Springer und Marcel konnte seinen Gegner regelrecht erdrücken – 2-1 für uns.

Bei einem Sinus folgt auf einen Hochpunkt bekanntlich ein Tiefpunkt. Für diesen sorgte leider Tobias. Ein Schara-Henning-Gambit spielte er suboptimal und er gewann zwar eine Figur, aber sein Gegner bekam drei Bauern und Tobias‘ schwarzer Springer fühlte sich auf a1 nicht wirklich wohl. Die Stellung verlangte eine sehr konkrete Behandlung, welche Tobias vermissen ließ. So verlor er seinen Springer wieder und bekam nur einen Bauern zurück, das Turm-Läuferendspiel mit zwei Minusbauern war entsprechend hoffnungslos.
Bei einem 2-2 war bei Simon und Patrick noch zu viel offen, um von Punkten auszugehen. Simon rannte in eine Vorbereitung reagierte ziemlich passiv. Ich bin mir sicher, dass sein Gegner schon längst hätte gewinnen können, da alle Figuren auf Simons König zielten. Irgendwie befreite sich Simon in beiderseitiger Zeitnot und erreichte eine solide Stellung mit beiderseitigen Chancen. Als ich dann nach einiger Zeit wieder aufs Brett sah, gab es zwar ungleichfarbige Läufer, aber noch zwei Türme und eine Dame auf jeder Seite. Der weiße Läufer setzte Simon auf der Diagonale a1-h8 sehr stark zu. Simon wollte seinen König zum Damenflügel überführen, dies klappte jedoch nicht und Simon verlor zu viel Material.
Wie in Runde 7 lag es an Patrick. Statistisch gesehen hatten wir alle Argumente auf unserer Seite, denn Tobias und Patrick holten im Turnier bis dahin zusammen immer einen Punkt. Da Tobias verlor, sollte Patrick doch gewinnen?!
Es sah auch zunächst sehr gut aus, denn Patrick eroberte zwei Läufer für einen Turm. Was dann kam, war schlechte Verwertung, Patrick tauschte unnötig Bauern und baute Spannung ab. Mithilfe diverser Fesselungen konnte sein Gegner verhindern, dass Patricks Läufer zusammen mit seinem König die einzige Schwäche auf e6 aufs Korn nehmen konnten. Auch da hätte Patrick besser spielen können, leider verließ er sich auf seinen eindimensionalen Plan.

2,5-3,5 hieß es am Ende und die dritte Niederlage in Folge. Man stellt sich die Frage, was man eigentlich falsch gemacht hat, kann sich aber keine passende Antwort geben. Man fragt sich, wieso man nach vier Runden Fünfter und nach sieben Runden Vierzehnter war. Man fragt sich, wieso man gleich viele Mannschaftspunkte wie 2014 gemacht hat, obwohl man damals an sich bedeutend schlechter gespielt hatte.
Es sind Fragen, auf die man auf die Schnelle keine zufriedenstellenden Antworten geben kann. Antworten wie „der und die Spieler haben zu schlecht gepunktet“ wären solche Antworten, die man auf die Schnelle geben kann, aber die würden der Mannschaft an sich niemals helfen.

Während die anderen schlafen, werden wir unsere Pläne für 2016 (neu) schreiben müssen.

An der Spitze lief im Endeffekt alles wie erwartet, der Hamburger SK siegte mit 13 MP vor der SG Porz mit 11 und dem SK Doppelbauer Kiel mit 9 MP – alles der Setzliste entsprechend.

Turnierseite.[

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