Erfahrung siegt!

Zum Abschluss der 1. Spieltage in allen Ligen durften sowohl die Erste als auch die Vierte bei einem Heimspiel ran. Eine bisher ausgeglichene Bilanz (Sieg der Dritten und Niederlage der Zweiten) sollte am Besten mit zwei weiteren Siegen aufgehübscht werden.

Wer Platzprobleme befürchtet hat, hatte glücklicherweise Unrecht. Zum Einen fing die Vierte bereits um neun Uhr an. Zum anderen waren die Spiele der Vierten pünktlich um zehn Uhr fertig, um Platz für die Erste zu machen. Dabei sprang gegen Bad Wimpfen ein klares 4-0 heraus. Daniel Schäfer siegte wie Felix Hagenmeyer sehr schnell, während Maximilian Breitenbach seinen Vorteil langsam, aber sicher zum Sieg verdichten konnte. Felix‘ Bruder Jannis hatte zwar mit Minusqualität eine schlechtere Stellung, fand aber noch einen letzten Trick und lockte seinen Gegner in ein Grundreihenmatt.
4. Mannschaft

Zur Ersten dann natürlich etwas länger.

Oder auch nicht! Wer sich nicht durch meine Wall of text arbeiten will, kann sich Robins Sicht der Dinge im Folgenden durchlesen:
„Zum Auftakt der Verbandsliga mussten wir zuhause gegen Grunbach ran. Diese waren nach jahrzehntelanger Verbandsligaerfahreung vorletzte Saison überraschend abgestiegen und sofort wieder zurückgekehrt.
Am ersten Brett haben sie sogar einen Großmeister; dieser servierte Enis gleich eine Neuerung (zumindest hatten Enis, unser IM und ich sowieso sie noch nie gesehen.) Ulrich hätte auf Se4 mit b6 versucht zu konsolidieren, ich hätte mit Lf5 interessante, asymmetrische Stellungen angestrebt, Enis entschied sich, mit S8c6 in ein Endspiel mit Hoffnung auf Kompensation für den Minusbauern überzuleiten. Gegen einen GM ist sowas aussichtslos. Unser IM schlug zwar immer wieder Befreiungsversuche vor, von welchen er hoffte, dass sie Enis noch Chancen geben könnten, aber insgesamt war es bis zum erwartbaren Ende eine sehr einseitige Angelegenheit.

Mir kam zugute, dass mir unser Edelneuzugang bei der Vorbereitung verraten hat, dass der Kratochwil ein überragendes Theoriemonster mit Schwächen in der Eröffnungsimprovisation ist. Also fing ich schon im zweitem Zug an, ihn mit einer Variante, die ich vor einigen Jahren gegen Tamm (Döring) entworfen habe, aufs Glatteis zu locken, und tatsächlich beging er schon im 7. Zug den entscheidenden Fehler. Nach einer 4 zügigen Abwicklung blieb im als geringstes übel der Abtausch in ein sehr schlechtes Endspiel. Im 18. Zug hatte ich einen Mehrbauern bei anhaltendem Stellungsvorteil, nach dem Zweiundzwanzigstem gab er auf. Somit hatte ich nach ungefähr anderthalb Stunden ausgiebig Gelegenheit, die anderen Partien zu begutachten. (Deshalb fühle ich mich zur Abwechslung mal qualifiziert, den Bericht zu schreiben.)

Am Dritten Brett gab Ulrich Schulze sein Debut. Meines Wissens ist er der erste Internationale Meister der für den Heilbronner Schachverein antritt (Gegen uns mussten ja schon so einige Federn lassen.) und sicherlich eine willkommene Verstärkung. In einer Grünfeld-Variante, die er schon sehr oft auf dem Brett hatte, verbrauchte eigentlich nur der Gegner Zeit, aber da sie halt schon sehr ausgeglichen ist, einigten sie sich schnell auf Remis.

Adam hatte eine anspruchsvolle dynamische Position; zunächst sahen wir leichte Vorteile für den Gegner, dann für Adam, am Schluss gab’s eine gerechtfertigte Punkteteilung.

Jürgen verteidigte sich zur Abwechslung sizilianisch ; und wie es in dieser Eröffnung so oft geht, konsolidiert sich Schwarz, dann probiert Weiß einen Durchbruch und wenn der nichts bringt, hat Schwarz das bessere Endspiel. Hier gaben ungleichfarbige Läufer zwar noch Verteidigungsmöglichkeiten. Doch ungenaue Gegenwehr erlaubte Jürgen mit seinem König einzudringen und den Sack zuzumachen.

Christian hatte gegen einen Königsinder eigentlich eine Traumstellung und auch bald einen Bauern mehr. Da er solche Partien in den vergangen Jahrzehnten schon gefühlte unzählige Mahle erfolgreich nach Hause geschaukelt hat, zweifelte ich nicht an seinem Sieg, doch machte sich die mangelnde Spielpraxis schmerzlich bemerkbar: Nach einer Reihe zweitbester strategischer Entscheidungen war der Bauer weg und er musste im Endspiel mit Springer gegen Läufer ums Remis kämpfen, was im glücklicherweise noch gelang.

Julian verbriet mal wieder viel zu viel Zeit für triviale Entscheidungen: Nach 18 Zügen hatte er seine Entwicklung abgeschlossen und eine sehr schöne Stellung aber nur noch 20 Minute auf der Uhr. Normalerweise hat man hier noch mindestens eine Dreiviertelstunde und kann die sich genau überlegen, wie man die weiße Festung am besten einnimmt, stattdessen musste er den Angriff improvisiert vortragen (Hier könnte man Bedenkzeit mal mit Dividenden investieren, aber nein, es ist keine mehr da.) und übersah natürlich prompt ein Qualitätsopfer , welches sofort gewonnen hätte. (Anmerkung Enis: das Qualitätsopfer hätte nicht gewonnen, es wäre nur unklar) Zum Glück war der Gegner so schwach, dass er trotzdem noch irgendwie verlor. Nach der Partie meinte Julian, er habe sich infolge mangelnder Spielpraxis völlig neben der Kappe gefühlt und hätte gegen einen besseren Gegner wohl alt ausgesehen.

Am letzten Brett warf Eberhard eine Menge Erfahrung un Routine in die Waagschale: Im Endspiel überspielte er seinen Gegner langsam aber gewaltig.

Fazit: ein 5,5 : 2,5 Sieg gegen eine Mannschaft, die uns bei der letzten Begegnung (vor 6 Jahren oder so Anmerkung Enis: genau genommen war es ein 5,5 : 2,5 gegen uns am 08.11.2009 – also im Prinzip nach fast genau sechs Jahren das Ergebnis umgedreht 😛 ) noch ohne GM besiegte. (Glaub ich jedenfalls.) Nächste Runde geht’s wieder nach Wolfbusch (stimmt irgendwas mit der Auslosung nicht? ; normalerweise wechselt Gast-/Heimrecht zwischen den Saisonen.)“

Hier geht es dann mit meiner Version weiter.
Unser Saisonziel ist…wissen wir nicht. Wir konnten uns nicht einigen. Von externen Leuten als klare Aufstiegsfavoriten betitelt, gibt es einerseits Stimmen innerhalb der Mannschaft, die wirklich nach dem höchsten Ziel streben (zum Beispiel ich), während genau ein Brett hinter mir mit Robin der Spieler sitzt, der am Meisten zur Bescheidenheit mahnt und infolgedessen als sein persönliches Saisonziel den Klassenerhalt herausgibt. Solange das nicht darauf hinausläuft, dass Robin absichtlich aufgibt, damit wir nicht aufsteigen, ist das in Ordnung. Mahnende Stimmen braucht es immer.

Zumindest heute gab Robin auch nicht absichtlich auf. Gewissermaßen überraschend saß er Christian Kratochwil gegenüber, denn ehrlich gesagt hatten wir nicht erwartet, dass unser Gegner, der SC Grunbach, von Brett 1-6 mit den ersten Sechs der Setzliste antreten würde. Lange dauerte Robins Partie trotz ähnlicher Spielstärke seines Gegners aber nicht. So stand Robin bereits im 7. Zug am Scheideweg und wählte eine Fortsetzung, die objektiv vielleicht nicht die Stärkste war, aber den Gegner in eine Falle lockte. Die schnappte auch sofort zu und plötzlich fand sich Robin in einem wundervollen Endspiel wieder. Als sein Gegner dann noch eine Qualität einzügig (oder zweizügig? Auf jeden Fall stand der schwarze Turm unbeweglich auf a8 und Robin griff ihn einfach mit Lf1-g2 an) eingestellt hat, war es auch vorbei. 1-0!

Christian Kratochwil war besonders für unser Brett 3 heute, Neuzugang IM Ulrich Schulze, kein unbeschriebenes Blatt, schließlich fungierte Ulrich eine Zeit lang als Trainer von Herrn Kratochwil. Gegen Berthold Rabus kam Ulrich in eine Variante, die er selbst zu gerne mit Weiß gegen mich im Blitzen spielt. Die Partie bestätigte den Eindruck, dass aus schwarzer Sicht schwer Gewinnversuche zu machen sind. Aber auch aus weißer Sicht waren Fortschritte kaum drin, so folgte ein weißes Remisangebot nach knapp 20 Zügen, weil Weiß bereits über eine Stunde verbraucht hatte. Aufgrund der minimal schlechteren Stellung nahm Ulrich das Angebot an und merkte zudem an: „Also so oft Schwarz will ich nicht. Dann spiel ich nicht mehr!“. Dann hoffen wir mal aus Ulrichs Sicht, dass Nicolas in Wolfbusch nicht spielen kann 😉

Adams (Brett 4) Partie gegen Guido Vielsack dauerte von den Zügen her lange, mindestens ein halber Punkt schien aber nie wirklich gefährdet. Aus einer soliden Eröffnung heraus entstand eine Stellung, wie man sie von der Tarrasch-Verteidigung her kennt. Schwarz hat einen Isolani auf d4, der zur Schwäche neigt, während jener Isolani aber auch eine weiße Schwäche auf e2 festlegt. Letztendlich tauschten sich die Schwächen gegeneinander ab und so war ein friedlicher Schluss nicht weit. 2-1!

Dafür, dass wir nicht nur die stärkste Mannschaft jemals, sondern auch einer der ältesten Mannschaften überhaupt haben, sorgt nicht zuletzt Ulrichs Bruder Eberhard Schulze (Brett 8). Gegen Ersatzmann Andreas Schnabel wählte Eberhard eine ähnliche Partieanlage wie Adam und strebte aus der Eröffnung heraus eine solide Stellung mit leichtem Druck an. Mit genauen Zwischenzügen erreichte Eberhard ein besseres Endspiel mit Turmpaar und zwei Leichtfigurenpaaren – „ich bin wohl etwas besser in Endspielen [als mein Gegner], da ich auch schon etwas länger Schach spiele!“. Mithilfe einer entfernten Bauernmehrheit am Damenflügel erreichte Eberhard ein gewonnenes 3 vs. 2-Bauern-Bauernendspiel und schob das gekonnt nach Hause.

Stichwort Bauernendspiel – in dem fand ich (Brett 1) mich nach ein paar Stunden auch wieder, aber leider in einem verlorenen. Mein Gegner, der Grunbacher Neuzugang GM Spyridon Skembris, verfügt sicher über mehr Erfahrung in Endspielen als Eberhard, wodurch es keine gute Entscheidung war, früh die Damen zu tauschen. Leider vertauschte ich im 7. Zug zwei Varianten und war so gezwungen, in ein minderwertiges Endspiel zu gehen, was gegen einen erfahrenen Großmeister natürlich das Todesurteil ist. Das Vertauschen von Varianten passiert zwar auch mal den ganz Großen, aber dann im 15.-20.Zug, was üblicherweise nicht sofort in ein schlechtes Endspiel führt…nunja, man kann nicht immer gewinnen. Trotzdem 3-2 für die Mannschaft!

Julian (Brett 7) fing da an, wo er letzte Saison aufgehört hatte – nicht positiv gemeint. Gegen Vasileios Telioridis verbrauchte er für normale Entwicklungszüge sehr viel Zeit und so tat sich das altbekannte Julian-Problem wieder auf, er hatte im 18. Zug nur noch acht Minuten auf der Uhr. So entschied er sich dazu, Feuer in die Partie zu bringen und startete einen Königsangriff. Glücklicherweise wurde auch die gegnerische Zeit knapp, was mit einer ungenauen Verteidigung dazu führte, dass Julian den ganzen Punkt holte. Zu dem Zeitpunkt sehr wichtig, dass mindestens ein Mannschaftspunkt gesichert wurde. 4-2.

Turmendspiele sind ja sowieso immer remis und das gilt umso mehr für Endspiele mit ungleichfarbigen Läufern, ohne weitere Figuren. Jürgen (Brett 5) bewies heute das Gegenteil. Dabei probierte er sich sogar an einer ganz neuen Eröffnung, auf die sein Gegner Jürgen Ditter nicht mit der kritischsten Variante reagierte. So konnte Jürgen (natürlich unser Jürgen) kontinuierlich Fortschritte machen. Er erreichte ebenjenes Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern, welches objektiv aber nur leicht besser war. Jürgen (diesmal der Grunbacher Jürgen) behandelte das Endspiel aber nicht präzise genug, sodass unser Jürgen sich zwei starke Freibauern auf g3 und e3 holen konnte, welche die weißen Kräfte an den Königsflügel band. Das kommende Entblättern des weißen Damenflügels durch den schwarzen König markierte das Ende der Partie. 5-2, erster Saisonsieg!

Ein Duell zweier „Chefs“ sah man an Brett 6. Während Christian, welcher früher liebevoll „Cheffe“ genannt wurde, schon ein paar Jahre nicht mehr unser Vorsitzender ist, hat sein Gegner Dirk König das Sagen im SC Grunbach. Am Brett hatte aber zunächst Christian das Sagen. In einer königsindischen Struktur erreichte Christian praktisch alles – Aufbrechen des Damenflügels mit den Bauernhebeln b4 und c5 und komplettes Verhindern eines möglichen schwarzen Gegenspiels am Königsflügel. Dann begann Christian, ungenau zu spielen, so gab er seinen schwarzfeldrigen Läufer dafür, einen Bauern zu gewinnen. Schwarz nahm die Chance wahr und setzte Gegenspiel am Königsflügel in Gang. Nicht nur, dass durch viele (Bauern-)Abtäusche Christians Gewinnchancen geschmälert wurden, er verlor auch noch seinen Mehrbauern. Das leicht schlechtere Endspiel mit Springer vs. Läufer verteidigte er dafür umso genauer und erreichte so ein gerechtes Remis.

Am Ende also ein verdientes 5,5-2,5. Auf die ersten Runden können alle Mannschaften daher aufbauen, für die Erste geht’s in einem Monat weiter, gegen den SV Stuttgart-Wolfbusch.
1. Mannschaft

Enis Zuferi

Kommentare

Erfahrung siegt! — 3 Kommentare

  1. Hi Enis, danke für die Kommentare zu meiner Partie. Ich denke ich habe in Sachen eröffnungsbehandlung einiges nachzuholen 😉

    @robin: ich bin nach wie vor nicht ganz überzeugt von deinem Qualitätsopfer auf f3. Wie geht es denn nach 25. Kxf3 Dh3 weiter? Weiß büchst in allen Varianten mit dem König nach d3 aus und steht dort sicher. Und ich bekomme zwar den h und den g Bauern, aber ist das in der Zeitnot wirklich besser als auf Nummer sicher zu spielen, wie ich es gemacht habe?

    Grüße Jul

    • ich glaube nicht, dass das besser als deine solide Fortsetzung ist, du hast zwar zwei verbundene Freibauern am Königsflügel, aber das öffnet gleichzeitig Linien für die weiße Mehrqualität – gegen deinen eigenen König, während sich der weiße auf d3 einparkt.

  2. Appendix:
    Leider bin ich Robin am Sonntag zuvorgekommen. Daher habe ich Robins Sicht in den ursprünglichen Beitrag eingefügt.