Ein kleiner Schritt Richtung Aufstieg, ein großer Schritt Richtung Klassenerhalt

Heute war sozusagen Großkampftag – sowohl die erste als auch die zweite Mannschaft waren auswärts im Einsatz. Die Zweite wollte in Bad Rappenau ihre Aufstiegsambitionen unterstreichen, während die Erste im „Mittelfeld-Duell“ gegen Wolfbusch wichtige Punkte gegen den Abstieg sammeln konnte.

Üblicherweise gibt es Aufstellungsprobleme, wenn zwei Mannschaften, wobei eine der Mannschaften Ersatzleute für das andere Team stellt, zur gleichen Zeit spielen. Davor waren wir auch dieses Mal, trotz dreier „Stamm-Ersatzspielern“ in der Ersten, welche nicht in der Zweiten aufgestellt sind, nicht geschützt. Dabei traf es, wie sollte es auch anders kommen, die Zweite natürlich härter, bei der zunächst drei Stammspieler ausfielen. Zusätzlich musste sie einen Spieler an die Erste abgeben, welche nur einen der dreien „Stamm-Ersatzspieler“ einspannen konnte. So ganz klar war dann in beiden Mannschaften nicht, wer genau spielt, letztendlich waren aber acht Mann um neun respektive zehn Uhr an den Brettern.

Die Zweite gab sich trotz der Schwächung keine Blöße und siegte mit nur einer Niederlage 5-3. Siege von Dr. Ole Wartlick, Simon Degenhard und Andreas Usov sorgten zusammen mit Remisen von Patrick Wenninger, Anton Wunder, Kim-Luca Wasielewski und Michael Eberhard für den wichtigen Erfolg. Im Schlussspurt hat die junge zweite Mannschaft den Aufstieg selbst in der Hand, was auch bedeutet, dass das Restprogramm mit den direkten Konkurrenten Böckingen und Biberach extrem hart ist.

Als wäre es abgesprochen, machte es die Erste genauso nach und gewann 5-3 mit einer Niederlage.
Die Partien begannen an sich verhalten, es wurde viel manövriert und viel über gute Pläne nachgedacht, da uns die Wolfbuscher teilweise mit seltenen Eröffnungen (1. b3!?) und selteneren Varianten (4. h4 im Caro-Kann-Vorstoß) überraschen. Zu unserer Verteidigung ist anzumerken, dass eine Vorbereitung an allen Brettern außer dem ersten viel zu zeitintensiv gewesen wäre, weil die Wolfbuscher bis dato sehr unkonstant aufgestellt haben.
Viele Stellungen befreiten sich aus der „Verhaltenheit“, bei Adam Szabo ging es gegen seinen wertungstechnisch ebenbürtigen Gegner Andris Kalnins nie aus der Beschnupperphase hinaus. Beide Seiten spielten ein Königsläuferfianchetto, Adam spielte zuerst …e5, woraufhin Weiß kurz darauf mit e4 die Fronten im Zentrum klärte. Nach einem Abtausch dxe4 dxe4 war die Stellung völlig symmetrisch und ziemlich blutleer, folglich wurde schnell ein Remis vereinbart. In der Partie rochierte Adam kurz, in der Liga gab es leider zuletzt eine lange Rochade – glücklicherweise ist diese Serie nun gerissen.

Nicolas beglückte uns wieder mit einem Einsatz, mental hatten wir aufgrund einer Zuverlässigkeit mindestens einen halben Punkt sicher. Eventuell sollten wir uns um einen Arbeitsplatz in Heilbronn für ihn bemühen…
Nicolas zeigte mit der schärfsten Fortsetzung in der Winawer-Variante gleich seine Siegambitionen, jedoch ist sein Gegner Alexander Häcker sicher nicht von schlechten Eltern und es ergab sich eine hochdynamische Stellung mit verteiltem Spiel. Schnell war die Spannung auch raus,denn Nicolas opferte eine Figur am Königsflügel und erzwang eine Zugwiederholung – Remis. Möglicherweise war noch Spiel in der Stellung, jedoch spricht gegen ein sicheres Remis auch nichts. Damit bleibt Nicolas ohne Niederlage bei Einsätzen für uns.

Apropos „nicht von schlechten Eltern“ – Alexander Häckers Vater Dr. Johannes Häcker bekam es mit Ex-Cheffe Christian Wolbert zu tun. Nicht dass ich schon müde genug war, mit einer Struktur aus der Abtauschvariante des Damengambits und vielen Abtäuschen war ohnehin nicht viel in der Stellung. Christian entschied sich dazu, etwas Ungleichgewicht in die Stellung zu bringen, öffnete die e-Linie mit e4!? und verpasste sich selbst einen Isolani auf d4. Schwarz wollte den starken weißen Springer auf e5 nicht dulden, tauschte diesen ab, reparierte jedoch die weiße Bauernstruktur. Es entstand ein Turmendspiel, in dem Schwarz einen entfernten Freibauern am Damenflügel hatte, welcher zusammen mit dem aktiven Turm ausreichte, um die weißen Siegchancen zu neutralisieren – noch ein Remis.

Nach Remis sah es auch bei mir lange Zeit aus. Ich fühlte mich nicht so, dass ich viel für einen Sieg riskieren wollte, so willigte ich in eine Französisch-Abtausch-Struktur ein und fianchettierte meinen Königsläufer. Nach schwarzem …c5 folgte aber noch …c4!? – der Einengungsbauer verfolgt einen langfristigen Plan des Damenflügelangriffs, war aber letztendlich zu schwach und musste nach weißem b3 abgetauscht werden. Im weiteren Verlauf verlief meine Partie ähnlich wie die Partie Jobava – Carlsen, welche dieses Jahr in Wijk aan Zee gespielt wurde. Ich spielte auf schwache Bauern auf c6 und a6 sowie auf schwache schwarze Felder am Damenflügel, mein Gegner Frank Dietrich suchte Gegenspiel am Königsflügel. Dabei waren wir beide nicht durchgehend präzise genug, sodass ein ausgeglichenes Endspiel mit Damen, weißem Springer und schwarzem weißfeldrigen Läufer entstand. Nominell ist dieser Läufer sicher ein minimaler Nachteil, da er nur die schwarzen Bauern decken konnte, jedoch schielte er auch zusammen mit der schwarzen Dame auf meine schwachen weißen Felder. Im 41. Zug (als ich mich schon mit einem Remis abgefunden hatte) packte mein Gegner noch einmal eine „geniale“ Idee aus, welche genial daneben ging. Mit Dame und Springer konnte ich die Initiative übernehmen und basierend auf Mattmotiven zwei Bauern und den Läufer einsacken. Zwei Züge vorm Matt streckte Schwarz die Waffen.

Jürgen war einer der beiden Spieler, welcher sich mit 1. b3 konfrontiert sah. Er probierte es mit …d5 und einem Gegenfianchetto, was gut aufging, eine solide Stellung sollte die Grundlage für seinen Sieg bilden. Mit der Zeit expandierte Jürgen im Zentrum und tauschte so ab, dass er mit einem unvertreibbaren Springer auf d4 gegen einen schrecklichen Läufer auf d1 verblieb, welcher von Bauern auf b3 und f3 eingeschränkt war. Lange dauerte die Partie bei dieser Leichtfigurenkonstellation nicht mehr, Jürgen gewann souverän.

Langsam schien es so, als könnten wir gar nicht verlieren, den Eindruck bestätigte Robin. Eine seltene Variante des Caro-Kann behandelte er, wie üblich, auf seine eigene Art und Weise, indem er einen fast ewigen Springer auf g4 installierte. Betonung liegt auf „fast ewig“ – irgendwann musste er weichen. Philipp Schapotschnnikov übte dabei Druck auf beiden Flügeln aus und erarbeitete sich einen weit vorgerückten Freibauern auf d6. Robin blieb selbst in dieser schlechten Stellung präzise und wehrte sich mit allen Mitteln. Den Schlusspunkt setzte jedoch ein einfaches taktisches Motiv, dazu muss man sich nur folgende Figuren vorstellen:
Weiß: Dc7, Tc1, Bauer d6
Schwarz: Dg5, Td8
Schwarz droht …Txd6 mit Remis. Weiß zog d7??…und wurde von …Txd7! eiskalt erwischt. Das Motiv funktioniert natürlich auch mit einem weißen Bauern auf d7 statt auf d6.

Robins Remis besiegelte den Sieg, da Marcel Mikeler bereits vorher an Brett 8 gegen Pascal Issaad gewinnen konnte. Ein Doppelfianchetto beantwortete Marcel fast genauso wie Jürgen. Während (nach meiner Erinnerung) sowohl Kim-Luca Wasielewski als auch Simon Degenhard diesem Aufbau beim Esslinger Open zum Opfer fielen, konnte Marcel mit energischem Spiel im Zentrum (da hat es sich wohl ausgezahlt, dass ich ihm schon öfters die Leviten gelesen haben, wo man denn am Besten anzugreifen habe) leicht ausgleichen. Mit einem höchst spekulativen Figurenopfer am Damenflügel suchte Weiß noch Chancen, dank der Bauernwalze im Zentrum konnte Marcel die Bauern vom Support des Lg2 abschneiden und seinen Figurenvorteil leicht zu einem Sieg kondensieren. Da hat sich das Vertrauen meinerseits doch ausgezahlt, als ich am Freitag im Jugendtraining Marcel dazu nötigte, am Sonntag zu spielen.
Marcel am Freitag: „Die Erste steigt doch eh ab und dann verlieren wir (Anmerkung von mir: die Zweite) sicher auch noch, bringt doch nichts…“
=)

Einzig unser Leitwolf und chronischer Zeitnotgeiler Julian verlor an Brett 7 gegen Sebastian Ludwig. Beide Spieler trafen in Jugendzeiten sehr oft aufeinander, wobei mir Sebastian erzählte, dass Julian zunächst die Oberhand hatte. Irgendwann holte Sebastian auf, sodass jetzt, nach 12 Jahren, sicher der Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung gekommen sein muss!
Nachdem Sebastian bei mir abgecheckt hatte, dass Julian genauso viel bzw. wenig wie vor 12 Jahren kann, ging es ans Brett.
Julian erreichte, wie oft im Sizilianer, eine Isolani-Stellung und die Stellung bewegte sich im Gleichgewicht. In beginnender Zeitnot (wie immer) brachte Julian ein Figurenopfer, welches ihm zumindest eine Stellung mit zwei Bauern + Turm vs. zwei Leichtfiguren versprach. Diese Stellung sollte mindestens unklar sein. Julian wollte jedoch – mit zu wenig Zeit – zu viel und verlor den Faden. Zu viele Dinge, die er mit „F“ verloren hatte – Figur, Faden und Fertrauen in seine Stellung (*zwinker*) – führten letztlich zu einer Niederlage. Damit wurde im epischen, sagenumwobenen Duell Bissbort – Ludwig voraussichtlich das letzte Kapitel geschrieben…

Unser letztes Kapitel in der Verbandsliga Nord ist auf jeden Fall noch nicht geschrieben, mit fünf Mannschaftspunkten Vorsprung vor dem ersten Abstiegsplatz bei drei ausstehenden Spielen scheinen wir einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt gemacht zu haben. Am 1. März empfangen wir die stark aufspielenden Willsbacher, welche einen Punkt Vorsprung auf uns besitzen. Danach geht es noch gegen Feuerbach und Böblingen II, beide Mannschaften stecken (etwas) tiefer im Abstiegssumpf als wir. Drei Mal müssen wir also noch Vollgas geben, um in der Saison 2015/16 voll um den Aufstieg mitspielen zu können.

Kommentare

Ein kleiner Schritt Richtung Aufstieg, ein großer Schritt Richtung Klassenerhalt — 3 Kommentare

  1. Saubere Leistung, guter Bericht! 😉

    zu meiner Partie:
    Das Läuferopfer auf e6 ist korrekt, aber bringt mir keinen Vorteil. In der kritischen Stellung, wo ich 20. b5?! gespielt habe, muss ich mir tatsächlich mit Sf7+ die Qualität für letztendlich 2 Figuren abholen und dann mit dieser und den 2 Mehrbauern gegen die starken schwarzen Figuren spielen.
    Der logische Zug 20. d5? wäre, wie wir schon vor Ort gesehen haben, an der Antwort 20… Sd8! gescheitert.

    20. b5 war auch nicht sonderlich gut – hätte mein Gegner allerdings die Variante eingeschlagen, mit der ich kalkuliert hatte (also 20…axb5 21.d5 und dann 21…Sd8 oder Se5 22.Dxe7 Te8 23.Db4!) wäre ich tatsächlich besser gestanden. Leider fand er die richtige Antwort 20… Lxa3!
    Danach muss ich in der Tat auf c6 nehmen, wonach Schwarz allerdings bequem steht (die Folge 21.bxc6 Txc6 22.Sf7+ Txf7 23.Dxf7 Lxc1 24. Txc1 Dc8 hatten wir ja vor Ort angeschaut).

    Deshalb entschied ich mich für 21.Tb1, was aber ein Riesenfehler war. 21…Sd8! nahm mir komplett den Wind aus den Segeln. Ab da ging die Partie ganz klar in Richtung Schwarzsieg.

    Aber Magic Marcel hat’s ja zum Glück gerichtet 😉

    Grüße

  2. Was hast du den an meiner Eröffnungsbehandlung auszusetzen? Falls ich die Variante nochmal aufs Brett kriegen sollte, werde ich wahrscheinlich auf c5 verzichten und direkt am Königsflügel aktiv werden (plan lange Rochade; aber das heißt doch nicht, dass meine Partiefortsetzung schlecht war. 18. … Tg6 hingegen war schelcht. Ich hab den Vorstoß g4 kein Bißchen antizipiert. Ganz so präziße war meine Gegenwehr dann doch nicht: statt 27. … Te8 wäre Dd6 wohl genauer gewesen. Weil ich die Diagonalschachs rausnehm, hat er weniger tatkische Möglichkeiten und anstatt meine Schwächen zu verteidigen greif ich seine an, was sowieso prinzipiell richtig ist. Er kann zwar mit De5 den Übergang ins Endspiel erzwingen, aber erstaunlicherweise sind alle Varianten, die ich in der Analyse gefunden habe, für Schwarz in Ordnung.
    Wir haben nicht 5, sondern 2 Mannschaftspunkte Vorsprung auf einen potentiellen Abstiegsplatz, und wie sich Übermut in so einer Situation auswirkt, haben wir vor eine paar Jahren schon mal erfahren.
    Zu den anderen Partien kann ich diesmal nicht viel kommentieren, weil ich selber zu beschäftigt war; Julians Zeitmanagement war endlich mal nicht ganz so katastrophürchterlich.

  3. Ruhig Blut – ich habe lediglich festgestellt, dass du mal wieder einen eigenen Weg gefunden hast, eine bestimmte Eröffnungsvariante zu behandeln 😉 Es war ja nicht die Rede davon, dass deine Eröffnungsbehandlung schlecht war; was zählt, ist, wie du damit zurechtgekommen bist.

    Damit 4 Mannschaften absteigen, müssten 2 Mannschaften aus den Bezirken Stuttgart/Unterland aus der Oberliga absteigen. Das ist aktuell nicht der Fall. Es kann natürlich sein, dass eine Mannschaft in unsere VL absteigt (Deizisau und Böblingen stecken noch tief hinten drin, Gmünd und Bebenhausen kann es bei dem harten Restprogramm aber auch noch treffen), aber dass zwei Mannschaften in unsere VL absteigen, ist sehr unwahrscheinlich, weil Ulm eine sehr schlechte Saison spielt.
    Ähnlich wie Ulm war Wolfbusch 2009/10 in der Oberliga nicht konkurrenzfähig und stieg ab, dass es dann zu 4 Absteigern aus der VL Nord kam, lag daran, dass es noch Rommelshausen traf und nicht die mannschaftspunktgleichen Ebersbacher.

    Nichts anderes habe ich geschrieben – dieser Sieg gegen einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt war ein großer Schritt.