Ein Wochenende unter Strom – das Ganze noch einmal aus meiner Sicht

Mein Plan für das Wochenende von 15./16.2. war lange klar: Am Donnerstagmorgen bloß keine Lehrprobenankündigung für Montag kriegen, dann Nicolas eine Mail schreiben, dass er das Zugticket für Samstag buchen könne, dann der Mannschaft eine Mail schreiben mit unserer Aufstellung, einem Matchplan und ein paar Ideen zum Vorbereiten; am Samstagmittag dann Nicolas in Bietigheim vom Bahnhof abholen, mit ihm nach Kleiningersheim fahren, dort an Brett 4 mit Weiß gegen Tomasz Turski, Nicolai Cummings oder Philipp Ziegler endlich mal wieder gewinnen; dann die Ingersheimer nach einem glatten Sieg (schließlich hatten wir ja die nominell beste Pokalmannschaft aller Zeiten an den Brettern) darum bitten, die Ergebnismeldung doch erst ganz spät abends oder am nächsten Morgen einzugeben, damit die Haller nicht sehen, dass wir zum ersten Mal in der Saison mit Nicolas aufwarten können; anschließend noch ein gemeinsamer Vorbereitungsabend im Vereinsheim, am nächsten Morgen aufstehen, meinem Gegner eine tödliche Vorbereitung unterbreiten und gegen die Haller Top 8 ein 7,5:0,5 erzwingen, das ja eigentlich ein 8:0 gewesen wäre, hätte Ramin nicht seine Partie Remis geben müssen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen.
Soweit zumindest mein (nicht ganz ernst gemeintes) Wunschdenken. Bekanntermaßen kommt es ja aber sowieso immer alles anders als man denkt. Also Kommando zurück.


Zunächst lief alles nach Plan: der Lehrprobenbrief kam nicht, und damit waren die Einsätze von Nicolas und mir sowohl am Samstag, als auch am Sonntag gesichert. Ich holte Nicolas also wie geplant ab und nach einem kurzen Abstecher im Döner in Großingersheim kamen wir im Spiellokal an. Dort erfuhr ich dann, dass ich, entgegen meiner Erwartungen, mit Schwarz an 3 spielen würde. Ramin fragte mich ob es mir etwas ausmache. „Nein, ich hätte es nur gerne gewusst“ ;). Das Ganze konnte natürlich nur Robins Werk sein, der, um mich besser auf Sonntag einzustimmen, dafür sorgte, dass ich mich mit den schwarzen Steinen warmspielen konnte (was auch bestens gelang – ich glaube so warm war mir beim Schach noch nie) und in Zukunft von mir nur noch mit „mein Verbieter“ angesprochen werden wird.
In einer improvisierten Partie kämpfte ich 66 Züge lang mit meinem Gegner (ob um Remis oder Sieg war mir die meiste Zeit selbst nicht so ganz klar).

Als wir abends nach der Lehrstunde dann im Vereinsheim ankamen, sahen wir auch, dass die Ingersheimer das Ergebnis direkt im Anschluss gemeldet hatten. Blöd eigentlich, aber gut, was soll’s. Es konnte ja eigentlich nur besser werden.

Hall trat wie erwartet mit seinen 4 Tschechen, Micha Bahmann und Mannschaftsführer Steffen Mages an. An 7 und 8 spielten jedoch nicht Bernhard Prinz und/oder Martin Lenzen sondern Albert Bost und Dimi Frühsorger. Das hieß zwar einerseits, dass der Kampf jetzt auch nominell auf Augenhöhe (DWZ-Erwartung ziemlich genau 4:4) war, andererseits aber auch, dass wir uns an 7 und 8 umsonst vorbereitet hatten. Hinzu kam, dass Jürgen nach einer knappen Stunde schon unerwartet im Hemd stand und auch Ramin ziemlich unter die Räder kam:

Kein guter Start für uns also, und bis auf Robin war lange nicht klar, in wen man die Hoffnung setzen sollte, hier einen ganzen Punkt zu holen. Kurz vor der Zeitkontrolle überschlugen sich die Ereignisse: mein Gegner schlug ein Remis aus, Christians Gegner ebenfalls, Robin gewann, Enis verlor, Ramin verlor, Simons Partie endete Remis, bei Nicolas gab es Turbulenzen wegen einer angeblichen dreifachen Stellungswiederholung, und ich konnte bei knapper Zeit mittlerweile guter Stellung den Überblick behalten und meinen ersten echten Saisonsieg einfahren:

Ohne genau zu wissen, wie es gerade an den Brettern stand, schoss ein kurzes aber kräftiges „Jawoll!“ aus mir heraus, das wohl der ganzen Anspannung geschuldet war. Denn klar war auch: selbst wenn wir verlieren sollten, war die Aufstiegschance noch gegeben – wir hatten neben den 2 Mannschaftspunkten vor Schwäbisch Hall auch 4,5 Brettpunkte Vorsprung gehabt. Es zählte also jeder Brettpunkt „doppelt“.

Dann der Blick an Brett 1. Nicolas Gegner versuchte diesen zu einem Remis zu drängen; Nicolas ließ sich davon jedoch nicht beirren und wartete erst einmal ab, was bei Christian an Brett 4 noch so passieren würde. In der Tat hatte es an Brett 1 eine dreifache Stellungswiederholung gegeben, Nicolas Gegner war aber nicht am Zug und hatte damit das Recht, auf Remis zu reklamieren, verwirkt. Nicolas wartete also tapfer ab, saß 35 Minuten am Brett und starrte in eine völlig gleichwertige Stellung. Natürlich war irgendwann klar, dass er das Remis annehmen müsste, da irgendwann das Risiko, mit nur 25 Minuten noch weiterzuspielen, zu groß sein würde. Das war aber nicht weiter schlimm, denn inzwischen hatte Cheffe die Stellung ausgeglichen und seinen Gegner vor einige Probleme gestellt. Als Nicolas das Remis dann annahm, stand Cheffe sogar schon deutlich besser und es war nicht auszuschließen, dass er die Partie gewinnen könnte, zumal sein Gegner von Zug zu Zug mehr Falten auf der Stirn bekam, während Cheffe — typisch — seelenruhig an seinem Brett saß und den Gewinn wahrscheinlich schon gesehen hatte, als er noch einen Bauern weniger hatte — und das bei ungleichfarbigen Läufern.
Kurz darauf war auch mir — völlig durch den Wind und ohne Blick für Endspielfragen — klar, dass die Partie bei richtigem Spiel gewonnen sein musste. So kam es dann auch, und Cheffe wurde zum absoluten Held des Tages. „Mensch oder Maschine?“ fragte ich ihn nur, „Il l’a bien massé“ (sinngemäß: „Er hat ihn bös massiert/geknetet“) meinte Nicolas.

Das 4-4 war also perfekt und wir ließen den Nachmittag noch mit einer Runde Döner und ein paar Tandempartien ausklingen, bevor Nicolas, unser „bestes Pferd in Stall“ (mit nunmehr 6 aus 7 Punkten für die erste Mannschaft bei einem Gegnerschnitt von geschätzten 2150) seine Heimreise nach Strasbourg antrat. Ein irres Wochenende, und rückblickend doch irgendwie so viel besser als geplant.

Kommentare

Ein Wochenende unter Strom – das Ganze noch einmal aus meiner Sicht — 2 Kommentare

  1. Ramins und deine Ingersheimer Partie sind schön kommentiert aber deine Gewinnpartie hat zuviel unerklärte Varianten und zu wenig Text. Ist übrigens bei Christian noch schlimmer.
    Wahrscheinlich hast du das nicht mitgekriegt, weil du mit deiner Partie beschäftigt warst, aber ich hatte schon ca eine halbe Stunde bevor sich die Ereignisse überschlugen gewonen.
    Auf B2 mit der Dame fressen. Ts. Ts. Ts. Manche wollen’s einfach nicht glauben.
    Könnt ihr da nicht organisatorische Wünsche bezüglich der Lehrprobentermine äußern?
    Aber ich sollte nicht soviel provokantes Zeug schreiben, sonst kritisiert der ewig dunkle Herrscher wieder, dass unsere Siege (auch wenn es eigentlich Unentschieden war) über Gebühr gefeiert werden.

  2. Hallo mein Verbieter,

    ja, stimmt schon, es ist schwer, den Varianten in meiner Partie vom Sonntag zu folgen. Liegt daran, dass ich die Varianten alle im Fritz ins Detail ausanalysiert hatte und erst nachträglich die Kommentare eingefügt habe. Wäre besser gewesen, für die Homepage mit einer abgespeckte Version zu arbeiten (Stichwort „didaktische Reduktion“, sollte ich als Referendar ja eigentlich perfekt drauf haben 😉
    Wo wir grade dabei sind: Nein, wir sind hilflos der Termin-Willkür der Prüfer ausgesetzt, kriegen aber immerhin 3 Tage vorher Bescheid.
    Provokante Art? Du doch nicht.. Ich würde eher von gesundem Pessimissmus sprechen. An Ramins Brett wäre doch z.B. mit 21. …Da6 auch für uns vielleicht noch ein halber Punkt drin gewesen?
    Aber du hast Recht. Freuen ja, feiern nein. Wir müssen konzentriert bleiben und uns jedes Mal aufs Neue beweisen. Want all – lose all, du weißt ja.