Die Jungen Wilden

War das damals schön. 2003 quasi Meister der Bundesliga, weil Bayern München damals in seiner eigenen Liga gespielt hat. 2004 gegen Manchester United 2:1 gewonnen. Im Jahr 2007 sogar deutscher Meister geworden unter Armin Veh. Und heute? Über Platz 16 kann man noch froh sein. Worum geht es hier eigentlich?

Fußballkenner erinnern sich bestimmt noch an die Zeit der „Jungen Wilden“ beim VfB Stuttgart. „Früher war alles besser“ wird sehr häufig in einem sarkastischen Zusammenhang verwendet, jedoch trifft dieser Spruch beim VfB eben ins Schwarze.
Am Wochenende dominierte auf jeden Fall die „Jugend“. Wobei die Anführungszeichen wahrscheinlich fehl am Platz ist, denn eine Schachkarriere kann wie eine Fußballerkarriere im Kindesalter beginnen, geht jedoch in der Regel über das Alter von 40 Jahren hinaus. Die 4. Mannschaft, geleitet von den erfahrenen Kay Hornig, Karl-Werner Weißbeck, Sabine Schäffer-Henoch und Saygun Sezgin als Mannschaftsführer, ist mit Jugendlichen gespickt, welche zum Teil nicht einmal halb so alt wie ich sind (und ich bin 24 Jahre alt, nebenbei bemerkt). Man könnte meinen, dass Erfahrung im Abstiegskampf, in welchem sich die Vierte befindet, wichtig ist. Mag sein, aber das erfahrene Trio holte beim Kellerduell gegen die TSG Heilbronn nur 0,5/3. Die restlichen 4,5/5 zum 5:3-„Auswärts“sieg wurden allesamt von Jugendlichen geholt. Der Traum der Vierten lebt also, aber es wird eine Energieleistung gebraucht.

Vierte.

Ich würde jedoch fast behaupten, dass die 1. Mannschaft (!) die Vierte in Sachen Altersdurchschnitt ausstach, zumindest an diesem Wochenende. Severin Bühler kam zu seinem Oberliga-Debüt, Patrick Wenninger durfte seinen dritten Einsatz feiern. Mit 28 Jahren war Nikolas Pogan der älteste Spieler, der Altersschnitt lag bei genau 22,5 Jahren. Wenn es darüber Aufzeichnungen geben würde, wäre ich mir sicher, dass wir die jüngste Oberliga-Mannschaft in der Geschichte Württembergs an die Bretter geschickt haben.

Junge Leute wären nicht jung, wenn sie nicht zweifelhafte Dinge tun würden und so statteten wir gegen 9.30 Uhr, als wir Tobias Schmidt in Tamm abholen durften, dem McDonald’s beim Breuningerland einen Besuch ab. Danke dafür, Amerika. Kein Vorwurf an uns bitte, denn es gab das unwiderstehliche Angebot eines Cappuccino für 1 €. Ach ja, bei der Rückfahrt hielten wir noch bei Kentucky Fried Chicken (für Burger) und erneut bei McDonald’s (2 McFlurry für 3 €, beste Leben), dieses Mal in Heilbronn. Ich salutiere vor der US-amerikanischen Flagge.

Als wir gegen 9.55 Uhr in Fellbach-Schmiden ankamen, erwarteten uns alle sehnsüchtig, denn ohne den Master Chief geht bekanntlich nichts. Mit Freuden teilte ich Schiedsrichter Thomas Wiedmann (danke im Übrigen für die Zusprüche für das DPMM-Achtelfinale Mitte März!) unsere Aufstellung mit und um punktgenau 10.00 Uhr ging es los.
Unsere Gegner des SK Schmiden/Cannstatt waren gebeutelt, mussten jedoch noch etwas zeigen, schließlich sind sie neben dem SK Bebenhausen einer der wahrscheinlichsten Abstiegskandidaten. Dumm nur, dass Thilo Kabisch sich mit zwei kampflosen Niederlagen selbst aus der Mannschaft katapultierte, denn er wurde aufgrund einer äußerst sinnvollen (keine Ironie hier!) Regelung im württembergischen Reglement, der WTO, für den Rest der Saison gesperrt. Oliver Niklasch spielte wider Erwarten, dafür fiel Thomas Witke aus, sodass Severin an 8 einen ebenbürtigen Gegner hatte. Insgesamt ein Duell auf Augenhöhe.

Bei Patrick kam es jedoch nicht wirklich zu einem Duell. Er kannte nur 7 Züge „Theorie“, sein weißer König stand nach fast 15 Zügen auf e3 und für die Rückführung musste Patrick so viel Zeit aufbringen, dass die Stellung völlig hoffnungslos war. Sein Gegner Markus Löhr überrannte ihn einfach, was für eine Lehrstunde.
Lern doch endlich mal Theorie AHHHHHH

Ok, genug geschrien und gewütet.
Kurz darauf musste Tobias Remis machen, einfach weil er beim Remisangebot Mark Trachtmanns nach knapp 20 Zügen seine Uhr auf fünf Minuten herunterlaufen ließ. Kein Vorwurf jedoch an ihn, die Stellung weiterzuspielen, hätte ein gewisses Risiko geboten, wir waren noch nicht in der schlechten Lage, alles riskieren zu müssen.
Unser Debütant an 8 wollte es Kim-Luca nachmachen, welcher sein Oberliga-Debüt ebenfalls mit einem Sieg feierte. Das klappte auch ganz gut. Frei nach Zigurds Lankas Motto „wenn Weiß nach 30 Zügen im offenen Sizilianer nicht auf Gewinn steht, gewinnt Schwarz“ konnte Severin ein damenloses Endspiel ziemlich gekonnt nach Hause bringen.

Nach diesem Ausgleich ging es Schlag auf Schlag – Niko verspielte seine gute Stellung auf der Jagd nach zu viel, Simon konnte seinem Beinahe-Angstgegner Martin Krockenberger dafür in einem Endspiel mit Mehrbauer die Grenzen aufzeigen. Auch ich konnte nach langer Durststrecke in der Oberliga (kein Sieg mehr seit Runde 1) gewinnen, ich lasse die Partie sprechen:

Bei Steffen verstand mal wieder niemand außer er selbst, was auf dem Brett los war. Schade war nur, dass seine Stellung dieses Mal positionell komplett überlegen war, bevor er sich in die Niagara-Fälle der Schachtaktik stürzte. Aber gut, er beherrscht in dieser Saison das Chaos wie kein Zweiter, daher kein Vorwurf, Sieg ist Sieg. Der Meister des Chaos war dafür die Ruhe selbst abseits des Schachbretts. Durch das Fenster sah ich, wie Steffens Gegner Steffen Eisele in Steffens Abwesenheit aufgab, worauf ich ihn aufmerksam machte. Seine Reaktion darauf: „Ach, ich rauch‘ erstmal zu Ende.“

Wer mitgezählt hat, wird gemerkt haben, dass die magischen 4,5 Punkte schon erreicht waren bei Siegen von Steffen, Severin, Simon und Senis…ähm ich meine, Enis, also von mir. „Senis“ hätte nur gepasst, weil die Vornamen der Sieger dann alle mit „S“ anfangen würden.
Nach „S“ kommt bekanntlich „T“ und Tobias holte ein Remis, aber was war mit Doppel-T (nicht zu verwechseln mit Doppel-D, was ich bevorzuge), Thomas Tschlatscher? Er spielte mal wieder 1. b3, hiermit gehen Grüße raus an Thanh Kien Tran. Nach fast 20 Zügen stand Thomas bei ca. +2 und wollte gerade die Ernte einfahren, als er unforciert einen ganzen Turm durch eine Gabel verlor. Die Verwertung war für Christian Thoma zwar nicht ganz leicht, aber machbar.

4,5:3,5 gegen Schmiden/Cannstatt, was bedeutet dies? Nun, zunächst, dass wir sehr große Chancen haben, auf Platz 3 zu bleiben, eine Verbesserung gegenüber der letzten Saison (Platz 4). Das lag daran, dass die SF Deizisau 4:4 spielten…gegen Böblingen! Das Rennen um den Meistertitel bleibt damit heiß. Stuttgart zog mit einem 5,5:2,5 gegen Sontheim/Brenz an allen vorbei und hat mächtige 0,5 Brettpunkte Vorsprung auf Böblingen, welche einen Mannschaftspunkt von uns entfernt sind. Böblingen können wir dank der Schlussrunde noch aus eigener Kraft überholen, aber bei Stuttgart müssen wir auf einen Ausrutscher hoffen. Deren Restprogramm heißt Biberach und Weiler. Das ist definitiv schwer. Ich bestelle die Meister-Shirts also vorsorglich mal.

Erste.

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