Neue Saison, altes Leid

Was könnte es Schöneres geben, als einen Samstag in der vorlesungsfreien Zeit wie sonst auch immer zu verbringen und abends zu merken, dass am Folgetag die Oberliga-Saison startet?

Dazu kommt noch, dass von einer Eröffnungsvorbereitung bei mir noch nichts zu sehen war, was mich wieder in die Tiefen der Nacht zwängte. Immerhin musste ich mich nicht komplett einsam fühlen, denn Tobias meldete sich gegen 2:00 Uhr morgens via WhatsApp mit Fotos bezüglich seiner eigenen Eröffnungsvorbereitung. Ganz wie der vorbildliche Mannschaftsführer, welcher ich bin, bat ich ihn doch, schlafen zu gehen – hielt mich selbst aber bis knapp 3:00 Uhr durch das Schauen diverser Streams auf twitch.tv wach.
Mein Körper und Geist dankten es mir mit extremer Müdigkeit am folgenden Morgen. Selbstverständlich zu knapp aufgestanden, kein Appetit auf Frühstück (und ich habe mich selbst auf den Verzicht auf Nutella getrimmt, zumindest weitestgehend – ein Appetitmacher weniger) und auch fast niemand da, um mir beim Aufbau zu helfen. Außerdem war Ulrich kurzfristig erkrankt, während Niko Pogan lieber auf Malta verweilte bei leckeren Speisen. Ich saß dafür im unterkühlten ver.di-Jugendheim. Wer kann es Niko verdenken….

Zufälligerweise durften wir in der ersten Runde gegen das nominell schwächste Team aus Sontheim an der Brenz antreten, was unserer Personalnot etwas entgegenkam. Die sympathischen Ostalbler mussten in den letzten Jahren einige Federn lassen und verloren diverse Spitzenspieler an andere Vereine oder an das größte Monstrum im Amateurschach – ans „Real Life“. Umso überraschender war es, dass Sontheim mit sieben Siegen und einem Unentschieden (gegen die GM-verstärkten Spraitbacher) die Verbandsliga Nord nach Belieben dominierte. So stand ihre Meisterschaft im Prinzip schon nach sieben von neun Runden fest. Nicht gerade etwas, was man lächerlich finden sollte, da sich in der VL Nord neben Spraitbach noch Teams wie Schönaich 2 und Lauffen befanden.

Nachdem ich fast im Alleingang Spielbedingungen hergestellt hatte (unsere Gegner waren da, bevor wir spielberechtigt waren – das heißt, bevor wir zu viert waren), eröffnete Schiedsrichter Eric Hermann die Oberliga-Saison 2018/19.

Trotz weit verbreiteter Müdigkeit, aufgrund derer Thomas Leykauf scherzhaft ein Bett für mich bei Eric Hermann beantragte, ging es an vielen Brettern gleich zur Sache. Ein besonders schnelles Ende des Mannschaftskampfes schien wahrscheinlich, was mir definitiv gefallen hätte, weil ich aufgrund eines eigens eingeplanten freien Tages noch über 30 Bestellungen bei cardmarket.com abwickeln musste. Naja, wir wissen, dass es mir mit dem Glück im Leben nicht ganz so beschieden ist.

Jedenfalls kam Kim-Luca Lahouel an Brett 8 zu seinem Oberliga-Debüt, der neuen Jugendbretter-Regelung sei Dank. Elan zeigte er auf jeden Fall, so wollte er am Vortag von mir alles über seine potenziellen Gegner erfahren. Schlussendlich saß ihm sein Sontheimer Gegenstück gegenüber, ebenfalls ein Spieler, welcher von der neuen Jugendbrett-Regelung profitiert. In einem Alapin-Sizilianer verpasste es der Sontheimer irgendwie, seinen Königsflügel zu entwickeln. Kim-Luca baute einfach Druck auf den Punkt d6 auf, am Ende entschied die Gegenüberstellung seines Läufers auf g3 gegen die schwarze Dame auf b8, da Bauer d6-d7 mit Abzugsschach und Damengewinn drohte, während ein schwarzer Springer auf b4 hing. Game over.
Knapp 20 Minuten danach ging es Schlag auf Schlag. Fast zeitgleich beendeten Tobias und ich an den Spitzenbrettern unsere Partien. Für zusätzlichen Lerneffekt im Bezug auf das Jugendtraining teile ich meine Partie hier. Lernt von den Meistern!

Der arme Kevin verlor nach 2017 wieder gegen mich, da kann ich schon fast vergessen, dass er mich 2014 in der BW-Jugendliga schlug und mir meine 100%-Saison versaute. Falls du das liest, Kevin, das verzeihe ich dir niemals! Es war meine allerletzte BW-Liga-Saison…*schnüff*

Tobias konnte seine Vorbereitung genau wie ich gut in die Tat umsetzen. Sein äußerst erfahrener Gegner kannte einfach nicht so viele Theoriezüge wie er und griff in einer scharfen Stellung gleich fehl. So konnte Tobias mit seiner Mehrqualität weitere Schwächen in der schwarzen Stellung provozieren, bis jener sich dazu gezwungen sah, alle Brücken abzubrennen und seinen König alleine zu lassen. Tobias konnte Damentausch erzwingen, woraufhin ein Freibauer auf c6 auch noch den Läufer des Gegners gewonnen hätte.

Zwei Minuten nach Tobias kam auch noch Simon aus dem mittlerweile aufgewärmten Jugendheim. Viel war nicht zu erwarten, das Remis war schon lange abzusehen. In einem Londoner System ließ sich der Sontheimer Mannschaftsführer seinen Läufer auf h2 abklemmen. Das war aber auch das Einzige, mehr konnte Simon nicht rausholen. Über die Grundreihe fand der Läufer auch wieder ins Spiel. Damit war die Geschichte der Partie erzählt.

Im Anschluss wurde es ruhig, etwas zu ruhig. Wir unterhielten uns draußen mit den Rückkehrern des Bezirksliga-Auswärtsspiels, welches leider 2,5:5,5 bei den SF Schwaigern verloren ging. Es punkteten Ole Wartlick (voll) sowie Robert Bühler, Michael Eberhard und Kay Hornig (jeweils remis). Schade war’s, jedoch waren die Gegner einfach überlegen und nach drei Aufstiegen in fünf Saisons war klar, dass das kein Zuckerschlecken für die Dritte wird.
Mittlerweile bestätigten sich die Tendenzen bei den übrigen Partien und diese Tendenzen waren nicht positiv. Während Sören Pürckhauer davon redete, dass sie mit sehr viel Glück noch das 3:5 schaffen würden, stand Sontheim kurz vor zwei Siegen.
Nicolas Blum spielte gleich das erste Saisonspiel. Fun fact: das letzte Mal absolvierte er den Saisoneinstand in der Verbandsliga-Saison 2014/15 – gegen Sontheim/Brenz II. Viel Glück brachte ihm das jedoch nicht. Aus der Eröffnung kam er gut raus, dann stellte er ohne Not einen Bauern auf c2 ein, was ihn sichtlich ärgerte. Scheinbar ärgerte ihn dies so sehr, dass er nicht mehr viel auf die Reihe bekam und mit Minusfigur auf Zeit verlor.

Sein Compagnon Julian Bissbort konnte nur froh darüber sein, Robin nicht im Team gegen Sontheim zu haben. Jener Robin wäre bei Julians Zeitmanagement wohl aus dem Verein ausgetreten. Die Eröffnung lief eigentlich gut, aber dann spielte Julian inkonsequent und lebte ab dem 20. Zug nur noch von Inkrement. Selbstverständlich entsprang eine verlorene Stellung aus dem Wirrwarr, die technische Verwertung dieser Stellung machte dem Weißspieler keine Probleme. Sontheim war plötzlich dran!

Während ich mit meiner Vorbereitung prahlen konnte, erzählte mir Thomas nach seiner Partie von seiner Vorarbeit. Er frischte um 9:00 Uhr morgens Varianten auf, welche er schon „so oft“ angeschaut hatte, um sie nach der Partie wieder zu vergessen. Zu allem Überfluss kam er auch noch nicht gegen den erwarteten Gegner. Gerade, als der Mannschaftskampf zu kippen schien, hatte Thomas technische Schwierigkeiten mit einem Mehrbauern in einem Dame-Turm-Endspiel bei beiderseitig offenen Königen. „a pawn is a pawn“ (von wem stammt dieses ikonische Zitat?) schien fast nicht zum Erfolg zu führen. Am Ende konnte Thomas Turmtausch erzwingen sowie noch einen Bauern gewinnen, das war genug für seinen Gegner.
Damit war das Schlimmste schon überstanden (neben der Tatsache, dass der VfB immer noch keinen Sieg in der Bundesliga hat), der Sieg zum Einstand war fix.

Steffen spielte danach nur noch für die Galerie, dennoch war das Ganze interessant. Stellung aus dem Gedächtnisprotokoll. Bei meinem breiartigen Gehirn aufgrund der Müdigkeit keine Gewähr für absolute Korrektheit…


Steffen drohte mit seinem letzten Zug Te4 brutal Matt in 2. Ich sah nach …Sc7 nichts für Weiß, denn …Sc7 Dg6+ Kg8 Sf5 Tb1+ Kh2 Th1+ endet im Dauerschach. Der angehende Schiedsrichter Andreas Klein wählte aber …Sf4?!?!?!!?, ein Zug, welcher post mortem als unglaubliche Ressource beschrieben wurde. Unser Silikonfreund demontiert diese Empfindung natürlich gnadenlos. Nach Txf4 Te2 (Partiefortsetzung) wäre Db5! sehr trocken für Schwarz gewesen, denn es ist nicht nur der Bauer c4 gefesselt, außerdem droht Df5+ mit Damentausch.
Die gesamte Partiefortsetzung war …Sf4 1. Txf4 Te2 2. Dc6 c3 3. Kg2 c2 4. Sf5 Te1 5. Db7 Dxf5 6. Txf5 c1D 7. Txf6 und der Mehrbauer war einfach nicht genug.

Somit endete dieser Kampf mit 5:3, was insgesamt trotz unserer schwachen Aufstellung in Ordnung geht, da unsere Siege sauber herausgespielt wurden. Die alten Laster konnten wir jedoch nicht abstreifen, immerhin können wir uns sicher sein, dass wir dem größten Abstiegskandidaten keinen Punkt geschenkt haben, anders als gegen Ulm letzte Saison…
Am 14. Oktober gibt es ein weiteres Heimspiel gegen Schwäbisch Gmünd, welche überraschend die zur Hälfte gekaufte Truppe von Deizisau 2 schlugen. Biberach setzt seinen Struggle der letzten Saison fort, 2,5:5,5 gegen Weiler im Allgäu, welche noch einen tschechischen Titelträger verpflichteten. Stuttgart zeigte Schmiden/Cannstatt, welcher von beiden Vereinen zu einem schnöden Stadtteil gehört und schickte den Verein von Thilo Kabisch mit 6,5:1,5 nach Hause. Zweitliga-Absteiger Böblingen schlug Bebenhausen knapp mit 4,5:3,5.
Positiv noch: Ich bin Topscorer der Liga! Naja, zusammen mit 24 anderen Leuten.

Erste.

Kommentare

Neue Saison, altes Leid — 1 Kommentar

  1. Positiv noch: auf eure Homepage kann man noch zugreifen. Nicht so auf die SVW-Server, die Homepages mit „.schachvereine“ sowie die DWZ-Datenbanken. Schröck, lass nach! 😀