Vergebliche Opfergaben

Die Schachgöttin Caissa — wie uns Wikipedia erklärt, eigentlich eine Erfindung der Neuzeit — war uns gegen stärker aufgestellte Ludwigsburger nicht hold.

Die Vorzeichen hätten kaum schlechter sein können: Ganze vier Absagen mussten ersetzt werden, darüber hinaus fand nebenan auch das Oberliga-Heimspiel unserer 1. Mannschaft statt, welche ebenfalls auf zwei Stammspieler verzichten musste. Dank unserer etwas robusteren Personalplanung zu Saisonbeginn konnten wir immerhin den Super-GAU verhindern und mussten nicht noch Spieler an die Erste abgeben, trotzdem gingen unsere de facto in Stammbesetzung antretenden Gäste als leichte Favoriten in die Partie.

Gemäß der Vorgabe von Teamchef Ole wollten wir die ungünstige Ausgangslage „durch erhöhten Kampfgeist“ ausgleichen, also legten wir Caissa auch diverse Opfer auf den Altar: Jürgen hatte heute keine Lust, seinen Isolani auf die normale Art positionell zu verwalten, sondern gab ihn lieber für Initative am Königsflügel, ich ließ in der Ecke eine Qualität stehen, um daraufhin die gegnerische Dame einzusperren und Christian revolutionierte (ok, nicht ganz absichtlich) bereits im 2. Zug die englische Eröffnungstheorie.

Leider schien der Göttin die Gaben unserer Gäste besser zu schmecken: Severins Gegner opferte nämlich einen ganzen Gaul, riss dafür den Königsflügel auf und kam zu vernichtendem Mattangriff. Neben diesem frühen Rückstand bereitete auch die weitere Entwicklung Sorgen: Robert war gegen den gegnerischen Majoritätsangriff zum Stillhalten verdammt, Jürgen musste noch einen zweiten Bauern hergeben, ohne jedoch wirkliche Löcher in die gegnerische Königsstellung reißen zu können und Christian hatte im frühen Mittelspiel tatsächlich den ersehnten(?) Minusbauern. Lichtblicke gab es immerhin bei Ole und Dmitriy: Unser Mannschaftsführer hatte (trotz des mit Abstand größten DWZ-Rückstands) beim Übergang ins Doppelturmendspiel einen Bauern erobert und Dmitriy stand mit Raumvorteil und Druck gegen den gegnerischen König klar besser; lediglich sein Zeitverbrauch war gewohnt großzügig. Meine Rechnung war mit Abstrichen ebenfalls aufgegangen: Den genauesten Weg zum Gewinn der gegnerischen Dame fand ich nicht, aber immerhin kam ich mit Dame und Figur gegen zwei Türme raus. Jetzt nur noch konsolidieren, das kann doch nicht so schwer sein?!

Bei Kim-Luca war in der Zwischenzeit ebenfalls der Punkt geteilt worden; Robert hatte mittlerweile jedoch einen Bauern verloren und trotz eines couragiert vorpreschenden Freibauern sah das gegnerische verbundene Duo doch ein bisschen gefährlicher aus. Entwarnung dafür an Brett 3: Christians Gegner ließ sich offenbar von Gegenspielbemühungen gegen den in der Mitte verbliebenen König ins Bockshorn jagen und gab nicht nur seinen Mehrbauern wieder her, sondern noch einen obendrauf. In der Zeitnotphase schwankte die Computerbewertung zwar nochmal kurz zwischen schwarzer Gewinnstellung und dynamischem Ausgleich; ab Zug 34 bekam Christian aber endgültig Oberwasser und erzielte stilvoll seinen ersten Saisonsieg:

Natürlich gewinnt 43… Kxf5 einfach den Springer, aber nach welchem Zug hielt Weiß sofort die Uhr an?

Der Ausgleich hielt leider nicht lange: Trotz gegnerischer Ungenauigkeiten fand unser heute leider erkälteter Topscorer Robert nicht die vom stets gesunden Computer innerhalb von Millisekunden ausgespuckten Verteidigungszüge und musste bald die Waffen strecken. In der Schlussphase zeigt die Engine dabei so einige Feinheiten (und zumindest mir meine schachlichen Grenzen) auf:

Damit also 2:3 und da am Spitzenbrett mehr und mehr Figuren vom Brett verschwanden, deutete sich bereits an, dass wir mindestens einen Mannschaftspunkt würden abgeben müssen; realistisch betrachtet stand der Mannschaftskampf wohl bereits seit meinem Figureneinsteller auf Verlust: Jürgen wehrte sich zwar noch nach Kräften, aber sein Gegner ließ nichts mehr anbrennen und spielte das Endspiel sauber runter – 2:4. Einmal kamen wir noch ran, da Dmitriy nicht nur die Zeitkontrolle geschafft, sondern mit zwei Türmen und Läufer gegen Dame auch eine klare Gewinnstellung auf dem Brett hatte. Bei der Verwertung tat er sich zwar etwas schwer, aber letztendlich war der schwarze König im (Matt-)Netz und der Punkt im Sack. Bei Ole war allerdings trotz Mehrbauer nie entscheidender Vorteil in Sicht; die viel zu aktiven gegnerischen Türme sorgten letztlich wieder für materiellen Ausgleich mit symmetrischer Bauernstruktur. Durch den Mannschaftsstand zum Weiterspielen verdammt, versuchte Ole wirklich alles, um doch noch Ungleichgewichte zu schaffen – bis die Partie komplett kippte und nach über 100 Zügen und 5,5h Stunden Spielzeit das 3:5 amtlich war.

Die Frage vom letzten Spieltag ist nun beantwortet, obwohl Kornwestheim zum ersten Mal in der Saison einen Mannschaftspunkt gegen Neckarsulm abgab. Letztere haben sich nun ganz frech mit einem halben Brettpunkt Vorsprung wieder vor uns geschoben, während Kornwestheim bei zwei ausstehenden Runden und drei Mannschaftspunkten Vorsprung die Meisterschaft praktisch nicht mehr zu nehmen ist. Wir können nun am 4. März in Schwäbisch Hall und am 15. April bei der zentralen Schlussrunde (?) die Saison gemütlich ausklingen lassen und uns auf ein weiteres Jahr Landesliga freuen – so komfortabel hatten wir es vor einem Jahr nicht…

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