Lehrstunden am Sonntag

…bekommt man normalerweise nur in der Kirche. Sonst sind Sonntage doch immer ruhig und gemächlich.

Das Spiel gegen Böblingen II stand unter insgesamt neutralen Vorzeichen. Einerseits waren wir „Herbstmeister“, haben bereits gegen Hall gewonnen und auch sonst alle Spiele in der Liga. Andererseits traten wir mit der schwächsten Mannschaft in der Saison bis dato an, während Böblingen einen starken Spieler an 1 nachmelden konnte. Darüber hinaus wollten sie ihre bittere Niederlage von letzter Saison sicher revanchieren. Ein Zuckerschlecken würde der Rest der Saison ohnehin nicht werden, dann sollten wir am Besten direkt gefordert werden im neuen Jahr, anstatt uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen.

Wie gegen Hall war Cheffe als Erster fertig. Er spielte – wahrscheinlich unbewusst und unvorbereitet, sondern eher spontan am Brett gefunden – eine bekannte Bauernopfer-Variante im symmetrischen Engländer, spielte dann aber nicht optimal weiter, sodass sein Gegner viele Figuren abtauschen konnte, wodurch der Mehrbauer sich durchaus bemerkbar machte. Eine kleine Ungenauigkeit reichte aus, damit Cheffe im Endspiel mit Türmen und Leichtfiguren noch gefährliches Spiel bekam. Aufgrund beginnendem Zeitmangel konnte Cheffe die Folgen des Weiterspielens nicht mit ausreichend Sicherheit abschätzen und wählte lieber das Dauerschach.

Ein weiteres Remis steuerte Eberhard bei. Sein Gegner wählte das aktuell sehr in Mode gekommene Londoner System, worauf Eberhard mit seinem Lieblingsaufbau gegen 1. d4 reagierte. Die Damen verschwanden schnell vom Brett, nach Abtausch auf b3, wie es typisch für diese Eröffnung ist. Danach war es ein Endspiel mit fast allen Figuren auf dem Brett – oder ein damenloses Mittelspiel, wie man es sehen mag. Der „Londoner“ Läufer gab Weiß ein paar Chancen am Damenflügel, Eberhard suchte jedoch am Königsflügel und im Zentrum Gegenspiel und schaffte es schlussendlich, die Stellung zu blockieren. Ein Remis war die logische Konsequenz.

Für das erste Ausrufezeichen sorgte Thomas Tschlatscher. Einen Holländer behandelte er etwas ungewöhnlich, gab seinen schwarzfeldrigen Läufer für einen Springer und blockierte nach schwarzem e7-e5 mit e2-e4 das Zentrum. Für den Holländer typisch, ließ Schwarz eine Bauernwalze am Königsflügel rollen, während Thomas auf der offenen d-Linie nach Chancen suchte. Durch ein Bauernopfer goss Thomas noch mehr Öl ins Feuer, sein leicht unsicherer König (g-Bauer abgetauscht) machte etwas Kopfschmerzen, zudem aktivierte Schwarz seinen schwarzfeldrigen Läufer wieder, dafür hatte Thomas einen monströsen Freibauern auf e6. Am Schluss erwies sich doch der schwarze König als anfälliger und Thomas setzte quasi Grundreihenmatt – auch wenn der schwarze König auf g7 und f7 keine Bauern mehr hatte.

Leider war die Führung nur von kurzer Dauer. Julian bekam eine seltene Variante im Alapin vorgesetzt, erinnerte sich aber mit etwas Überlegen an die Theoriezüge und bekam eine angenehme Stellung aus der Eröffnung heraus, hauptsächlich weil die schwarzen Springer auf a6 und h6 temporär aus dem Spiel waren. Julian verpasste es, mit gewöhnlichen Zügen den Druck zu erhöhen und als die schwarzen Figuren mit Tempo ins Spiel kamen, opferte er zwei Leichtfiguren gegen Turm und Bauer für eine unklare Stellung. Aufgrund mangelnder Zeit verlor Julian immer mehr den Faden und landete in einem verlorenen Endspiel, das sein erfahrener Gegner gekonnt nach Hause schob.

Dies war der Beginn schmerzvoller Stunden.

Jürgen wurde das erste Opfer der starken aufspielenden Gäste. Ulrich Schulze, welcher heute leider nicht spielen konnte, warnte mich schon davor, dass Jürgens heutiger Gegner Horst Weisenburger sehr unangenehmes Schach spielen würde. Positionell sah es zwar zweifelhaft aus – Schwarz hatte einen halbtoten Bauern auf d3 und seinen Königsflügel aufgerissen, ohne groß etwas zu erreichen – taktisch gab es jedoch einige Fallstricke. Als Jürgen scheinbar den größten Teil des Drucks abgeschüttelt hatte, griff er mit Ld2-c3 fehl. Es folgte g5-g4! mit Angriff auf den Bauern h3 und Demaskierung der schwarzen Dame auf h6 gegen den weißen Bauern e3. Danach war die weiße Königsstellung eine Ruine, deren Einsturz kurz nach dem taktischen Schlag folgte.

Auch bei Adam gab es ein taktisch anspruchsvolles Geplänkel. Nach der Öffnung des Zentrums gab es sehr viele Schlagmöglichkeiten für beide Seiten, sodass einerseits zwar ein Endspiel nicht weit schien, andererseits gab es sehr viel Raum für Fehler. Am Ende gab es ein Endspiel mit Turmpaar, ungleichfarbigen Läufern und Bauern auf d4 und d5 – der Bauer auf d5 war jedoch weiß, der Bauer auf d4 schwarz. Als der weiße König gen d1 strebte, musste Adam noch einige bange Minuten überstehen, er erzwang jedoch nicht nur den Turmtausch, sondern auch den Abtausch der d-Bauern. „Shake hands“ folgte kurz darauf, ein erkämpftes und verdientes Remis.

Gegen Hall rissen Brett 1 und 2 es noch heraus, auch hier waren die Bretter 1 und 2 gefordert, sie hießen dafür Robin und Enis und nicht Nicolas und Enis. Ich bereitete drei Varianten vor und wie es immer kommt, kommt eine vierte Variante auf Brett. Zufälligerweise hatte ich diese Variante bei der DEM auf dem Brett, wodurch ich ein bisschen was wusste. Bei der DEM hatte ich nicht den optimalen Aufbau gewählt, heute erreichte ich bequemen Ausgleich. Strategisch war alles in Ordnung, aber taktisch unterlief mir ein grober Schnitzer, übersah ich einen starken Turmschwenk Tc3-g3 und mein Bauer auf h6 war wegen einer Fesselung plötzlich weg. Danach war die Stellung wie bei Jürgen eine Ruine. In Zeitnot flunkerte ich noch ein bisschen und mein Gegner glaubte mir meinen Schwindel, letztendlich war die Stellung trotz „Ablehnung“ meines Schwindels verloren. Nach Zug 40 fand Weiß dann wieder genaue Züge und mein König war viel zu luftig. Erste Saisonniederlage der Mannschaft.

Robin hatte aus der Eröffnung heraus eine ungefähr ausgeglichene Stellung, zwar hatte er das Läuferpaar und mehr Raum im Zentrum, sein Gegner dafür Druck auf d4 und eine solide Stellung ohne Schwächen; der Durchbruch fehlte für Weiß einfach. Durch den Spielstand unter Druck, schlug Robin eine Zugwiederholung aus und brannte viele Brücken hinter sich ab. Schwarz hingegen sah die Chance für ein starkes Qualitätsopfer auf d5 gekommen, der weiße Fianchettoläufer verschwand und plötzlich hatte Weiß arge Probleme mit seinem König. Robin überzog die Stellung daraufhin, da er gewinnen musste – kein Vorwurf an ihn, während Schwarz ein wundervolles Mattmotiv fand – weißer König auf h3, Turm auf g2, Bauer auf g4. Weiß bot Damentausch an mit De2, (schwarze Dame auf f1, Läufer auf e1), Schwarz spielte jedoch das wunderschöne …Td8! und ließ die Dame aufgrund …Td8-h8# einfach stehen. Robin versuchte noch Te4-e8, sein Gegner antwortete trocken …Txe8, woraufhin Robin lieber das schöne Matt zuließ und die schwarze Dame nahm. Auch nach De2xe8 Df1-f3+ Tg2-g3 Le1xg3 wäre es aus, da hxg3 an …Df3-h1# scheitert.

Um es in meinem „Slang“ zu sagen: Wir haben ziemlich hart 2,5-5,5 auf die Fresse bekommen. Es war nicht so, dass wir uns schon sicher in der Oberliga wähnten, dennoch sollte das uns klargemacht haben, welcher Berg an Arbeit noch auf uns wartet.
In der Zwischenzeit gab es überraschende und nicht überraschende Ergebnisse. Wenig überraschend für mich verlor Hall in Feuerbach mit 4,5-3,5. Feuerbach ist nicht zu unterschätzen und bei Hall beginnt wohl das Gleiche wie 2013/14 nach dem Spiel gegen uns, sie fangen an, Spiele abzuschenken, da sie nicht mehr aufsteigen können (ich hoffe es nicht).
Ebenso wenig überraschend gewann Lauffen gegen Stuttgarter SF III, wodurch unsere Freunde aus dem Landkreis Heilbronn wichtige Punkte gegen den Abstieg sammeln – und damit indirekt unserer Zweiten in der Landesliga Schützenhilfe leisten.
Etwas überraschender ist die Niederlage der Stuttgarter SF II gegen Wolfbusch (3,5-4,5), vor allem, da Wolfbusch nur zu siebt antrat. Bis auf Claus Seyfried und Brett 7 Konstantin Bubolz trat Stuttgart mit der Stamm-Acht an, was das Ganze noch etwas überraschender macht.
Dennoch wird das Duell zwischen den Stuttgartern und uns wohl nicht aufstiegsentscheidend sein. Grunbach gewann (ich erwähne es, wenig überraschend) in Willsbach mit 5,5-2,5 und schließt damit fast komplett auf uns auf, wir haben nur noch einen mageren halben Brettpunkt Vorsprung. Damit geben wir meiner Meinung nach die „Aufsteiger-Favoritenrolle“ an Grunbach ab, wenn wir uns das Restprogramm mal anschauen:

Grunbach:
Böblingen II (A)
Wolfbusch (H)
Lauffen (A)
Schwäbisch Hall II (H)

Wir:
Feuerbach (H)
Stuttgart III (A)
Stuttgart II (H)
Willsbach (A)

Mit Stuttgart III und Willsbach haben wir zwei vermeintlich sichere Absteiger noch vor uns. Dass gerade die gefährlich sein können, hat sich in den letzten Jahren (zu) oft gezeigt. Man erinnere sich an das dramatische Finale der Landesliga 2012/13, bei dem der sichere Absteiger Erdmannhausen II den scheinbar sicheren Aufsteiger Marbach (zwei MP Vorsprung) besiegte und das Meisterschaftsrennen in ein Fernduell Lauffen – HSchV verwandelte.
Dafür haben wir noch die Feuerbacher vor uns und eben den „Entscheidungskampf“ gegen Stuttgart II.
Grunbach sehe ich hingegen in mindestens drei Duellen in der Favoritenrolle, bei Hall habe ich wie gesagt die Befürchtung, dass sie ihre Spiele quasi kampflos abgeben – 2013/14 traten sie im letzten Landesliga-Spiel zu sechst an, in der vorletzten Runde sogar nur zu fünft…Lauffen ist immer für eine Überraschung gut, insgesamt aber schwächer als Grunbach und Wolfbusch hat trotz drei Siegen in Serie immer noch Aufstellungsprobleme. Böblingen wird ihnen ein Duell auf Augenhöhe liefern, aber davon haben wir ebenfalls mindestens eins, während wir die meiner Ansicht nach gefährlicheren Gegner haben.

Stellen wir uns auf eine weitere Saison Verbandsliga ein.

Erste Mannschaft.

Die Vierte machte es in der Zwischenzeit besser, in Schwaigern gewann das junge Team mit 2,5-1,5. Für Siege sorgten Max Breitenbach – bis jetzt weiße Weste mit 5/5, was quasi 100% entspricht, da ein Mannschaftskampf kampflos abgegeben wurde – und Daniel Schäfer, wodurch beide ihre aufstrebende Form weiterhin bestätigen. An Brett 1 sicherte Lars Bertsch mit einem Remis den Sieg ab. Die Vierte bleibt damit in Lauerstellung auf dem vierten Platz. Tabellenführer ist Neckarsulm IV, was umso mehr schmerzt, da gerade gegen die Neckarsulmer kampflos abgegeben wurde.

Vierte Mannschaft.

Kommentare

Lehrstunden am Sonntag — 9 Kommentare

  1. Kopf hoch Jungs!
    Ihr habt zwar einen Mannschaftskampf, aber nicht die Tabellenführung verloren!
    Im zweiten Jahr nach dem Aufstieg ist diese Saison jetzt schon eine grandiose Leistung.
    Viele Grüße
    Ole

  2. Betrifft das Fazit, also etwa die letzten 30 Zeilen im Text:

    Ich möchte darauf hinweisen, daß Schwäbisch Hall gegen Böblingen mit 5,5:2,5 gewonnen hat. Und das mit einer schwächer aufgestellten Mannschaft als gegen Feuerbach (IM Zpevak war gegen Böblingen nicht dabei).

    Bernhard Prinz, SK Schwäbisch Hall

    • Sehr geehrter Herr Prinz,

      das Fazit soll hauptsächlich einen Ausblick auf unsere Aufstiegschancen darstellen, inklusive Nennung der anderen Ergebnisse des fünften Spieltags.
      Selbstverständlich kann man das alles anders sehen; d.h. es ist legitim zu behaupten, dass Feuerbach einen großen Coup gelandet hat. Die entsprechende Passage in diesem Text stellt lediglich meine persönliche Ansicht dar. Die Begründung für diese Ansicht ist ebenfalls im Text gegeben – Feuerbach sehe ich stärker, als manch anderer, ebenso habe ich schlechte Erfahrungen, was den Endspurt beim SK Hall angeht.

      Bevor wir uns da verzetteln, weder habe ich ein Problem mit den Spielern des SK Hall noch mit dem Verein selbst. Nur hatten die Spieltage 8 und 9 der Landesliga Unterland 2013/14 doch einen etwas faden Beigeschmack.
      Wie ich im Text dargelegt habe, ist meine persönliche Befürchtung – damit nicht als geschlossene Meinung des Heilbronner SV zu sehen – dass dies sich diese Saison wiederholen könnte, da die Haller Aufstiegschancen realistisch gesehen gegen 0 gehen. Ich hoffe es natürlich nicht.

      Viele Grüße und viel Erfolg noch für den Rest der Saison,
      Enis Zuferi

  3. Danke für die Blumen 😉

    Den von dir angekündigten Kampf „auf Augenhöhe“ gegen Grunbach wird es in jedem Fall geben. „Statistisch“ scheint uns Grunbach ja zu liegen, wenn ich mir die letzten Jahre so anschaue. Aber was bedeutet schon Statistik? Bis gestern hatte ich 0,5 aus 4 (auch ’ne Statistik!). Und überhaupt: Wir sind zwar jetzt mit 4:6 Punkten wieder einigermaßen unter den Lebenden, aber wir stehen immer noch auf dem schlappen 8. Platz…

    HP Remmler, SC Böblingen

  4. Jo, danke, Bernhard 🙂
    Ich mein ja auch, Hall ist mit 8 Leuten angetreten, darunter ein IM. Also nicht zu fünft oder zu sechst und die Hälfte davon Ersatz. Gegen uns waren bislang alle stark aufgestellt, vor allem Wolfbusch und Willsbach nur gegen uns in Bestbesetzung.
    Im übrigen darf sich Hall II ein „Abschenken“ gar nicht leisten, denn so weit ist die Abstiegszone nicht entfernt. Die Haller Abstiegschancen sind inzwischen weit realistischer als die Aufstiegschancen (da widerspreche ich mal dem Orakel)
    Liga-Orakel sieht Euch Heilbronner immer noch bei 90% 🙂
    Im übrigen, Enis, wie Du an der Resonanz siehst, tolle, schon oberligareife Berichte!

    • Ein Haller Abstieg sollte bei zwei ausstehenden Paarungen gegen SSF III und Willsbach nicht zur Debatte stehen. Die Oberliga spielt da immer eine Rolle, jedoch müssten da schon Erdmannhausen und Sontheim runter, damit Hall in meinen Augen ernsthaft in Gefahr geraten könnte.

      Unter den Gesichtspunkten ist es für mich halt fraglich, mit welcher Manpower am 9. Spieltag in Grunbach antritt…naja, bis dahin sollten wir selbst erstmal drei Spiele gewinnen, was schon schwierig genug wird.

  5. Enis‘ Optimismus ist ja fast schon bewundernswert; nach dieser vernichtenden Niederlage noch anzunehmen, es gebe nur zwei ernsthafte Aufstiegsaspiranten. Meines Erachtens können sich noch mindestens 4 Mannschaften realistische Hoffnungen machen. In einer Liga, in der (fast) jeder jeden schlagen kann, wäre ein Erstplatzierter, der nur zwei Mannschaftspunkte abgegeben hat ein Ausreiser nach oben.
    Zu den Partien kann ich erst was schreiben, wenn die Rundmail gekommen ist.