Heilbronner Erfolg bei der WEM – Teil 1: Meisterturnier

Da ich jetzt schon öfter gehört hatte, dass man im Berufsleben kaum noch Zeit für Hobbies hat, wollte ich die Gelegenheit nutzen und zum ersten Mal überhaupt an einer Württembergischen Einzelmeisterschaft teilnehmen. Diese fand vom 30.08. bis zum 07.09. in der Grundschule Grunbach statt.

Runde 2: Enis Zuferi - Thilo Kabisch

Überraschenderweise wurde ich vom Turnierleiter Manfred Lube am Mittwoch vor Turnierbeginn angerufen, ob ich nicht im Meister- statt im Kandidatenturnier mitspielen will. Das wollte ich mir trotz der geschmälerten Chancen auf ein Preisgeld nicht entgehen lassen. Schließlich warteten im MT die stärkeren Gegner.
Der Start war sowie vom organisatorischen als auch vom schachlichen Standpunkt ziemlich holprig. Zunächst einmal durfte ich feststellen, dass die optimale Route Heilbronn – A81 – Marbach – Winnenden – Waiblingen – Grunbach (Remshalden) so nicht möglich war, da die Landstraße zwischen Marbach und Winnenden teilweise voll gesperrt war. Also über Backnang. Als ich an Waiblingen vorbeigefahren war, stellte ich zudem noch fest, dass der Teiler B14/29 gesperrt war und ich eine ungeheure Umleitung über Fellbach nehmen musste. Schnell auf die Uhr geschaut: 13.25 Uhr, in Fellbach. Der Turnierleiter meinte, man sollte zwecks Anmeldung bis 13.30 Uhr da sein. Hätte sicher geklappt – wäre die rechte Spur der B29 nicht gesperrt gewesen…

Der Schiedsrichter Fritz Gatzke (einigen Leuten sicher ein Begriff; mir bis dahin unbekannt) empfing mich gleich mit den Worten „Anmeldung? Ist das nicht zu spät?“. Herr Lube sah das nicht so – genau genommen durften wir auf einige Leute bis 14.15 Uhr warten, was mit den Ansprachen verschiedenster Leute dazu führte, dass die 1. Runde erst um 14.45 begann. Bemerkenswert war aber die Interpretation der Ballade „John Maynard“ durch eine Vertreterin der Gemeinde Grunbach, welche das Gedicht auf einen fiktiven Charakter namens John Player umgeschrieben hatte. Dieser Mensch verlor sein Leben in einem Mannschaftskampf, nachdem er die Zeitkontrolle knapp überstanden hatte. Immerhin führte er seine Mannschaft zum Sieg.

Apropos Zeitkontrolle: das Turnier wurde mit „Fischer-Bedenkzeit“ gespielt, also 90 Minuten für 40 Züge, eine halbe Stunde für den Rest, während pro Zug 30 Sekunden gutgeschrieben wurden.

Runde 1 hielt Marc Gustain vom SF Deizisau für mich bereit. Da die Teilnehmerliste nach ELO sortiert wurde, war ich im Prinzip ein „Underdog“ – an Setzplatz 20 von 24 gesetzt. So wurde aus dem DWZ-Vorsprung von 65 Punkten auf meinen Gegner ein TWZ (Elo)-Rückstand von 52 Punkten. Im Prinzip konnten sich die „Elo-Befürwörter“ bestätigt sehen – mein Gegner überspielte mich in meiner Lieblingseröffnung komplett, da ich die Kontrolle über das Feld d5 nach einigen ungenauen Zügen verloren hatte. Glücklicherweise kam ich mit einem Bauernverlust glimpflich davon und konnte gut auf der b- und c-Linie ein Gegenspiel aufziehen. Marc sah keinen anderen Weg, als den Mehrbauern wieder zu spucken, wodurch die Stellung ausgeglichen wurde. Im 40. Zug (welch Ironie) übersah ich eine zweizügige Drohung, wodurch ich praktisch auf Verlust stand: seine Dame war mit dem Springer eingedrungen, holte zwei Bauern ab, während sein eigener Turm meine zwei Schwerfiguren zu Statisten degradierte. Dank der zweiten Zeitnotphase kam ich da irgendwie noch mit einem Sieg raus, da er zwei Bauern opferte und mein h-Bauer einfach vorbei an Dame, Turm und Springer zur Umwandlung marschierte. Sachen gibt’s…
Mein Sieg wurde im Bulletin auch gleich mal als „Break“ tituliert. Kann man schon so sehen, aber nicht aufgrund der eigentlichen Spielstärke, sondern wegen des Partieverlaufs.

Unter diesen schlechten Vorzeichen wurde ich in der 2. Runde gegen den Titelverteidiger Thilo Kabisch (2203 DWZ, SK Schmiden/Cannstatt) gelost. Das konnte ja sowieso nichts werden – lassen wir aber einfach mal die Partie sprechen:


Infolgedessen wurde ich auch offiziell die „Überraschung des Turniers“ genannt.

Einfacher sollte es nicht werden, denn mit Boris Latzke (2183, SK Bebenhauen) wartete gleich ein Stammgast der WEM auf mich. Beim Esslinger Open konnte ich für mich selbst notieren, dass er gegen Grünfeld das auch von mir angewendete Russische System (4. Sf3/5. Db3) spielte. Glücklicherweise kenne ich es mit Weiß und Schwarz praktisch auswendig, sodass ich gut aus der Eröffnung kam. Dabei benutzte ich ein typisches Qualitätsopfer auf f3, um danach einen Vorpostenspringer auf d4 zu installieren. Die Partie war dann von gegenseitigen Angriffsversuchen geprägt, wobei ich beim Angriff auf den lang rochierten weißen König einfach schneller und taktisch gewiefter war. Meine übrig gebliebenen Figuren (Dame, 2 Springer und Turm) heizten der weißen Majestät stark genug ein, während die weiße Mehrqualität auf h1 nie auch nur einen von 29 Partiezügen machen konnte.
3 aus 3 und damit die alleinige Führung, da die FMs Reuß und Namyslo Remis spielten. Als mich meine Mutter angerufen hatte, bekam ich auch die Bestätigung, dass ich nicht träume. Unglaublich.

Leider war meine Serie dann auch gerissen. Auf FM Namyslo (2153, TG Biberach) bereitete ich mich wie gewohnt akribisch vor und lernte zahlreiche Varianten und Ideen bis Zug 20 in der Noteboom-Variante (1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 c6 4. Sf3 dxc4 5. e3 b5 6. a4 Lb4) – immerhin etwas gelernt, da ich in dieser Variante zuvor immer Probleme hatte. Natürlich kommen vorbereitete Varianten nie auf das Brett – ich sah mich mit dem Schara-Henning-Gambit konfrontiert. Leider fand ich nie wirklich in die Partie hinein. Zwar hatte ich immer eine angenehme Position, wusste jedoch nicht viel damit anzufangen. Mein Gegner überspielte mich dann mit einer gerissenen Kombination und setzte mich schön Matt.
Mittlerweile bekam ich aber trotz der Niederlage Respekt von einigen Leuten. Manfred Lube meinte, dass mein Name sehr bald auf dem Wanderpokal der Meister eingraviert werden würde. Ein Grunbacher Helfer war von meinem Spiel „begeistert“, während ein anderer mich so sympathisch fand, dass er mir gleich eine Fanta spendierte. Sehr nett auf jeden Fall, auch wenn ich finde, dass man nicht übertreiben sollte 😉
Bei der Gelegenheit erwähne ich noch, dass mir die ganze Organisation sehr gut gefallen hat. Daumen hoch.

Gegen den Erstgesetzten FM Andreas Reuß (2211, Stuttgarter SF) passierte nie viel. Aus einer Caro-Kann-Variante entstand eine ziemlich ausgeglichene Stellung. Das endete in einem total ausgeglichenen Mittelspiel. Beide Seiten konnten wenig in der Stellung machen, sodass nach einigen Abtäuschen ein ausgeglichenes Endspiel mit Damen und Springern entstand. Leider griff ich hier fehl und ließ die schwarze Dame entscheidend in meine Stellung eindringen, was in einer Niederlage mündete, weil ich mein Gegenspiel überschätzt habe.
Mit 3 aus 5 und einem 6. Platz wartete gleich die nächste für mich persönlich unangenehme Auslosung auf mich. Ich durfte mit Schwarz gegen den Neckarsulmer Philipp Müller ran.

Hier kam ich zunächst auch in eine leicht gedrückte Stellung, kam aber durch den Flügelvorstoß …f5 durch etwas Gegenspiel im Zentrum. Philipp behandelte die Stellung nicht ganz korrekt, da er dachte, nur durch Zentrumsspiel in Vorteil zu kommen. Jedoch, so lehrten bereits viele Meister, ist selbst ein Vollzentrum d4/e4 nichts wert, wenn es nicht durch Figuren gestützt werden kann. Mein Gegner wählte hierbei noch das objektiv beste Abspiel und gab zwei Figuren gegen Turm und zwei Bauern. Im Endeffekt konnte er aber nicht verhindern, dass sein Zentrum auseinanderfiel, sodass er nach einem zusätzlichen Dameneinsteller die Partie aufgab.

Die 7. Runde gegen Moritz Reck war zumindest schachlich gesehen keine besonders große Herausforderung. Moritz vernachlässigte seine eigene Entwicklung und raubte lieber Bauern auf meiner Seite. Dies wurde selbstverständlich mit einem so großen Stellungsdruck bestraft, dass ein Turm gewonnen wurde. Auf dem Weg dorthin stellte Moritz aber einige Fallen, sodass die Konzentration trotzdem konstant hoch bleiben musste. Einen faden Beigeschmack hatte das aber für mich, da ich Moritz zwar nicht so gut wie Philipp Müller kenne, er mir jedoch aus meiner WJEM-Zeit ziemlich gut bekannt ist. Auch er hat wie ich noch Prüfungen in seinem Studium vor sich, sodass wir beide sicherlich lieber lernen sollten – ich jedoch wollte meine letzte Chance auf den Turniersieg nutzen.

So ergab sich vor der 8. Runde das Bild, dass Reuß und Latzke mit 5,5 Punkten vor mir und FM Jens Hirneise (je 5 Punkte) führten. Die Spieler danach waren mit höchstens vier Punkten ziemlich abgeschlagen. Die Paarungen waren dann auch logisch: Zweiter gegen Erster, Vierter gegen Dritter.

Im Gegensatz zur 1. Runde kam ich auch ziemlich gut aus dem Najdorf-Sizilianer (6. Le3 e5). Es verschwanden ein Springerpaar und auf weißer Seite der weißfeldrige Läufer, während ich den schlechten Läufer e7 loswerden konnte. Zusätzlich konnte ich dank ungenauem Spiel von Jens die a-Linie öffnen und ihn zurückdrängen. Seine Türme standen auf der mittlerweile geschlossenen d-Linie (Abtausch der Leichtfiguren auf d5) nutzlos herum. Leider passte ich einen Moment nicht auf und ließ zu, dass er mit f4 die f-Linie öffnete – seine Türme standen plötzlich optimal. Gewissermaßen in Panik fand ich nicht mehr die richtige Verteidigung und verlor eine Qualität sowie die Partie.

Damit war die Titelchance vergeben und auch der zweite Platz – der letzte Qualifikationsplatz für die DEM – schien mit 1 Punkt Rückstand unmöglich.
Am Meisten ärgert mich jedoch, dass ich meine Wette mit Christian Biefel nicht gewinnen konnte. Er meinte Anfang der Saison 13/14, dass er die 2000 DWZ knackt, bevor ich 2200 erreiche. Zwischenzeitlich sah es auch gut für ihn aus, da er bis einschließlich des Deizisauer Neckar-Opens starke Turniere spielte, während ich auf 2053 fiel. Zwar konnte ich durch diese Niederlage nicht mehr die 2200 DWZ bei diesem Turnier knacken, es bleiben aber noch genug Chancen.
Die WEM kann ich ja auch 2015 noch gewinnen.

Für die abschließende Runde war ich nicht mehr motiviert genug, so sah auch mein Spiel aus. Selten flachte eine Stellung bei mir so ab wie gegen Dr. Achim Engelhart (2058, Post-SV Ulm). Da ich total müde und erschöpft war (wieso muss die letzte Runde auch um 10 Uhr morgens sein?) verbrauchte ich zudem sehr viel Zeit. Mein Gegner auch, jedoch lag das eher daran, dass ihm nach seinem Remisangebot nicht viel blieb, als zu sehen, wie seine Stellung leicht schlechter wurde. Das entstandene, wieder ausgeglichene Endspiel spielte ich einfach etwas besser, da ich meine Majorität am Damenflügel konsequent in einen gedeckten Freibauern ummünzen konnte. Hier zeigte sich, wieso Springer im Nachteil sind, wenn auf beiden Flügeln Bauern sind: Sein Springer verlief sich wegen eines Bauerngewinns auf h2, während mein Läufer den König beschützte und mein Turm den c-Bauern durchbringen konnte – das Turmopfer für das Gemeinwohl konnte leider nicht verhindert werden.

Weil Boris Latzke zeitgleich gegen Thilo Kabisch verlor, bedeutete das für mich die Vize-Vizemeisterschaft und ein Preisgeld von 275 €. Darüber hinaus habe ich – im Moment nur auf Basis von inoffiziellen Berechnungen – ein DWZ-Plus von 36 Punkten und ein Elo-Plus von 58 Punkten (wobei ich da nie weiß, welchen Faktor ich da nehmen muss, das ist ziemlich verwirrend geworden…) erarbeitet – womit ich bei 2180 DWZ respektive 2134 Elo lande. Letztendlich bleibt aber das Wichtigste, dass ich einige schöne Partien gespielt habe und gezeigt habe, dass ich noch nicht meinen Zenit erreicht habe – dass neun ereignisreiche und auch unterhaltsame Tage hinter mir liegen, in denen ich einige alte Bekannte getroffen habe, ist praktisch die Sahne obendrauf.
Natürlich kann ich für 2015 nichts versprechen, aber ich werde, sofern ich bei der WEM in Botnang mitspielen kann, die Mission Meistertitel wieder angehen – und zwar von Anfang an.
Alle Partien, Tabellen und Berichte seitens der Veranstalter findet man hier: Seite der WEM

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