Auszüge aus meiner Fernpartie (Update: Diagramm #3)

Wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kam ich um den Jahreswechsel zu einer äußerst interessanten Fernpartie gegen Schachfreund Dr. Stefan Gölz vom SC 1926 Wiesloch. Der Kontakt war über eine Arbeitskollegin von mir entstanden, und was zunächst nach einem lockeren Zeitvertreib aussah, wurde eine tiefgreifende schachliche Erfahrung, in die ich Stunde um Stunde, Abend um Abend investierte.

Auch nach knapp vierstündiger Diskussion mit vielen starken Vereinskollegen in Enis‘ Trainingsreihe zu Initiative, Opfer und Angriff sowie mittlerweile mehrstündiger Engine-Analyse mit Stockfish 13 erschließen sich mir nicht alle Geheimnisse der Partie. Dafür war sie zu dynamisch, zu zweischneidig, zu komplex und an vielen Stellen – im wahrsten Sinne des Wortes – zu unberechenbar.

Und dennoch möchte ich Euch zumindest die zahlreichen Schlüsselstellungen und Wendepunkte der Partie nicht vorenthalten. Ich habe sie in insgesamt zehn Diagrammen aufbereitet, die ich nach und nach in diesen Beitrag einstellen und jeweils mit einer konkreten Aufgabe für Euch versehen werde.

Für die Lösungen verweise ich in erster Linie auf die Aufzeichnungen Nr. 6 und 7 in Enis‘ Trainingsserie, wo die Partie ausgiebig diskutiert wurde. Aber natürlich werde ich auch direkt auf Eure Kommentare antworten, denn die Engine hat – wie nicht anders zu erwarten – doch die ein oder andere Schwäche in unserer online-Analyse offenbart. Und außerdem, wenn Ihr Euch schon alle die Mühe macht… 😊

Diagramm #1 – Stellung nach 8. …Sxf2?

Wohl zu sehr von Enis‘ Training und dem Prinzip ‘keeping the momentum‘ (auf Deutsch in etwa ‘den Schwung beibehalten‘) inspiriert, hatte ich mich mit Schwarz schon im achten Zug zu einem waghalsigen Springeropfer auf f2 hinreißen lassen, im Vertrauen darauf, dass nach 9. Kxf2 e4 genügend Linien und Diagonalen für mich aufgehen würden, um entweder ausreichend Material zurückzugewinnen oder starke Kompensation in Form von Angriff auf den weißen König zu haben.

In der Partie folgte nach der Annahme des Opfers und dem schwarzen Bauernvorstoß 10. Lb2? exf3 11. Sxf3 mit direkter Rückgabe des Königsspringers. Wie hätte mich mein Gegner schon im zehnten Zug böse auskontern können?

[Lösung siehe Kommentare 1-4]

 

Diagramm #2 – Stellung nach 17. Th-f1?

9 Züge nach dem „geglückten“ schwarzen Springeropfer steht der weiße König immer noch luftig auf f2, wo er zumindest die übriggebliebene weiße Bauerninsel auf e3 deckt. Die weiße Expansion am Damenflügel konnte ich in den letzten Zügen mit der Umgruppierung des Springers von c6 über d8 und e6 nach c5 beantworten. Außerdem war Weiß im letzten Zug mit dem eher passiven 17. Th-f1? auf Abwege geraten, das Besetzen der d-Linie wäre wohl angebracht gewesen.

In der vorliegenden Stellung ging es also eigentlich nur noch darum, den schwarzen Läufer von f8 nach d6 zu entwickeln, weshalb ich 17…Dh6 zog, um g7 zu überdecken. Doch war dies überhaupt nötig? In unserer online Partie-Analyse wurde das passive Bauernopfer 17…Ld6!? diskutiert. Nach 18. Lxg7 Tg8 erhält Schwarz im Gegenzug für den Bauern (und eine zerstörte Bauernstruktur – auch h7 könnte bald fallen) die offene g-Linie zum Angriff. Lohnt sich der Trade-off?

[Lösung siehe Kommentare 5-6]

 


Diagramm #3 – Stellung nach 23. Ld3

In der vorliegenden Stellung hatte ich meine Entwicklung nicht nur abgeschlossen, alle Figuren in Position, und eine Bauernlawine gegen den weißen König ins Rollen gebracht, ich war auch noch am Zug!

Und natürlich stellte sich mir die Frage, ob es nun nicht an der Zeit wäre, die weiße Königsstellung mittels des thematischen Vorstoßes 23…f4 aufzubrechen. Oder tat ich etwa besser daran, den Angriff noch weiter vorzubereiten?

Sensing the moment war hier also das alles beherrschende Thema. Vorschnelle Attacken werden bekanntlich bestraft, aber den richtigen Moment zum Angriff zu verpassen, und zu sehen, wie sich der Gegner wieder konsolidiert oder gar zum Gegenangriff übergeht, ist auch bitter.

Wie hättet Ihr entschieden?


Kommentare

Auszüge aus meiner Fernpartie (Update: Diagramm #3) — 6 Kommentare

  1. Das sieht ja extrem nach Fajarowitz aus. Ich hätte als Weißer niemals den Mehrbauern freiwillig zurückgegeben! Gegen dein Springeropfer sieht 10.b5 recht gut aus. Wenn dein Springer wegzieht, kommt seiner ins Zentrum, was deinem Angriff die Spitze brechen sollte. 10. … exf3 11. Bxc6 fxg2 (was sonst?) 12. Lxg2 Df6 13. Df3 sieht auch sehr gut für Weiß aus.

  2. Hallo Robin,

    was die Eröffnung angeht, liegst Du natürlich goldrichtig. Auch das Zurückgeben des Mehrbauern war nicht gut, zumindest nicht auf diese Art und Weise: Ich konnte einen Zug zuvor ungehindert mit d6 auf e5 zurückschlagen.

    10.b5! ist tatsächlich eine starke weiße Erwiderung auf mein Springeropfer. Aber hast Du in Deiner Variante auch 12…Dh4+ beachtet? Ich sage nicht, dass es für Weiß nicht geht, aber man muss schon die beiden schwarzen Läufer im Auge behalten. Wie verteidigst Du die offene Königsstellung mit Weiß?

    Es gibt aber tatsächlich noch eine stärkere Antwort im 10. Zug, die ich auch erst sah, nachdem ich 9…e4 gespielt hatte. Schau Dir diese Stellung nochmal an.

    (10. b5 hatte ich natürlich schon vor 8…Sxf2? gesehen, aber noch als spielbar für Schwarz erachtet, z.B. hielt ich auch 10…exf3 11.Dxf3 Sd4 12.exd4 Dxd4+ 13.De3+ Dxe3+ 14. Kxe3 Lc5+ für einen Versuch wert, seit der Engine-Analyse aber weiß ich, dass sich Weiß nach 15.Kf4 nebst Sb3 relativ ungehindert entwickeln kann).

    Grüße
    Julian

    • 10. Dc2 ist noch besser. Das ist so ein typischer Engine-Zug.
      12. … Dh4+ habe ich als ungefährlich abgetan; nach 13. Kg1 bekomme ich alle Felder in der Königsumgebung gedeckt (in den meisten Variante mit Sf3) und der Bauer auf c6 sollte dich ausreichend ärgern um mir die Entknotung zu ermöglichen. Allerdings kann es sein, dass ich die Probleme bei der Befreiung des Th1 unterschätzt habe.
      Habt ihr euch eigentlich im vornherein darauf geeinigt, beide keine Engines zu verwenden?

  3. Ja, 10. Dc2!! widerlegt das Springeropfer endgültig. Nun ist der weiße Springer auf d2 ent- und der schwarze Bauer auf e4 gefesselt, und außerdem noch entscheidend angegriffen. Und 10…exf3? wird einfach mit 11. Dxf5 beantwortet und Schwarz kann aufgeben.

    Aber auch die Fortsetzung 10…Df6 bringt Schwarz nichts ein, wenn Weiß korrekt weiterspielt: Nach 11. Sxe4! kann Schwarz den Springer nur schlecht mit 11…Lxe4 zurückschlagen, da 12. Dxe4+ mit Schach kommt und der weiße Turm auf a1 rechtzeitig gerettet wird, mit weißer Mehrfigur.

    Sollte Schwarz sich im 11. Zug direkt mit der Dame auf a1 bedienen, geht diese nach 12. Lb2! Da2 13. Ld3! nebst Ta1 flöten, da auch in dieser Variante Schwarz den weißen Springer auf e4 nicht gewinnbringend eliminieren kann.

    Immerhin stiftet 10…Df6 noch etwas Verwirrung, denn Weiß könnte sich ja am natürlich aussehenden 11. Lb2? vergreifen. Es folgt dann einfach 11…exf3! 12. Lxf6 Lxc2 mit schwarzem Mehrbauer.

    Ein typischer Engine-Zug, ja, wobei man ihn auch durchaus sehen kann. Gerade im Fajarowitz gibt es mehrere Varianten, wo sich die weiße Dame absichtlich auf c2 in die Schusslinie des schwarzen Läufers auf f5 stellt – auch wenn dann in der Regel auf e4 ein schwarzer Springer gefesselt, bzw. je nach Stellung, zum Abzug bereit ist, und nicht ein schwarzer Bauer.

    Tatsächlich habe ich den Zug im Nachhinein „gesehen“, als 10. Lb2? schon gespielt worden war. „Gesehen“ in Anführungszeichen deshalb, weil ich nicht einmal am Brett war, als mir der Gedanke kam, sondern im Auto… Was hätte ich eigentlich auf Dc2 gemacht? 😀

    Du hast Recht, dass 12… Dh4+ in der b5-Variante tatsächlich relativ ungefährlich für Weiß ist. Zum Beispiel geht auch nach 13. Kg1 Lc5 einfach 14. Df3 und hält den Laden zusammen.

    Auf das Spielen ohne Engine hatten wir uns zwar im Vorfeld nicht explizit geeinigt, aber ich denke, es war uns beiden klar, dass dies nicht der Sinn unserer Partie ist. Wäre natürlich lustig geworden, wenn einer von uns beiden die Nutzung einer engine als selbstverständlich angenommen hätte… 😉

    Viele Grüße
    Julian

  4. Nach 18.Lxg7 Tg8 19.Ld4 Dg4 20.g3 geht zwar das direkte Läuferopfe auf g3 nicht, aber 20. … Sxd3 21.Dd3 Lf5 sieht extrem unangenehm aus. Viel interessanter finde ich 16.Lxh7 was nicht nur den wertvollen Weißfelder vor dem Springer bewahrt, sondern auch g8 überdeckt und damit Lxg7 vorbereitet. Als kritische Variante betrachte ich 16. … f5 17.Sd4 Se4+ 18.Ke2 Dh6 19.Sxf5 und erstaunlicherweise steht der weiße König recht sicher. Vielleicht übersehe ich aber eine offensichtliche Widerlegung; die ganze Variante sieht zu absurd aus.

  5. Sehr interessant! Gleich 18. Lxh7 hatten wir gar nicht diskutiert, und tatsächlich führt die von Dir angegebene Variante nach 21.Sxf5 zu einer klar vorteilhaften weißen Stellung.

    Allerdings kann Schwarz den Läufereinschlag auf h7 auch mit 18…f5! 19. Sd4 Df7! oder sogar 18…0-0-0! 19. Lxg7 f5! parieren (unbedingt nachspielen, sieht wirklich skurril aus). In beiden Fällen wird Schwarz wohl im Tausch für den h8-Turm und die beiden Bauern auf g7 und h7 die beiden weißen Läufer erhalten und danach seinen Vorteil behalten, da die weiße Königsstellung unsicher bleibt.

    In der Variante 18.Lxg7 Tg8 19.Ld4 empfiehlt die Engine statt 19…Dg4 erst den weißfeldrigen Läufer zu eliminieren (in Deiner Variante kann der weiße Laden wohl mit 20.g3 Sxd3 21.Dxd3 Lf5 22.Dc3! und auf 22…Le4 23.Sd2! zusammengehalten werden) und dann nach 19…Sxd3 20.Dxd3 das ultrapositionelle 20…c5! nachzuschieben. Kann natürlich kein Normalsterblicher sehen, geschweige denn vorausberechnen, aber es zeigt sich mal wieder, dass das Feld c5 das absolute Schlüsselfeld der Partie ist, das haben wir bei der Analyse auch immer wieder zu spüren bekommen.

    In jedem Fall erscheint das passive Bauernopfer 17…Ld6 für Schwarz spielbar zu sein, auch wenn man die c5-Idee nicht sieht, sondern wie Du mit 19…Dg4 fortsetzt.

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