Vorerst letzter Mannschaftskampfbericht

Vor zwei Wochen mußte unsere Erste nach Weiler in Tschechien. Nun ja, nicht ganz so weit, nur ins Allgäu aber das erforderte dennoch eine Übernachtung und damit Kosten von grob überschlagen 500 Euro, was für einen reinen Amateurverein einmal in der Saison durchaus stemmbar ist, aber zweimal, wenn’s nach dem Willen praxisferner Funktionäre und ihrer Vorstellung von einer peripheren Endrunde (Zentral kann man ein Dorf außerhalb der Landesgrenzen beim besten Willen nicht nennen.) geht, ist eine Zumutung. In den letzten drei Saisons galt gegen Weiler die Devise „Vorne klammern, hinten punkten“, doch inzwischen hatten sie so viele Söldner zugekauft, dass wir überall um (halbe) Punkte kämpfen mussten. Ich selbst war nicht vor Ort (der Freistaat ist mir nicht nur zu weit weg, er hat auch seine eigene widerliche Gesetzgebung), daher orientiere ich mich an den von Harald Keilhack freundlicherweise erfassten und veröffentlichten Partien.

Enis bekam mit Vojtech Plat den absoluten Topscorer der vergangenen drei Ligajahre. Glücklicherweise verteidigte sich dieser grünfeldindisch und da kennt Enis mehr Theorie als es vor 100 Jahren in allen Eröffnungen zusammen gab. So gelang es ihm nach 15 Zügen einen Vorteil zu erringen, welcher für ein Remisangebot des GMs gut genug war. Einerseits ist ein Remis gegen fast 300 Elo mehr natürlich ein gratulationswürdiges Ergebnis, andererseits muss ich Ulrich zitieren, der immer wider darauf verwies, dass man gegen stärkere Gegner nie punktet, wenn man in besseren Stellung Remis annimmt, denn, wenn diese besser oder ausgeglichen stehen, werden sie es nicht anbieten.

Thilos Gegner Thomas Henrichs war nominell nur halb so deutlich favorisiert und bekämpfte Thilos Königsinder mit der Stutterstep-Methode: Schwarz durch schrittweise Rückzüge nach vorne locken und danach die Schwächen ausnutzen. Unser Mann machte aus der Not eine Tugend, indem er seine Bauernstruktur für aktives Spiel rund um die Schwächen opferte. Diese Aktivität trug ihn bis ins Endspiel, als der IM eine Figur für Dauerschach gab. Eine respektable Leistung unseres neuen Vereinsmeisters.

Simons Methode den Pirc-Aufbau des nominell ebenfalls hoch favorisierten Luca Kesslers zu bekämpfen mutet mir zwar gekünstelt an, doch so wie ich unseren Nachwuchs kenne, handelt es sich um eine raffiniert ausgetüftelte Großmeisterempfehlung. Bei heterogenen Rochaden pendelte der Zeiger meiner subjektiven Stellungseinschätzung wild hin und her, bis Simon mehr Durchblick (oder auch mehr Glück) als sein Gegner hatte und diesen zu einem Figurenopfer für zwei Bauern veranlasste, um ins Endspiel abzuwickeln. Die kritische Stellung war nach dem 33. Zug erreicht:


34. Th4 sieht zwar gekünstelt aus, verteidigt aber den Bauern d4 taktisch und gibt Gewinnchancen. Natürlich wäre es noch ein langer und steiniger Weg, den materiellen Vorteil gegen solch einen starken Gegner zu realisieren, doch nach dem Partiezug 34. Th3 waren der dritte Bauer und damit auch die Aussichten auf Vorteil weg. Auch dieses Remis war eigentlich ein hervorragendes Ergebnis, doch diesmal leider für die Mannschaft nicht genug.

Nico musste gegen Ufuk Tuncer, einen alten Bekannten aus meinen Jugendtagen, ran. Nico stellte sich wie so oft erstmal hinten rein und verteidigte sich geschickt und zäh, wobei ich den Eindruck hatte, dass Ufuk nicht immer die zwingendsten Angriffszüge gewählt hat. Z.B. wäre 19. c3 sehr unangenehm geworden. Nachdem der erste Ansturm überstanden war, hatte Nico einen Turm und zwei zentrale Bauern, einer davon frei, gegen zwei Leichtfiguren. Beide agierten nun konsequent: Ufuk attakierte mit seinem lokalem Materialübergewicht am Königsflügel, Nico eskortierte seinen Freibauern. Die kritische Stellung entstand im 57. Zug:

Schwarz hat zwar ein gewaltiges materielles Übergewicht, aber auch einen schrecklich offenen König. Nico entschied sich, mit 57. … Dxd2 den größten Teil seines Mehrmaterials zurückzugeben, konnte dann aber mit der verbleibenden Mehrqualität die weiße Festung nicht mehr stürmen. Stattdessen hätte es genau einen Zug gegeben, der sowohl den König ausreichend verteidigt, als auch genug Material zum gewinnen behält. Wer ihn findet, darf ihn in die Kommentare schreiben und stolz darauf sein, dem Aufsteiger eine Mannschaftspunkt entführt zu haben.

Die Partie am fünften Brett war leider ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie ein deutlich stärkerer Spieler gewinnt. Richard holte aus der Eröffnung nichts, und in einer Stellung mit nur geringer Asymmetrie manövrierte Tadeus Balacek besser. Zuerst war ein Bauer am Damenflügel weg und dann immer mehr.

Thomas wurde Opfer seines masochistischen Eröffnungsrepertoires: Trotz ihres Namens ist die sogenannte verbesserte Tarrasch-Verteidigung ein Trauerspiel; auch wenn es keinen forcierten weißen Gewinnweg gibt, steht Schwarz langfristig passiv ohne irgendeine Form von Gegenspiel. Die einzige Hoffnung besteht darin, dass Weiß die Geduld verliert und beim Versuch, im Hauruckverfahren zu gewinnen die Stellung überzieht. Benedict Hasenohr ist dafür aber viel zu abgebrüht. Auch wenn der endgültige Verlustzug erst im Turmendspiel ausgeführt wurde, wurde der Grundstein für die Niederlage schon bei der Eröffnungswahl gelegt.

Tobias Peng holte unseren einzigen vollen Punkt: er fraß im Zweispringerspiel nicht nur den ersten sondern auch noch den zweiten (offiziell als vergiftet geltenden) Bauern, um sich die Widerlegung zeigen zu lassen. Wunderkind Nummer Eins fand diese nicht und mit einer Reihe kongenialer Damenpendelmanöver (insgesamt 14 von 30 weißen Zügen waren mit der Dame) verteidigte Tobias zunächst seinen König und gewann schließlich entscheidend Material.

Ramin kam gegen Wunderkind Nummer zwei zwar solide aus der Eröffnung, konnte aber keine Initiative entwickeln und remisierte bald.

Insgesamt steht damit die zweite knappe und unglückliche Niederlage in Folge zu Buche. Nach den vielen knappen glücklichen Siegen der letzten Saison ist dies wohl ausgleichende (Un-)Gerechtigkeit. Doch während die Glückssträhne des letzten Jahres zum zweiten Platz und damit nicht zum Aufstieg geführt hat, kann die Pechsträhne, so sie sich den fortsetzen sollte, zum vorletzten Platz führen, und in Abhängigkeit von der Zweiten Bundesliga, wäre das ein Abstiegsplatz. Daher konnten wir auch der unsägliche dezentralen Endrunde nicht aus Protest fernbleiben. Nun wurde sie coronabedingt ohnehin abgesagt; wir hoffen, dass sie auf sinnvolle Art und Weise nachgeholt wird.

Nun zum (vor-)letzten Kampf der zweiten Mannschaft: Unser Gegner, die Grunbacher Zweite hatte diese Saison noch keinen einzigen Mannschaftspunkt geholt, und wir wollten uns dort nicht so blamieren wie die Erste vor zwei Jahren gegen Ulm. Parallel spielten ihre großen Brüder gegen Wolfbusch; ich konnte also auch unseren Gegner der Schlussrunde ausspionieren.

Kim-Luca kam 20 Minuten zu spät und war trotzdem als erster fertig: In einer Nebenvariante des Vorstoßfranzosen spielte er frühzeitig f4, versäumte dann aber das konsequente f5. Stattdessen wurde f5 und damit jede Aussicht auf weiße Aktivität komplett blockiert, so dass er über das Remis froh sein musste.

Jürgens Stellung irritierte mich gewaltig: die einzig halbwegs plausible Möglichkeit sie zu erreichen, bestand in einem abgelehntem inkorrektem Damenopfer. Ein Blick aufs Partieformular bestätigte, dass genau das passiert war. Ramin vom Nebenbrett berichtete mir später, beide hätten diese Züge à tempo gespielt. Glücklicherweise hatte Jürgen nun zwar keine Mehrdame aber immerhin Mehrentwicklung. Und weil sein Gegner lieber bereits entwickelte Figuren abtauschte, als unentwickelte zu entwickeln, gewann Jürgen auch so sehr schnell.

Ich selbst wich dem Theoriewust des offenen Sizilianers mal wider geschlossen aus und probierte mit Dd2-f4 Druck gegen d6 zu machen. Patrick vom Nebenbrett sah die taktische Widerlegung sofort, doch mein Gegner war genauso blind wie ich und gewährte mir Entwicklungs- und Zentrumsüberlegenheit. Er versuchte noch, sich durch einen Sturmlauf des H-Bauern und die späte lange Rochade in Verwicklungen zu retten, doch ohne entwickelte Figuren oder Einfluss aufs Zentrum spielte mir das nur in Hände. Ich gewann zuerst eine Qualität und wenig später die Partie.

Ramin transponierte ein Damenbauernspiel nach Caro-Kann-Abtausch mit Königsfianchetto. Mit einem zweistufigen Bauerndurchbruch öffnete er das Zentrum und, da der Gegner das berühmte Luftloch vergessen hatte, konnte Ramin Grundreihenmattdrohungen zum Gewinn des Bauern b2 nutzen. In den vergangen Jahren bewies Ramin immer wider sein Können in technischen Endspielen mit Mehrbauer, heute sollte keine Ausnahme werden.

Adrian spielte seinen üblichen Aufbau und bekam auch überlegenes Spiel, welches er zu einem hübschem Bauerngewinn nutzte. Leider fehlt ihm noch die Praxis der Vorteilsverwertung, so wickelte er zunächst zugunsten des Gegners ins Endspiel ab und überführte danach seinen König aus der Idealposition vor dem gegnerischem Freibauern ins Zentrum, wo er erschreckend nutzlos war. Nach dem Friedensschluss war sein erster Impuls als Ersatzmannschaftsführer Kim-Luca ob dessen Mangel an Motivation und Spielstärke die Leviten zu lesen, doch dieser war schon längst wieder abgefahren. Wir müssen uns mal beim Jugendleiterteam nach hungrigen Nachwuchstalenten erkundigen.

Severin fand nicht das richtige Gegengift in der Alapinsizilianernebenvariante, welche ihm sein Gegner servierte und stand unterentwickelt mit dem Rücken zur Wand. Jedoch verteidigte er sich geduldig bis zum Friedensschluss in nur noch leicht schlechterer Stellung.

Patrick unterband im Abtauschdamengambit zunächst den thematischen Minoritätsangriff am Damenflügel und kumulierte dann im geduldigem Manövrierspiel kleine Vorteile, die er in gegnerischer Zeitnot entscheidend zur Geltung brachte.

Daniel Schäfer verteidigte sich ebenfalls gegen eine Abtauschdamengambitstruktur, doch durch eine Serie von Abtauschen bekam sein Gegner eine gefährliche mobile zentrale Bauernmasse. Gemäß der Devise „wenn man schon schlecht steht, sollte wenigstens das Material stimmen.“ fraß Daniel zwei Bauern am Damenflügel. Mein Gefühl sagt mir, dass für Weiß druckvollere Angriffsfortsetzungen drin gewesen sein müssen, doch der Gegner ließ seine Bauern blockieren und mit zwei Mehrfreibauern und einem offenem weißem König war der Sieg eine Frage der Zeit. Ein Turmeinsteller beschleunigte das Ganze.

Insgesamt also ein durchaus verdienter 6,5:1,5 Sieg. Parallel fegte allerdings die Rumpfmannschaft unseres nächsten und letzten Gegners Wolfbusch genauso hoch von den Brettern. Nur am ersten Brett sah es lange Zeit sehr gut für Alexander Häcker aus, bis FM Höglauer ihm den Punkt entriss. Ich bin gewarnt!
Kurioserweise haben wir noch theoretische Aufstiegschancen: Dazu müssen wir gegen Grunbach 1 gewinnen und Stuttgart 2 muss gegen Böblingen 3 verlieren und Böblingen 2 sowie Kornwestheim dürfen beide nicht gewinnen. Jedes einzelne dieser Ereignisse ist schon sehr unwahrscheinlich, dass alle zugleich eintreten schätze ich auf weniger als ein zehntel Promille.
Ob und wann die letzte Runde gespielt werden wird ist noch nicht abzusehen, aber die Bedingungen können für uns eigentlich nur besser als direkt nach der WMBM sein.

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