Was American Football mit Schach zu tun hat…

Pünktlich zum zweiten Advent trat unsere Zweite zu ihrem fünften Ligaspiel der diesjährigen Verbandsliga gegen Böblingen 3 an. Nachdem Ramin – manche würden es Pessimismus, ich nenn es Realismus – uns bereits mit einer warnenden E-Mail darauf hinwies, dass es nach Verlusten gegen Stuttgarter SF 2 und Böblingen 2 mal wieder an der Zeit wäre wichtige Punkte gegen den Abstieg zu sammeln, traf unsere Zweite überpünktlich im Spiellokal der Böblinger – einem Tagungshotel – ein. Dort angekommen realisierten wir sehr schnell, dass wir nicht die einzige Randsportart vor Ort waren. Eine große Gruppe American Football Spieler von verschiedensten süddeutschen Vereinen hatte im Hotel eine Tagung. Hierbei kann man trostlos bestätigen, dass groß sowohl als Beschreibung der Anzahl der Sportler als auch deren körperlichen Ausmaße dient. Dass die doch eher rabiate Sportart zumindest an diesem Tag sehr viele Parallelen zu unserer Sportart aufweisen würde, hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht träumen lassen.

Zur Aufstellung: Für Kim-Luca kam ich zurück in die Mannschaft, ansonsten ging es nahezu mit Stammbesetzung in den Spieltag. Unterstützt wurde die Mannschaft durch die beiden Edelfans Mr. President und dem First Child. Den ersten Sieg des Tages durfte ich mir dieses Mal auf die Fahne schreiben. Meine Gegnerin lief mir in der königsindischen Abwandlung im Franzosen in die Vorbereitung, so dass wir gefühlt bereits ab dem zweiten Zug nur noch auf zwei Ergebnisse spielten. Dies zeigte sich relativ deutlich, da sie bereits in der Eröffnung sehr viel Zeit liegen ließ. So reichte eine konsequente Spielweise und ein final besseres Zeitmanagement um den Punkt sicher nach Hause zu bringen. Hier ein kurzer Dank an Ilja Zaragatski und seine Videoserie über den Franzosen bei einer bekannten Schachseite ;-).
Parallele 1 zum Football: Im American Football spielt der Quarterback normalerweise hinter seiner Offense Line. Dieser – wichtigster Spieler jedes Teams – prägt die Geschicke seiner Mannschaft, ohne ihn geht nicht viel. Unser Quarterback – und für mich der Tom Brady der zweiten Mannschaft – Robin spielt jedoch an Brett 1 und zeigte dort einmal mehr, wieso er so wichtig für uns ist. In einer klasse Partie zeigte auch er sehr schnell, dass heute nur einer das Brett als Sieger verlassen würde:

Mit einem relativ schnellen 2:0, sah der Mannschaftskampf zumindest auf dem Scoreboard gut für uns aus. Auf den Brettern ging es zuweilen jedoch auf und ab. Jürgen verlor im Damengambit in einem an sich ausgeglichenem Mittelspiel kurz den Überblick. Zwischenzeitliche drei Minusbauern konnten ihn jedoch nicht davon abhalten zu kämpfen und seinem Gegner final ein Remis abzunehmen. Der erste Turnover (= Verlust des Balls durch Gegnereinwirkung und damit Verlust des Angriffrechts) des Tages und eine weitere Parallele zum Football. Patricks Partie war über weite Teile eine geschlossenes Abwarten und Manövrieren beider Seiten. Leider verpasste Patrick im Mittelspiel ein taktisches Figurenopfer womit der Sieg wohl deutlich einfach umsetzbar gewesen wäre. So musste er noch ein paar Züge mehr spielen, konnte seinen Gegner aber schlussendlich mit besserem Positionsspiel niederringen. Die nächste Turnover-Partie. Ramin wurde an Brett 4 mit Schwarz von der Haupt(!)-Variante im Sizilianer überrascht. Am Besten seht ihr selbst, was hier abging, bevor die Partie friedlich mit einem Remis endete:

Cheffe konnte an Brett 5 seinen Negativtrend stoppen. Zwar gelang ihm nicht der erhoffte große Befreiungsschlag, doch konnte er nach längerer Durststrecke dem Spiel endlich mal wieder seinen Stempel aufdrücken. Am Ende sprang hierbei nur ein Remis raus. Dies lag wohl vor allem am schwer einzuschätzenden Springerendspiel und ein wenig fehlendem Glück.
Der größte Patzer, den es im American Football gibt, heißt Fumble. Hiervon spricht man, wenn ein Spieler, der den Ball komplett kontrolliert, ohne gegnerisches Einwirken den Ball verliert oder fallen lässt. So einen Fumble sahen wir an diesem Sonntag gleich zweimal. Marcel stellte mit Schwarz in der Berliner Verteidigung im Mittelspiel einen Turm gegen Läufer und Bauern ein. Zwischenzeitliche + 6 konnte sein Gegner nicht verwerten und fumblte die Stellung innerhalb von wenigen Zügen zu einer verlorenen Stellung mit Minusbauern und weniger Initiative. Diese konnte Marcel am Ende souverän über die Zielgerade retten. Unglücklicherweise fumblte aber auch Severin. Seinen Gegner, der seinen König am fianchetierten Königsflügel verbarg, schnürte er so ein, dass dieser sich kaum noch zu bewegen wusste. Auch in dieser Partie zeigte die Engine ein + 6, dieses Mal zu unseren Gunsten. Leider entschied sich Severin, anstatt seine Stellung konsequent weiter zu verbessern, eine Leichtfigur für 2 Bauern zu nehmen. Hierdurch tauschte sich relativ viel Material und der Gegner gewann auf einmal wieder Initiative. Diese nutzte er und hatte in beidseitiger Zeitnot die bessere Übersicht, kassierte die Mehrfigur ab und stand auf einmal mit einem gewonnen Endspiel auf dem Brett da. Trotz aufopfernden Kampfes ging unser Brett 7 leer aus.
Am Ende des Spieltages konnten wir den Mannschaftssieg mit 5,5:2,5 in die Endzone tragen und wichtige Punkte gegen den Abstieg sammeln. Bei konsequenter Spielweise an dem ein oder anderen Brett hätte das Ergebnis jedoch auch besser oder schlechter für uns aussehen können. Anfang Januar erwarten wir zu Hause mit den Stuttgarter SF 3 einen weiteren direkten Abstiegskonkurrenten, bevor wir zu unserem nächsten Auswärtsspiel nach Stuttgart-Wolfsbusch müssen. Hoffen wir, dass dann keine Ballett-Mannschaft vor Ort ist…

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