Ein Sieg, der nachhallt [Update: Jetzt mit kommentierter Partie]

Nach einem mal wieder mehr als kraftraubenden, aber dafür umso erfolgreicheren 17. Nikolaus-Jugendopen am 28.11. – Ramin Geshnizjani berichtete: Link – stand für den 29.11. ein Doppelkampftag an und zwar ein ziemlich wichtiger.

Soweit die Theorie. Das Spiel der Vierten in Neckarsulm fand gar nicht statt. Im Trubel des Nikolaus-Jugendopens und mit der Vorfreude aller, auch unserer Jugendlichen auf das Turnier ging die Paarung mehr oder weniger unter, sodass keine Mannschaft gefunden wurde und die Paarung kampflos an die Neckarsulmer abgegeben wurde. Schade drum, jedoch passieren solche Dinge, wenn fast alle Kapazitäten bei der Organisation eines solchen Großevents gebraucht werden.

Wie bereits gegen Lauffen hatte die Erste parallel ein Spiel zur Vierten und dieses galt als wegweisend und einer der Höhepunkte der Saison. Mit dem Spiel in Schwäbisch Hall gegen die Zweitvertretung der Haller gab es das erste Aufeinandertreffen zweier nomineller Aufstiegsfavoriten in der Saison. Im Vergleich zum letzten Aufeinandertreffen im Februar 2014 (4:4 und Aufstieg in die Verbandsliga) hatte sich die Haller Zweite noch einmal mit den französischen IMs Aguettaz und Nguyen verstärkt, während wir im Prinzip die gleiche Truppe – nur Adam spielte heute statt Ramin damals – ins Rennen schickten. Unser zweiter Neuzugang seitdem, IM Ulrich Schulze, war leider privat eingespannt.
Um 9 Uhr trafen sich fünf verlorene Seelen, deren Lebensenergie der Organisation des NJO geopfert wurde, und ein frischer Robin, welcher explizit darauf verzichtete, beim NJO zu helfen, um frisch zu sein. Ob es geholfen hatte?

In Schwäbisch Hall angekommen, erwartete uns direkt die erste unangenehme Überraschung. Der Haller Mannschaftsführer Steffen Mages sprach englisch mit einem Spieler, den ich davor noch nie gesehen hatte. Ob das einer der französischen IMs war? Tatsächlich handelte es sich hier um Maxime Aguettaz. Sein Kollege Chi-Minh Nguyen wartete ebenso schon oben. War das die Strafe dafür, dass wir unseren titellosen Franzosen Nicolas Blum ausnahmsweise mitgenommen hatten?
Wie dem auch sei, hießen die Paarungen so:
FM Pogan – Blum
IM Aguettaz – Zuferi
IM Zpevak – Stürmer (laut Julian Robins erster Einsatz überhaupt am dritten Brett)
IM Nguyen – Szabo
Mages – Menschner
Buran – Wolbert
Wohlmuth – Weißbeck, S.
Frühsorger – Bissbort

Vier Titelträger gegen einen bunten Haufen ohne Titel – vielleicht hätte ich mir doch den „CM“ holen sollen…
Theoretisch waren das die Paarungen, denn oben angekommen, stellten wir mit Erschrecken fest, dass Cheffe nicht da war. Glücklicherweise erschien er noch innerhalb der 30 Minuten-Frist und konnte die Partie mit knapp 20 Minuten weniger beginnen. So wirklich brauchte er aber seine Zeit nicht. Cheffe setzte den für das Damengambit typischen Befreiungsschlag …e5 durch, kam danach aber irgendwie eine strategisch minderwertige Stellung mit Springer vs. Läufer und weißem Zentrumsvorteil. Cheffe setzte daraufhin seine bekannte Magie ein und ein paar Minuten später war es plötzlich Remis. Remis mit Schwarz gegen einen stärkeren Spieler, das ist ein guter Anfang.

Julian hatte ebenfalls Schwarz, war ausnahmsweise jedoch der Favorit. Wie üblich kam die Vorbereitung nicht aufs Brett, jedoch kam Julian ganz gut in der Eröffnung und lebte glücklicherweise nicht vom Inkrement. Hier wollte ich irgendeinen guten Witz mit „Exkrement“ einbauen, aber mir fällt nichts Gutes ein.
Jedenfalls bot Julian in typischer Manier ein bizarres Figurenopfer an, welches ihm sein Gegner glaubte und stattdessen lieber eine strategisch etwas minderwertige Stellung spielte. Im Laufe der Partie ging dann zu viel Material verloren und so siegte Julian.
Oh captain, my captain!

Update: Julian hat seine Partie für uns kommentiert. Viel Spaß beim Nachspielen und Meckern!

Auch Adam half wie Robin nicht beim NJO mit. Sein Gegner tauschte im Slawen ab (Robin wäre wohl heulend rausgerannt, wenn er an Adams Stelle gewesen wäre), Adam verteidigte sich dafür die größte Zeit umsichtig. Mit der Zeit beging Adam kleine Ungenauigkeiten, die ein IM in der Regel nutzt. So konnte Adam nicht alle Schwächen verteidigen und mit taktischem Witz (Damen“einsteller“ auf c7 von Weiß, damit Sxe6+ einen Bauern gewinnt und die Dame zurückgewinnt) setzte sich der erste Franzose durch.

Der zweite Franzose setzte sich kurz darauf durch. Trommelwirbel! Es war nicht mein Gegner an Brett 2, sondern unser NiColas, welcher dem Haller NiKolas gut einen einschenken konnte. Es kam eines dieser modernen Systeme aufs Brett, in welchem Nico lang und Niko gar nicht rochierte. Optisch sah es danach aus, dass Niko am Damenflügel schneller wäre. Nico rechnete hier ein mögliches temporäres Figurenopfer kurz durch, welches in einem Turmgewinn resultiert hätte. Das zwang Niko dazu, sich zurückzuziehen und so hatte Nico am Königsflügel freie Bahn. Nikos Zeit wurde dazu knapp und so eroberte Nico im Sturm die schwarze Königsstellung.
Kopfschmerzen durch die ganzen Nicos und Nikos? Keine Sorge, Nikotin entspannt.

In einem engen und hart umkämpften Mannschaftskampf wie gegen Hall folgt auf einen Erfolg in der Regel ein Dämpfer. So verlor Simon in der Eröffnung einen Bauern, hatte dafür massiven Entwicklungsvorsprung und biss sich an der schwarzen Festung die Zähne aus. Da er nichts Direktes sah, hatte er sich davon überzeugt, dass er schlecht stand und so schaltete er in den Verzweiflungsmodus. Dabei verlor er den Blick für die einfachsten Dinge und so schnappte sich sein Gegner einen zweiten Bauern und etablierte einen wunderbaren Blockadespringer auf d5. Simon opferte hier und da noch Figuren, aber es half nichts mehr, der Angriff war verpufft wie Klitschkos Dominanz in der Boxwelt. Einfach so, auf einen Schlag (hihi). Hall glich aus.

Ich hatte mich hauptsächlich auf IM Zpevak vorbereitet und so war mir leicht mulmig, da mein Gegner jedoch eine Eröffnung spielte, die ich mir als Teil der Vorbereitung gegen Zpevak angesehen hatte, war ich dann doch erleichtert. Hier bekam ich dann früh einen Doppelbauern auf der c-Linie, wofür Weiß seinen Fianchettoläufer hergab. Da mein d-Bauer noch auf d7 stand, war das nicht so schlimm und ich konnte meinen Schwächling auf c5 mit d7-d6 stützen. Keiner machte großartige Fortschritte, nur kleine Zugeständnisse konnten abverlangt werden. Mein Gegner war nur ein Mal unaufmerksam, was mir erlaubte, taktisch einen Bauern zu schnappen. Nach vier weiteren Zügen stand ich klar besser, wenn nicht schon auf Gewinn, dass er im 39. Zug seinen Turm einzügig einstellte, machte meine Aufgabe trotzdem etwas zu einfach.

Robin und Jürgen sollten die Zünglein an der Waage sein.
Jürgen hatte im Mittelspiel eine weitestgehend symmetrische Struktur auf dem Brett. Hier spielte er besser als sein Gegner, in dem er weiter rechnete rechnete und Jürgen gewann mit einer taktischen Finesse einen Bauern, als er mit Sc4-e5 eine Gabel auf f7 drohte (Kh8 und Td8) und gleichzeitig seinen Turm auf c1 demaskierte, welcher einen Läufer auf c5 angriff. Die einzige Verteidigung …Td5 rannte in Sxf7+ Kg7 e4! und nach …La3 exd5 Lxc1 dxe6 wäre die Partie wohl aus gewesen. Jürgen machte sich das Leben selbst schwer, als er die Türme zunächst auf dem Brett ließ, um sie zu einem nicht ganz so günstigen Zeitpunkt abzutauschen. Nichtsdestrotrotz setze sich das Material durch (Material > alles), da zwei verbundene Freibauern, unterstützt vom Springer, im Alleingang aus einem einsamen Läufer Geschnetzeltes zubereiten.

Das war es! Ein unglaublicher und vor allem bei dieser Haller Aufstellung eher nicht erwartete Sieg!
Allen fiel dabei ein Stein vom Herzen, auch Robin, welcher eine schwierige Stellung hatte. Wie bei Adam gab es eine Bauernstruktur aus dem Abtausch-Slawen und wieder zeigte sich, dass der bessere Spieler Kleinigkeiten besser ausnutzen kann und vielleicht mehr als der Gegner sieht. So verlor Robin einen Bauern und konnte in ein Turmendspiel abwickeln. Hier hatte Robin die Möglichkeit, in ein Endspiel mit f- und h-Bauern für seinen Gegner abzuwickeln, welches ja immerhin theoretisch remis ist, aber praktisch sehr schwierig. Robin entdeckte scheinbar eine bessere Möglichkeit, wurde aber von seinem Gegner überrascht und landete in einem verlorenen Turmendspiel mit einem einzelnen Freibauern gegen zwei verbundene. Trotz diverser Trickversuche musste Robin sich geschlagen geben.
Vielleicht solltest du, Robin, nächstes Jahr einfach mal beim Nikolaus wieder mithelfen…

Am Ende ein 4,5:3,5. So trocken, wie ich dieses Ergebnis hier hinschreibe, war es bei Weitem nicht, die Freude war nach dem Spiel extrem groß. Wir wissen natürlich, dass wir noch nichts geschafft haben bis auf eine „Herbstmeisterschaft“, auch wenn uns bestimmte Websites etwas anderes suggerieren möchten.
Für den ein oder anderen Pessimisten: Mit dem Abstieg haben wir jetzt wohl wenig zu tun 😉
Die Tabelle liest sich natürlich sehr schön, aber kein Team verschenkt Punkte und ebenso steht noch das Duell gegen Stuttgart II an, in welchem wir uns natürlich für die empfindliche Niederlage letzte Saison revanchieren möchten.

Ich verabschiede mich dann mal in meinen „Urlaub“, genau genommen bin ich bei der Deutschen Einzelmeisterschaft in Saarbrücken (2.-12.12.). Drückt mir die Daumen! Oder auch nicht…aber wenn nicht, seid sicher, dass ich euch finden werde und bestrafen werde für eure Untreue.

Kommentare

Ein Sieg, der nachhallt [Update: Jetzt mit kommentierter Partie] — 6 Kommentare

  1. Hallo Enis,

    ich mag deine Berichte, aber hat dir noch niemand gesagt, dass es der Spannung nicht gerade zuträglich ist, wenn du schon im Titel verrätst, wie es ausgeht? Hier hätte man wirklich „mitfiebern“ können, wenn nicht der Titel schon verraten hätte, dass HN gewinnt. Einfach mal als Anregung…

    Herzliche Grüße
    Jochen

    • Hallo Jochen,
      Danke für deinen Kommentar, das mag schon stimmen. Wobei ich nicht die Zahl der Leute einschätzen kann, die das Ergebnis schon vorher sehen, egal ob es unsere Leute sind oder Spieler eines anderen Vereins, die das Ergebnis zufällig mitbekommen, weil ihr Verein ebenfalls in der VL spielen.

      Ich werde das für die Zukunft beherzigen.

      Grüße,
      Enis

  2. Am 12.11. 1995 hab ich am dritten Brett der ersten mannschaft gegen Bieberach gespielt.
    Die Saison davor war ich in der zweiten Mannschaft an Brett 3 aufgestellt und hab da auch fast immer gespielt (Die beiden Werner, Kövel und Söhner, an Eins und Zwei waren meistens beide da.).
    Doch da da dies alles lange vor Julians Zeit war, kann er es kaum wissen.

    Obwohl ich Slawisch-Abtausch überhaupt nicht mag, hab ich dagegen eine erstaunlich hohe Erfolgsquote; liegt wahrscheinlich an den seltsamen halbkorrekten Varianten, zu denen ich mich dan genötigt sehe.

  3. Die Fragezeichen in meiner Partie hinter 7…0-0 und in der Variante 9.0-0 bitte wegedenken. Keine Ahnung, wie die da hinkamen, ich habe sie nicht gesetzt.. Enis?! 😉
    Robin, wir sollten mal zusammen in den Archiven stöbern, das ist bestimmt hochinteressant 😉