Matchwinner wider Willen

Der Tag der Entscheidung war endlich gekommen.

Nach einer konzentrierten und starken Saisonleistung ab dem 2. Spieltag kam es im ver.di-Jugendheim zum Showdown gegen die Favoriten aus Böckingen. Beide Teams zeigten alleine durch ihre Aufstellung, dass die Saison in diesem einen Spiel gipfelt. Die Böckinger traten mit den ersten Acht an, während bei der Zweiten nur Dmitriy Ignatov fehlte, welcher adäquat durch Reiner Scholte ersetzt wurde.
Um knapp 11.45 Uhr traf ich dann im Jugendheim ein, um der Zweiten als moralische Stütze zu dienen. Dies schien zunächst auch mehr als notwendig. Direkt nach meiner Ankunft traf ich auf Patrick, welcher einen Partiezettel in der Hand hielt.
Aufgeregt teilte er mir mit, dass er verloren hätte und es an allen Brettern schlecht aussieht. Nicht gerade das, was man sich erhofft, wenn man aus Neckargartach anfährt.

Nach einer Begrüßungsrunde bestätigte sich leider das, was Patrick gesagt hatte. Thomas stand wegen eines abseits stehenden Springers, Raumnachteil und leicht unsicherem König fast schon platt. Ole hatte ein verlorenes Endspiel erreicht, während Christian sich mit einer Bauernschwäche auf c4 plagen musste, während sein Gegner drohte, mit zwei Türmen auf der offenen d-Linie einzufallen. Marcel spielte gegen einen gedeckten Freibauern auf d5, welcher seine Kräfte so band, dass Weiß zum Königsangriff überging. Einzig Anton stand sehr angenehm, da er mit sehr präzisem Spiel seinem Gegner zwei Bauernschwächen auf c6 und g6 verpassen konnte. Simons Doppelläuferendspiel war ziemlich unklar, da er zwar einen Bauern (unnötigerweise) verlor, dafür aber einen extrem aktiven König bekam. Reiner stand bereits platt, spielte er mit Minusbauer gegen zwei schwarze Freibauern auf a- und c-Linie sowie gegen das Läuferpaar.

Erwartungsgemäß verlor Ole dann ziemlich schnell, trotz Gegenwehr bis zum letzten Zug. Seine Figuren waren zu sehr von den weißen Freibauern abgelenkt, im weißen Lager fehlten dafür die Ziele für seinen weißfeldrigen Läufer im Läufer vs. Springer-Endspiel.
Simon verlor das Endspiel trotz aktiverer Figuren. Die entscheidende Thematik war hier wie bei Oles Partie ein entfernter Freibauer von Weiß. Simons Gegner kam noch zugute, dass Simons Bauern im Endspiel mit gleichfarbigen Läufern auf Feldern standen, deren Farbe der Läuferfarbe entsprach.
Bei einem 0-3 hatten einige Leute, inklusive mir, das Match und den Aufstieg abgehakt. Ein 4-4 hätte ohnehin nicht gereicht, da Böckingen einen Mannschaftspunkt Vorsprung hatte. Was nach dem 0-3 jedoch passierte, hätte auch Steven Spielberg nicht besser schreiben können.

Reihenweise kippten die guten beziehungsweise gewonnenen Stellungen der Böckinger so sehr, dass der Ausgang des Mannschaftskampfs völlig offen war.

Den Anfang machte hier Thomas. Sein Gegner versuchte, die Partie nur am Königsflügel zu gewinnen (Stichwort „Prinzip der zwei Schwächen“) und riss dabei seine eigene Königsstellung auf. Thomas schaffte es bei beginnender Zeitnot, stark im Zentrum zu kontern und seinen Gegner vor schwere Probleme zu stellen. Nach dem 40. Zug und beiderseitiger Zeitnot hatte Thomas plötzlich zwei Mehrbauern, einen Freibauern auf e5 und die unabwendbare Drohung, durch eine Fesselung die schwarze Dame zu gewinnen. Das war alles zu viel des Guten, sodass es nur noch 1-3 stand.
Bei Christian änderte sich insofern nicht viel, dass er dauerhaft schlechter stand. Sein Gegner war bereits auf der d-Linie eingebrochen, durch einige Abtäusche hatte Christian sich etwas Luft verschafft. Auch hier kam die Zeitnot in bedrohlich großen Schritten näher. Wie Thomas nutzte Christian die eine Möglichkeit, die sein Gegner ihm gab und gewann entscheidend Material. Durch einen schönen taktischen Trick konnte Christian also die Partie zu seinen Gunsten drehen. Plötzlich stand es nur noch 2-3!

„Stammersatzspieler“ Reiner vollbrachte wirklich Wundersames. Meine obige Beschreibung seiner Stellung war zutreffend, bevor ihr etwas anderes denkt. Reiner stand völlig kaputt. Er suchte jedoch seine Chancen und warf seinen einzigen Trumpf, seinen b-Freibauern, voll ins Geschehen hinein und stellte seinen Gegner vor praktische Probleme. Dieser verknotete seine Figuren so sehr, dass ein Bauer nach dem anderen fiel, ohne dass Schwarz auch nur einen Hauch von Chance hatte, seine eigenen Freibauern laufen zu lassen. Mit zwei Minusbauern ließ Schwarz seine Zeit runterlaufen (ziemlich gewöhnungsbedürftig, dass ohne Aufschlag pro Zug gespielt wird, auch wenn die Landesliga gerade mal ein Jahr her ist). Eine kleine Sensation war bereits vollbracht worden.

Alles hing also von Anton und Marcel ab.

Anton vereinfachte seine sehr gute Stellung in ein (meiner Meinung nach) gewonnenes Turmendspiel. Ein gedeckter Freibauer auf e5 bei schwarzen Schwächen auf d5 und g6 vermittelten mir den Eindruck, dass dies eine Sache der Technik sei. Genau bei dieser Sache haperte es aber plötzlich bei Anton. Er ließ zu, dass Schwarz seine Schwäche d5 im Ausgleichssinne auflösen konnte, was dem schwarzen König ein wunderbar zentrales Feld gab. Schwarz konnte dann die Partie mit dem besser postierten König und seinem a-Freibauern im Gleichgewicht halten. An sich natürlich unglücklich für Anton, jedoch war sein Spiel in Eröffnung und im Mittelspiel so überzeugend, dass man dennoch glücklich über diese Partie sein kann. Im Prinzip geriet er nämlich nie in Verlustgefahr.

Der Stand von 3,5-3,5 zwang „Magic Marcel“ dazu, alles für den Sieg zu geben. Zwischenzeitlich hatten sich mehrere weiße Figuren gegen Marcels König versammelt, auf einmal spielte Weiß aber nur noch rückwärts, tauschte das Läuferpaar ab und schwächte seinen eigenen König durch Bauernzüge. Marcel konterte zentral mit e- und f-Bauer, ließ seine Bauernwalze los und gewann durch eine sehr exakt gespielte Sequenz zwei Bauern der weißen Königsstellung, welche durch die weißen Züge unwiderruflich schwach wurden. Dennoch war die Stellung nicht 100% klar, denn Weiß hatte immer noch seinen gedeckten Freibauern und die e-Linie. Marcel umging die letzten Fallstricke jedoch gekonnt und zwang seinen Gegner zur Aufgabe!
Hier muss noch erwähnt werden, dass Marcel förmlich zum Spielen gezwungen wurden, weil am Mittwoch sein schriftliches Abitur beginnt. Im Endeffekt hat sich der Einsatz für alle gelohnt, jetzt kann sich Marcel voll auf sein Abitur konzentrieren. Viel Erfolg dabei!

Damit war die Sensation perfekt. Mit dem 4,5-3,5-Erfolg übernahm die Zweite die Tabellenführung und hat es beim letzten Spiel in Lauffen (26.04.2015) selbst in der Hand, den Aufstieg zu vollbringen. Dementsprechend bleibt von meiner Seite aus nur zu sagen: Herzlichen Glückwunsch und gebt noch einmal Vollgas!

Das Siegesdokument!

Das Siegesdokument!

Kommentare

Matchwinner wider Willen — 3 Kommentare

  1. Hallo Enis, finde Deine Berichte über die Aktivitäten im Heilbronner Schachverein treffend formuliert, kurz gesagt SUPPPPPPEEEERRR!!!!

    Mach weiter so!!!