BW-Liga U20 Runde 2: HSchV I – SC Eppingen I oder auch: David stellt Goliath ein Bein

Es ist Freitag, der 14.11.2014. Die Uhr schlägt 17.30 Uhr, wir befinden uns im Robert-Mayer-Gymnasium Heilbronn, Zimmer 3 im Erdgeschoss. Die spärliche Einrichtung (Tafel war nicht magnetisch…) umgibt eine Aura der Konzentration, denn die Blicke sind auf das Demonstrationsbrett an der Tafel gerichtet. Denis Z. (Name von d. Red. geändert) und drei Mitstreiter beschäftigen sich eingehend mit der Abtauschvariante der abgelehnten Damengambits. Pläne und Züge, gute wie schlechte, wurden heiß diskutiert, bis die Tür plötzlich geöffnet wurde. Tim-Luka W. (Name von d. Red. geändert) kam wie immer zu spät und fügte sich gleich mit Störungen im Trainingsbetrieb ein.

Kurz vor dem rituellen Besuch beim besten Döner in der Stadt meinte Marcel M. zu Denis Z.:
„Um wieviel Uhr ist morgen Treffpunkt?“
„13.45!“
„Ich glaube, wir sollten weiße Taschentücher mitbringen, damit wir diese hinwerfen können. Wir werfen das Handtuch!“

Samstag, 15.11.2014, 14.00 Uhr:
Die zweite Runde der BW-Jugendliga U20 wurde eröffnet. Von der DWZ her war die Mannschaft, durch den Wegfall von Denis Z. massiv geschwächt, gegen die frisch aufgestiegene Mannschaft des SC Eppingen klarer Außenseiter. Die Paarungen lauteten:
Peng, Xiang-Tobias (1962) – Noe, Christopher (2377)
Wenninger, Patrick (1837) – Hahn, Cedric (1936)
Mikeler, Marcel (1781) – Bay, Nicolai (1918)
Wunder, Anton (1783) – Hermann, Tobias (1810)
Degenhard, Simon (1868) – Mütsch, Annmarie (1698)
Ignatov, Dmitriy (1598) – Pacius, Max (1074)

Man hätte frech sagen können, dass das Team an Brett 6 einen sicheren Punkt einstreichen würde. Dazu wird Dmitriy mal zitiert: „Ich hab schon ewig nicht mehr gespielt…“ – mit Erwartungen sollte man sich dementsprechend zurückhalten.
Bis 15.00 Uhr passierte nichts wirklich. Manche Leute kämpften sich durch einen Theoriedschungel und verbrauchten dementsprechend viel Zeit (1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. c3 Sf6 5. d4 exd4 6. cxd4 Lb4+ 7. Kf1!? – Schwarz ist „out of book“), andere konnten es wohl kaum erwarten, ausgeglichene, symmetrische (oder: langweilige) Mittelspiele zu erreichen. Dementsprechend verließ ich gegen 15.10 Uhr das RMG für eine halbe Stunde, um gewisse Geschäfte zu vollenden. Bei meiner Ankunft konnte ich lesen:
„Wenninger, Patrick, – Hahn, Cedric 1:0“
Wie konnte das passieren? Nun, seht selbst!


Patricks Gegner hat wohl einfach einen schlechten Tag erwischt, denn zwei grobe Fehler in zwei aufeinanderfolgenden Zügen erwartet man nicht unbedingt auf diesem Niveau. Jedoch sollte man nicht denken, dass ich mir hier in irgendeiner Weise beschwere, da ein 1-0 für das Team halt ein 1-0 für das Team ist.

Dmitriy folgte kurz darauf mit einer ähnlich kurzen Partie (31 Halbzüge). Einen kurzen Umriss der Partie werde ich hier geben:
1. e4 e5 2. f4 d6 3. Sf3 Lg4?! 4. Lc4 Sf6 (Zitat Saygun: „Robin sagt, dass das ein Verlustzug ist“)
Meine Gedanken: „Hmm…wenn jetzt 5. fxe5, dann müsste Schwarz …Lxf3 spielen, denn auf …dxe5 kommt Lxf7+!“
Dmitriy spielt 5. Sc3.
„Oh Mann, echt jetzt?!“
Es folgt 5…Le7?.
„Aber jetzt muss er doch sehen, dass 6. fxe5 zumindest das Läuferpaar gewinnt!“
Dmitriy rochiert kurz.
„Ich bin bedient…“
Letztendlich setzte sich hier die Spielstärke durch, Dmitriy überführte Dame und Turm auf die h-Linie (via d1-e1-h4 bzw. f1-f3-h3), entfernte den einzigen Verteidiger des schwarzen Königs mit Lg5xf6 und gewann dadurch die gegnerische Dame. Ein einfacher Plan, der konsequent durchgeführt wurde. Zwischenzeitlich hätte Dmitriy sogar seinen Turm auf a1 geopfert – „das ging sicher, das Opfer“ – gewagte Aussage, nachdem er nach einem Läuferopfer im März 2014 gegen die Karlsruher SF bei -9 stand – glatte Dame weniger.

Kurz darauf folgte der erwartungsgemäße Sieg von Christopher Noe über Tobias. In der oben genannten Italienisch-Variante reagierte Tobias zunächst richtig, indem er mit 7…d5 im Zentrum Fuß fasste, nach 8. exd5 Sxd5 9. Sc3 griff er mit …Sxc3 fehl und stand die ganze Partie über gedrückt. Korrekt wäre im Übrigen 9…Le6 gewesen, danach hat Weiß eigentlich nur Entwicklungsprobleme. Der Überraschungseffekt der Variante hat offensichtlich aber seine volle Wirkung entfaltet. Tobias war zudem von Beginn an von der Spielstärke seines Gegners eingeschüchtert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht so passiv und zurückhaltend spielen würde, wenn sein Gegner nicht eine so hohe Zahl hätte. Er hat nämlich oft genug gezeigt, dass er ein hervorragender Angriffsspieler sein kann.

Mit einem 2-1 im Rücken hätte die Partie zwischen Simon Degenhard und Annmarie Mütsch für uns richtungsweisend sein können. Beide kennen sich aus ihren gemeinsamen Zeiten bei den SF HN-Biberach. Simon kam bekanntlich 2013 zum HSchV, während Annmarie vor knapp einem halben Jahr einen anderen Weg einschlug und zum SC Eppingen auf die dunkle Seite der M…ähm, nach Baden wechselte. Beide Spieler sind für ihr Alter außerordentlich talentiert und fahren zusammen auch auf einige Turniere – da ist es nur von Vorteil, wenn die Eltern beider Kinder das Hobby bei jeder Möglichkeit unterstützen.
Kommen wir zum Wesentlichen: die Partie. Diese war zunächst von gegenseitigem Manövrieren geprägt, bis ab Zug 20 die Stellung völlig in ein unübersichtliches taktisches Gemetzel kippte. Auch diese Partie gebe ich zum Nachspielen weiter, wer Anregungen hat, kann diese gerne in den Kommentaren durchgeben:


Man sieht, dass jedes Ergebnis in der Partie realistisch war. Zum Glück für uns konnte Simon auf 3-1 erhöhen.

Anton grinste mich nach der Eröffnung an und ich wusste nicht, wieso. Ich schaute auf das Brett und sah, dass Anton sich in der Abtauschvariante des abgelehnten Damengambits befand. Genau diesen Stellungstyp hatten wir in all seinen Facetten tags zuvor behandelt. Anton spielte jedoch in der Eröffnung ungenau (Sf3 und Le2 – vor allem der Läufer gehört nicht nach e2!), glich das aber im Mittelspiel aus, als er den Minoritätsangriff unwiderstehlich präzise durchgeführt hat. Ich bin ehrlich: ich könnte nicht sagen, dass ich es so genau wie er gespielt hätte. Folglich bekam Anton starken Druck am Damenflügel und konnte einen Freibauern auf c6 bilden. Leider ließ seine Konzentration danach aus einem bestimmten Grund nach und er setzte einmal zu viel auf einen Billigtrick. Schwarz konnte den Bauern c6 entschärfen und die Partie flachte zum Remis ab. Anton weiß aber auch, dass er in der Stellung einfach zu ungeduldig war – sein Ärger über sich selbst war nach der Partie deutlich zu sehen.

Mit einem 3,5-1,5 konnte Marcel ruhig weiterspielen. Seine Stellung gab auch nicht viel hier. Im Panov-Angriff ließ sich Weiß auf eine typische Isolani-Stellung ein – diese wurde erst vor wenigen Wochen im Training behandelt. Marcel setzte das Gelernte gut um und erreichte eine der „unknackbaren“ Stellungen. Die ganze Zeit über war die Partie dementsprechend ausgeglichen bzw. Schwarz stand minimal besser. Bei einer Gelegenheit verpasste es Marcel aber, deutlich in Vorteil zu kommen:

13. Tfd1? war ein klarer Fehler - wie hätte Marcel hier deutlich in Vorteil kommen können?

13. Tfd1? war ein klarer Fehler – wie hätte Marcel hier deutlich in Vorteil kommen können?


Im 14. Zug war das gleiche Motiv noch einmal drin, da Weiß sein Problem nicht sah und 14. Lb3? spielte.
Danach passierte kaum noch etwas. Es wurde in ein Doppelturm-Endspiel abgewickelt, indem Marcel auf der c-Linie eindringen konnte. Das reichte jedoch nicht zum Sieg aus und so endete die Partie mit einem ungefährdeten Remis gegen einen 1900er – kann man mal machen. Ich muss sagen, dass der frischgebackene Vize des Deizisauer Herbstopen B sein Spiel merklich verbessert hat.
Dazu zitiere ich Marcel mal: „Das Training bringt doch etwas!“ – 🙂

Somit stand am Ende ein verdientes 4-2 im Spielbericht. Auch leistungstechnisch war das eine klare Verbesserung gegenüber dem Spiel gegen Sontheim/Brenz. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich behaupte einfach mal, dass das Team auch in dieser Saison gute Chancen hat, sich für die Deutschen Vereinsmeisterschaften zu qualifizeren. Dass in dieser Liga alles passieren kann, sollten folgende Ergebnisse zeigen:
Biberach – Eppingen 3-3 (Runde 1)
Bebenhausen – Karlsruhe 1-5 (!)
HSchV – Eppingen 4-2

Den anstrengenden Tag ließen wir gemeinsam in der örtlichen Burgerbar ausklingen.
Sharkey’s, 18.45 Uhr:
„Wir hätten gerne einen Tisch für vier Personen.“
Kellnerin: „Hmm…ich kann euch da einen Tisch anbieten oder die Couch. Die sind aber beide um 20 Uhr für andere Leute reserviert“
„Bis dahin sind wir sicher weg!“
Hätten wir nicht bis um 19.50 Uhr (!) auf unser Essen warten müssen, hätten wir es vielleicht mehr genießen können. Das soll aber kein großer Vorwurf sein, da es wirklich rappelvoll im Lokal war.

Alle relevanten Daten sind zu finden unter: http://schachverein-heilbronn.de/mannschaften/1-jugendmannschaft/
Bis zur DVM (26.12.-30.12.2014) ist in der 1. Jugendmannschaft zunächst Pause, am 10.01.2015 geht es in Göppingen weiter.
– Enis Zuferi

Kommentare

BW-Liga U20 Runde 2: HSchV I – SC Eppingen I oder auch: David stellt Goliath ein Bein — 1 Kommentar

  1. Herzlichen Glückwunsch zum Favoritensturz!

    In Simons Partie war ja – wie am nächsten Tag beim anderen Simon 🙂 – ganz schön was los! Echt interessant, welchen Effekt ein paar ungenaue Züge im Sizilianer haben können.

    Bin wirklich gespannt, was in der Liga noch alles passiert!