Spät kommt ihr, doch ihr kommt

Da Enis zwar über unser Spiel Tamm schrieb, obwohl er gar nicht dabei war, aber vom letzten Mannschaftskampf der Ersten noch nichts berichtete, erwidere ich nun den Gefallen.
In Kooperation mit der hießigen Fachhochschule empfingen wir die Stuttgarter Schachfreunde nicht im üblichem Spiellokal, sondern im Know-Cube. Für dieses Ambiente möchten wir den zuständigen Funktionären, insbesondere Prof. Ole Wartlick unserern Dank aussprechen und hoffen auf eine weiterhin fruchtbare Zusammenarbeit. BlaBla, ich war zwar nicht da und hab auch eigentlich keine konkrete Ahnung, kann aber trotzdem ganz toll hübsche Sätze formulieren.
Die Notation der Partien hingegen habe ich dank der Arbeit des freundlichen Feuerbachers, und kann darüber etwas gehaltvoller schreiben.
Da Ulli Angst hatte, im Grünfeldinder in eine Vorbereitung zu laufen, bereitete er selbst eine Variante des angenommen Damengambits vor, die er zuletzt vor 20 Jahren in ernsten Partien gespielt hatte. Leider zeigte sich, dass die konkrete Erfahrung des Stuttgarter Spitzenspielers mit diesem Stellungstyp mehr wert war, als pure Vorbereitung. Ulrichs verfrühter Versuch mittels eines Springerausfalles am Damenflügel aktiv zu werden, gab Mark Kvetny die Gelgenheit, zu zeigen, warum er Württembergischer Meister geworden ist. Schon nach 18 Zügen war alles vorbei.
Enis hohe Risikobereitschaft manifestierte sich in heterogenen Rochaden, doch wurde er gründlich überspielt. Als Petar Benkovic sich den Gewinnweg raussuchen konnte, wählte er das Endspiel mit vielen Mehrbauern. Dies ermöglichte Enis einen letzten Trick: Er hatte zwar außer König und Turm nur noch einen Bauern, doch standen die schwarzen Mehrbauern ihrem eigenen Turm im Weg, so dass dieser den Freibauern nicht vernünftig stoppen, sondern nur Zugwiederholung erreichen konnte.
Tobias‘ zweifelhafte Interpretation des Damengambits wurde von Igor Neymann am Damenflügel und im Zetrum gewaltig unter Druck gesetzt. Dies erzwang den Übergang ins Endspiel, in welchem der weiße Läufer mit dem Turmpaar signifikant besser harmonierte, als der schwarze Springer und einen Bauern gewann. Sehenswert auch, wie er bei reduziertem Material den Mehrbauern zurückgab, um ein unentrinnbares Mattnetz zu knüpfen.
Niko hingegen bewieß gegen IM Strunski, dass auch wir Heilbronner gut Schach spielen können: Schon nach wenigen Zügen entstanden ungewöhnliche Stellungsbilder in denen tiefgründige Manöver strategische Ziele auf taktisch konkretem Wege durchsetzten. Im Gegensatz zur vorherigen Partie, harmonierte hier der Springer besser mit den Türmen als der Läufer. Selbst falls eine Engine jeden zweiten Zug kritisieren sollte, betrachte ich diese Partie als eine hervorragende Leistung Nikos.
Altmeister Robert Gabriel griff unseren Jungmeister Simon im nächsten Damengambit am Königsflügel an, doch je nach Perspektive konnte ersterer keinen entscheidenden Schlag finden oder zweiterer verteidigte sich zäh und erfolgreich bis zur Stellungswiederholung.
Thomas tauschte schon früh die Damen und auch sonst ’ne Menge ab. Obwohl das Endspiel harmlos aussah, entwickelte sich seine Initiative scheinbar von alleine, bis der schwarze Perimeter nachgab und der a-Bauer schließlich das Rennen machte.
Harald Keilhack lobte Steffen in seinen letzten Oberligastreiflichtern ob dessen Kühnheit und seines Wagemutes, doch diesmal zeigten sich die Schattenseiten dieser Tugenden: Wer bei aufgezogenem Damenflügel und ohnenhin offenem Zentrum auch noch am Königsflügel stürmt, findet halt kein sicheres Plätzchen mehr für den eigenen König. Rolf Fritschens Bestrafung war noch relative milde, „nur“ eine Abwicklung ins bessere Bauernendspiel. Steffen versuchte noch einen Bauerndurchbruch ; doch entweder war der Remisweg, den ich bei der Analyses gefunden habe doch keiner, oder für Steffen zu versteckt.
Jürgen spielte seit langem mal wieder Oberliga und bekämpfte Dieter Migls Grünfeldinder solide. Er ließ sich den F-Bauern verdoppeln, um in der G-Linie Druckspiel aufzuziehen. Ich hätte die Damen auf dem Brett gelassen, aber auch das Doppelturmendspiel bot noch viele spannende Motive. Schließlich hatten beide ein verbundenes Freibauernpäärchen und gefühlsmäßig sollte irgendwo ein Gewinn drin gewesen sein, doch Doppelturmendspiele sind nunmal kompliziert, so dass ich Jürgen wegen des ausgekämpften Remises keinen Vorwurf machen kann.
Insgesammt steht somit eine knappe aber verdiente Niederlage zu Buche, die hoffentlich jedem klar macht, dass man es sich nie bequem machen darf; die Aufgabe lautet, das in den ersten Runden auf die Abstiegsränge aufgebaute Punktepolster zu verteidigen und nach Möglichkeit auszubauen.
Thilo Kabisch hat schon zum zweiten Mal kampflos verloren, und falls ich die Turnierordnung richtig im Kopf habe (korrigiert mich in den Kommentaren, falls nicht.) bedeutet dies, dass er für den Rest der Saison gesperrt ist. Er hat zwar vor sehr langer Zeit auch mal zu uns gehört, doch an seiner chronischen Zuspätkommeritis ist ausnamsweise nicht Saygun schuld. Da die Schmiedener Ersatzbank quantitativ und qualitativ nicht zu den besten gehört, und Schmieden noch gegen Bebenhausen und Deizisau spielen muß, bekommt der Abstiegskampf eine ganz neue Dynamik.
Jetzt aber zum eigentlichem Thema dieses Beitrages, dem „Auswärtsspiel“ in Neckarsulm. Da der alte Vorsitzende nicht jedesmal aus Darmstadt herkommt, der neue Vorsitzende sich um First Lady und First Baby kümmert (Heißt der Kleine eigentlich nach dem Erzengel, dem Renaissance-Künstler, dem Sportler, dem Musiker, der Schildkröte oder jemandem, den ich nicht kenne?) und Adrian anderweitig verhindert war, durften wir unsere gutbesetzte Ersatzbank nutzen. Hierbei muß ich Dimitri einerseits für die Anreise aus Karlsruhe loben, andererseits ob seines Verschlafens tadeln. Auch bei den Gegnern fehlten mit Gotthard Wirth, Alexander Lindemann und Alexander Schimmele drei der vier nominell stärksten Spieler, doch war deren zweite Garde nicht ganz so gut.
Meinen eigenen Sieg kommentiere ich, falls ich Lust und Zeit dazu habe (und ich ausknobbel, wie man pgns richtig einbindet) demnächst noch. Zunächst sei nur verraten, dass er zwar unterhaltsam, aber nicht gut war.
Die spanische Theorie hab ich mir nie angetan, doch selbst ich weiß, dass Weiß weder seinen Damenläufer leichtfertig geben, noch den D-Bauern grundlose über die Mittellinie vorstoßen sollte. Sandra Weber tat beides und gab Marcel damit die strategische Grundlage für Aktivitäten am Damenflügel, welche schnell entscheidend Material gewannen.
Juergen Boxberger nahm Daniels Damengambit an, mishandelte es aber gründlich und verblieb im Endspiel mit dem typischen weißfeldrigem Großbauern, gegen Daniels Rießenkrake auf e5. Hübscherweise gewann Daniel nicht mittels schnöden Bauernsammelns sondern setzte in der Brettmitte Matt.
Hans Oette verteidigte sich gegen Jürgens Abtausch-Damengambit lange gut, hatte dann aber einen kompletten Blackout und opferte völlig inkorrekt einen Springer.
Michael Wickenheißer hat zwar in seiner Heilbronner Zeit gelernt, dass man das Wolga-Gambit besser ablehnt, doch dann „gewann“ er am Damenflügel einen Bauern und gab Dimitry damit die halboffenen Linien, von denen man als Wolga-Spieler träumt. Dem Angriff am Damenflügel gab es nichts mehr entgegenzusetzen.
Ramin hat seine Partie selber kommentiert, doch ich kriege es selbst mit den Hilfsfunktionen (noch) nicht hin, sie vernünftig einzubinden.
Somit führten wir 6:0 und träumten schon von der Höchststrafe, doch spielten noch die starken Zwillinge. Timo Stark verteidigte sich im Vorstoßfranzoßen eigenwillig und provozierte Kim-Luca so zu einem Bauernopfer für langfristige Initiative. Doch gegen die starke Verteidigung fand er zunächst kein Durchkommen und verpaßte dann, im richtigen Moment von Schieben auf Remis-Klammern umzuschalten. Gegen dem vom Läuferpaar unterstützen a-Mehrfreibauern gab es kein Halten mehr.
Patrick kamm gegen Sven Stark gut aus der Eröffnung, verlor dann aber völlig den Faden und mußte eigentlich froh über ein Remisgebot sein. In einem Anflug von Größenwahn lehnte Patrick ab und wurde prompt belohnt: Svens schwache Fortsetzung erlaubte ihm, mit flügelübergreifenden Aktionen Material zu gewinnen. Als sich der Pulverdampf gelegt hatte, besaß Patrick Dame, Turm sowie a-, d- und g-Bauern gegen Dame, Springer und f-h-Bauern. Anstatt nun Weiß erst passiv zu binden, um dann einen der Freibauern durchzuschieben, verfiel er auf die altunbewährte „Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück“-Methode. Dadurch erreichte Sven starkes Gegenspiel und in seiner Verzweiflung spuckte Patrick erst den a-, dann den d-Bauern, um die Damen zu tauschen. Glücklicherweise knetete Sven das verbleibende Material nicht mehr, sondern willigte in eine Stellungswiederholung ein.
Wir müssen froh sein, dass Neckarsulm keine starken Achtlinge hat, sonst hätten wir den Mannschaftskampf 6:2 verloren (so funktioniert statistische Hochrechnung doch ?!).
Auch wenn wir jetzt nach 5 Pflichtsiegen die Tabelle anführen, kommen nun im Aufstiegssinne 4 Endspiele auf uns zu. Im Spitzenspiel der Runde fegte Laufen Wimpfen von den Brettern, doch bedeutet das nicht, dass wir unsweren nächsten Gegner unterschätzen dürfen, denn Fortuna begünstigt entgegen dem Sprichwort nicht den Mutigen, sondern den Vorbereiteten, der sich auf den Hosenboden setzt und den Gegner ernst nimmt. Außerdem lächelt sie besonders freundlich zu Leuten, die ihre Bedenkzeit vernünftig einteilen.
Am anderen Tabellenende gewann Neuenstadt gegen Tamm und holte damit wichtige Punkte gegen den Abstieg; für Erdmannhausen und Neckarsulm hingegen wird die Luft sehr dünn.

P.S.: Die diversen unnötigen Leerzeilen und sonstigen Layoutanomalien sind auch auf meine mangelnde Erfahrung mit diesem WordPress zurückzuführen.

Kommentare

Spät kommt ihr, doch ihr kommt — 4 Kommentare

  1. Super, Robin, ein ganz wunderbarer Bericht! Sehr gut gefällt mir auch der Titel. Erst hatte ich auf den Flavor-Text einer Magic-Karte getippt, aber siehe da: Schiller…

    Ob die Schach-Bezeichnung Isolani wohl mit dem Grafen zu tun hat?

    Wenn wir schon bei Namen sind: Das „first baby“ ist nach einem hübschen Fischerdorf an der Côte d’Azur benannt: Saint-Raphaël. Auf das Trema über dem e haben wir verzichtet, und ob der Kerl wirklich ein Heiliger ist, muss sich erst noch zeigen 😛

  2. Anmerkung zum Einbinden von Partien mit dem Editor:

    a) nur Stellungen
    entweder als Bild „Medien hinzufügen“ oder FEN-Code
    Dazu eingeben:
    [fen]
    ~hier fen-code der Stellung~
    [/fen]

    b) Ganze Partie:

    In ChessBase oder welche Schachsoftware du verwendest, „Partie kopieren“
    Dann in WordPress (ohne die Sternchen):
    [*pgn]
    ~hier Partie~
    [*/pgn]

    Du kannst auch Beiträge von mir diesbezüglich angucken.

    Grüße,
    Enis

  3. Alles Gute für das „First Baby“ Raphael! Und viele schlafreiche Nächte für unser Präsidentenpaar!

    Einen guten Rutsch an alle!

    Grüße,

    Adrian

  4. Habe keine Angst vor Grünfeldvorberitung wollte,habe ihn in meine Vorbereitung gelockt.
    War oK Habe berchnet , daß nach Sb4 Lf4 für weiß gwinnt doch dann wieder vergessen!!!!.