Machen wir es uns mal bequem

Um die Autofahrt nach Tübingen, zum Spiel gegen den SK Bebenhausen, geht es auf jeden Fall nicht, dank meiner Liebe zu hoch motorisierten Kleinwagen mit drei Türen.

Aber erstmal langsam, am 11. November spielte nicht nur die erste Mannschaft, sondern auch die vierte Mannschaft zum dritten Mal. Als Underdog der Liga musste sich die junge Truppe in Öhringen beweisen. Dabei machten es die „Alten“ vor, Kay Hornig gewann an Brett 1 und der Gegner von Karl-Werner Weißbeck erschien erst gar nicht rechtzeitig. Leider war der starke Sieg von Jungtalent Dennis Birke an 8 zusammen mit dem Remis von Markus Rupp an 7 nicht genug, um etwas Zählbares aus Öhringen mitzunehmen.
Vierte.

Zuletzt war ich persönlich vor ziemlich genau fünf Jahren in Tübingen an der selben Stelle, der „Begegnungsstätte Hirsch“ in der Altstadt. Viele schwärmen ja von der Schönheit Tübingens, jedoch konnte ich in der Altstadt nur eine hohe Ähnlichkeit mit dem Heilbronner Platz vor der Kilianskirche feststellen. Entweder ist Heilbronn nicht so hässlich oder Tübingen nicht so ansehnlich…oder ich bin einfach ein Kulturbanause, aber so ist das wohl als Naturwissenschaftler.

Wieso gibt’s kein „Mohammed live“ ?

Etwas unbequem war es dann, als wir feststellen mussten, dass um 9:50 Uhr weder Schiedsrichter noch Spielmaterial im Spiellokal anwesend waren. Dafür wurden wir von Boris Latzke und Georg Braun in den Keller eines direkt anliegenden Gebäudes eskortiert. Unbequem: kein Empfang mit dem Handy. Ein schwerer Rückschlag für meine Siegambitionen.

Bebenhausen war mit bis dato 0:4 Mannschaftspunkten nicht gut bedient und bot die von mir erwartete Mannschaft auf. Wir überraschten sie mit Ulrich Schulze an 1, welcher die ersten beiden Spiele aufgrund dummer Zufälle verpasste. Robin ließ sich wieder zum Spielen überreden (Zitat: „ich verliere immer gegen Bebenhausen“), womit wir die DWZ-stärkste Mannschaft in der Geschichte des Heilbronner SV stellen konnten, Julian redete von einem Schnitt von 2207 DWZ. Jener Julian, unser Ex-Captain, sorgte durch seine Anwesenheit zum Zuschauen für moralische Unterstützung.

Dies schien dann auch Wunder zu wirken. Steffen war sicher bequem damit, dass Ulrich jetzt spielte, denn er hatte damit zum dritten Mal Weiß im dritten Saisonspiel. In einem ganz normalen Dameninder bekam Steffen ganz klassische hängende Bauern auf c3 und d4. Somit war klar, dass sein Gegner mittelfristig versuchen würde, sein „Eselsohr“ auf a3 abzuschneiden. Dies gelang Schwarz tatsächlich, nur wurde der schwarze Monarch dabei tödlich vernachlässigt. Mit einem schönen temporären Figurenopfer brachte Steffen die schwarze Königsstellung zum Einsturz, er gewann sein Material mit Zinsen zurück, 1:0 für uns.
Der nächste Streich folgte auch sogleich. Nikos Gegner fühlte sich im Philidor mit Weiß nicht ganz wohl und gab seinen schwarzfeldrigen Läufer ohne große Not ab. Insgesamt machte die weiße Figurenaufstellung in den meisten Teilen der Partie wenig Sinn. Am Ende drang Niko über die a-Linie in die weiße Stellung ein und – wer hätte es gedacht – gewann mit dem schwarzfeldrigen Läufer einen gestrandeten Springer auf c1, welcher dank einer Fesselung durch einen Turm auf der Grundreihe unrettbar verloren war. 2:0!

An Brett 2 kam es zum dritten Mal zum Aufeinandertreffen zwischen Rudolf Bräuning und mir, wie letzte Saison kam 1. c4, dieses Mal konnte ich ihn jedoch direkt in der Eröffnung auskontern. Leider war mehr als Ausgleich nicht drin und so nahm ich kleine Risiken auf mich, um in seine Stellung einzudringen. Im Laufe der Zeit versuchte er, seinem König ein bequemes Plätzchen auf f3 machen, dies gelang rein objektiv nicht und ich hätte der Partie ein elegantes Ende setzen können.


Leider sah ich nur die halbe Variante und nahm in Anbetracht des Mannschaftsstandes das Remis mit. 2,5:0,5.
Ebenfalls zum dritten Mal kam es zur Begegnung Braun – Schulze, U. Mit einem Sieg würde Ulrich in dem Duell zu 3/3 Punkten aufsteigen und wäre definitiv Georgs Angstgegner geworden. Es sah zunächst auch sehr gut aus. Ulrich konnte die moderne Verteidigung seines Gegners mit konsequentem Spiel im Zentrum und am Königsflügel kontern. Als er scheinbar mit einem Opferreigen durchbrechen konnte, sprang „nur“ ein Endspiel mit Mehrbauern heraus. Leider nahm Ulrich dabei die falsche der beiden Möglichkeiten und verlor seinen Mehrbauern direkt wieder, womit die Partie schnell in Frieden endete. 3:1.

Wie von der Ironie des Schicksals geleitet sorgte Robin für einen weiteren Sieg. Dem Jugendspieler David Wendler setzte er eine gewohnt typische Robin-Verteidigung vor, 1. e4 Sc6 2. Sf3 Sf6, damit konnte er auch mal Kristyna Petrova schlagen. Als fast schon dogmatischer Verfechter von Hauptvarianten frage ich mich immer wieder, wie das funktioniert und ob die Gegner sich nicht vorbereiten…
Jedenfalls führte seine Eröffnungswahl zu einer wunderschön dynamischen Stellung, Robin hatte das Läuferpaar, sein Gegner dafür die gesündere Bauernstruktur und Raumvorteil im Zentrum. Robin wäre nicht Robin, wenn er seinen Gegner in solchen Stellungen nicht überspielen könnte und am Ende gab es ein Bauernendspiel mit drei schönen, verbundenen Mehrbauern, also 4:1. Damit wäre der Bebenhausen-Fluch für Robin wohl endgültig gebrochen.
Der „Matchwinner“ wurde dann Tobias mit seinem Remis zum 4,5:1,5 (immerhin konnten wir uns darüber amüsieren, dass ihn das „Remis zum Mannschaftssieg“ ärgerte), mehr drin war definitiv. Vor der Zeitkontrolle hatte Tobias die Wahl, einen Bauern zu schlagen und gleichzeitig damit einen eigenen Bauern zu decken oder einen Freibauern bis nach c7 zu schieben. Natürlich hätte es gewonnen, einfach das Material zu nehmen. Schach ist gelegentlich sehr simpel.

Einziger Unglücksrabe des Tages war Thomas Tschlatscher. Er versuchte ein interessantes Qualitätsopfer für eine Bauernwalze am Damenflügel. Jedoch schaffte es kein Bauer bis ganz an die Grundreihe. Wer kann es den armen Bauern auch verdenken, das „Linienlaufen“ im Handballtraining (Sprints von der Mittel- zur Torauslinie) verursachte bei mir auch immer Magenkrämpfe. Ein einziges Mal setzte bei Thomas auch noch das Gehirn aus, Boris Latzke nahm die Einladung dankend an und führte seinen Materialvorteil gekonnt zum Sieg. 4,5:2,5.

Für ein interessantes Highlight sorgte Simon Degenhard. Entwicklung war bei ihm nicht so angesagt, lieber fraß er einen Bauern auf d6 in einer benoni-ähnlichen Struktur, was eigentlich nach einem eigens unterschriebenen Todesurteil aussah. Der Entwicklungsvorsprung verschwand mit der Zeit zum Glück und Simon rettete seinen Bauern in ein Turmendspiel mit einem Mehrbauern, 3 gegen 3 am Königsflügel mit einem Freibauern auf der a-Linie. Simon hatte seinen Turm hinter den Bauern, Schwarz musste seinen Turm passiv vor den Bauern stellen. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen Sieg. Irgendwie kam es dann doch zu einer Remisstellung.


In dieser (oder einer im Prinzip gleichen) Stellung versuchte Simon noch Td5 und wurde durch die schwarze Antwort …Kxa6?? angenehm überrascht. Nach Td6+ wäre schnell die Lucena-Stellung erreicht worden, das wollte sowieso keiner mehr sehen, also gab es eine Aufgabe und wir durften den restlichen Sonntag genießen.

Nach zwei sieglosen Jahren schafften wir es endlich, auch Bebenhausen zu besiegen. Fehlen nur noch Weiler im Allgäu, Schwäbsich Gmünd und Böblingen, welche wir noch nicht besiegen konnten, denn Jedesheim ist aus Angst vor uns in die 2. Bundesliga verschwunden.
Dank des 5,5:2,5 stachen wir Schwäbisch Gmünd um einen halben Punkt aus und machten es uns an der Tabellenspitze bequem, zumindest bis zum 2. Dezember. An dem Tag werden wir die Stuttgarter SF empfangen, während unsere ärgsten Verfolger Gmünd (gegen Bebenhausen) und Böblingen gegen Biberach teilweise gegeneinander spielen.

Ein Moment für die Ewigkeit!

Bevor jemand fragt: Ist ganz angenehm, Tabellenführer zu sein, ja.

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