Jeder ist seines Glückes Schmi(e)d

Mit ein bisschen Verspätung berichte ich vom vorletzten Spieltag der Oberliga Württemberg 2016/17 gegen Schmiden/Cannstatt.

Fast zeitgleich, nur eine Stunde früher beginnend, war die Dritte bei ihrem Saisonabschluss zu Hause gegen Widdern gefordert. Unsere Gäste waren schon sicher aufgestiegen und ziemlich sicher Meister der Kreisklasse – herzlichen Glückwunsch dazu! – während die Dritte nichts mehr zu verlieren hatte und als Neuling schon die Klasse gehalten hatte. Den friedlichen Voraussetzungen entsprechend trennte man sich 4:4. Auf den Brettern gab es dafür wenig Frieden, keine der acht Partien ging remis aus. Bei uns holten ganze Punkte Michael Eberhard, Max Breitenbach, Uwe Bäuerle und Daniel Schäfer. Alle siegreichen Spieler betonten noch einmal ihre Leistung in der Saison, so stechen zum Beispiel Max mit 5/7 und Altmeister Uwe mit 6/9 heraus. Selbstverständlich wäre dieser souveräne Klassenerhalt auch nicht ohne die anderen 12 Spieler möglich gewesen. In der Endabrechnung kommt die Dritte auf den 5. Platz mit 9:9 Mannschafts- sowie 36:36 Brettpunkten. Mehr „Durchschnitt“ geht nicht – nicht negativ gemeint!

Für die Erste geht es im Prinzip um gar nichts mehr nach dem Schaffen des Klassenerhalts. Jeder konnte also nach dem Motto „jeder ist seines Glückes Schmied“ frei aufspielen und noch etwas für den persönlichen Score tun, ohne groß sein Spiel an das Mannschaftsresultat anpassen zu müssen. Das wäre fast wieder in einer Aufstellungskatastrophe wie gegen Biberach geendet, glücklicherweise erklärte sich Ramin nach mehrmaligem Nachhaken von mehreren Leuten (zu siebt spielen motiviert nicht unbedingt) doch dazu bereit, zu spielen und Niko buchte last minute ein Busticket von Paris nach Deutschland.

Bei unseren Gegnern Schmiden/Cannstatt – beides Stadtteile, Fellbach-Schmiden und Stuttgart-Bad Cannstatt – fehlten die etatmäßigen Bretter 3 und 5. Auch bei ihnen ging es um nichts mehr, wobei das eher unterdurchschnittlich für die Stuttgarter ist, welche schon öfters höher als Oberliga gespielt haben.
Schachlich gesehen belohnte sich Ramin für sein Erscheinen. An Brett 7 bekam er es mit einem der beiden Ersatzmänner zu tun. In einer Panow-Angriff-Hauptvariante fraß sein Gegner einfach einen Bauern, wodurch die Partie sehr scharf wurde:

Natürlich war das hier beiderseitig nicht perfekt gespielt. Der PC bekommt schon bei 12. Lxd4 Bauchschmerzen bei der schwarzen Stellung. Noch weniger mag er die schwarze Verteidigungsidee mit 18…h6 + 19…Kh7, die Entwicklung des Läufers hatte höchste Priorität, wobei die 0.00-Bewertung doch für spürbare Kompensation steht, die man auch mit dem bloßen Auge sehen sollte. Ramin, Weiß spielend, nutzte sehr schön die fehlende schwarze Figurenkoordination mit seinem Manöver Sd5-c7-e8! aus. Ich verzeihe Ramin auch mal, dass er dachte, Schwarz könnte sich noch mit 23…Tf7 verteidigen. Darauf gewinnt nämlich einfach 24. Td6 und die schwarze Dame kann die Stellung nicht mehr zusammenhalten.

Julian war zuletzt im Aufwind mit seinem ersten Oberligasieg und bekam es mit dem zweiten Ersatzmann zu tun. Seinen Plänen mit dem geliebten Budapester Gambit wurde mit dem Londoner System gleich ein Riegel vorgeschoben. Stattdessen kam ein Königsindisch-Aufbau aufs Brett, in dem Julian vor allem mit seinem weißfeldrigen Läufer Probleme bekam (GM Robin van Kampen empfiehlt hier ein Doppelfianchetto mit b6). Letztendlich verlor Julian leider in Folge seiner chronischen Krankheit, seiner Zeitnotaffinität. Als interessante Opfer möglich waren und viele Figuren angegriffen waren, behielt er nicht mehr den Überblick und verlor entscheidend Material.

Wie Ramin kam auch Thomas zu seinem dritten Einsatz und bekam es mit dem Schmidener Mannschftsführer zu tun. Wenn man Thomas noch aus seinen Jugendzeiten kennt, erinnert man sich an den eher unsoliden Taktikliebhaber, der manche Taktiken einfach nur wählt, weil sie ästhetischen Wert haben. Dieses Vorurteil kann bei einem direkten Duell tödlich ausgehen. Auch gegen Schmiden spielte er eine sehr solide Partie und ließ in einem Katalanen als Schwarzer nichts zu, was Weiß auch nur den Hauch eines Vorteils geben würde. Im Verlauf der Partie tauschte sich auch sehr viel ab, computertechnisch gesehen gab es sogar Wege zum Vorteil für Thomas, aber gegen ein ungefährdetes Remis spricht auch nichts. Ebenfalls wie Ramin beendet Thomas seine erste Oberliga-Saison mit 2/3 mit nur einem Sieg, dafür ohne Niederlage.

Jürgen verlor gegen Sontheim seine erste Partie in dieser Saison und probierte gleich mal eine neue Variante gegen Königsindisch aus. Er verpasste dem Schwarzen einen rückständigen Bauern auf d6 und wähnte sich im Vorteil. Leider war der Entwicklungsvorsprung in Kombination mit dem Spiel auf den schwarzen Feldern viel zu stark. Um den Schaden zu begrenzen, gab Jürgen eine Qualität und bekam dafür immerhin einen Bauern. Für den Rest der Partie schaffte er es sehr gut, die Stellung geschlossen zu halten. Irgendwann zeigte der Schwarzspieler Einsicht und gab die Partie Remis, eine starke Verteidigungsleistung von Jürgen.

Bei Robin, die schwarzen Steine führend, kam streng genommen keine neue Variante aufs Brett, er probierte jenen Aufbau schon gegen Bebenhausen, ohne Erfolg. Als ich ihn fragte, ob er nach Verbesserungen gesucht hatte, wurde die Frage verneint, auch gut. Schon früh ging es zur Sache, bei heterogenen Rochaden fraß Robin einen Bauern auf h2 mit Schach und ließ zu, dass sein Läufer mittels g2-g3 gefangen wurde (er musste noch ein Tempo verbrauchen, eine Figur zurückzuschlagen). Danach war die Frage, ob Robin genug Kompensation hatte, mit der halboffenen g-Linie und der Hebelmöglichkeit h5-h4 sah es gar nicht so schlecht aus. Sein Gegner spielte jedoch auch taktisch gewitzt und als er mit Grundreihenmotiven Damentausch erzwingen konnte, war die Messe hier gelesen, Schmiden ging in Führung.

Zum Triumvirat der Leute, die noch kein Spiel verpasst haben, gehört neben Robin und mir auch Niko. Er nahm viele Mühen auf sich und fuhr direkt aus Paris zum Spiel. Seine Vorbereitung war dementsprechend löchrig, aber immerhin schwärmte er von ein paar +1-Stellungen gegen den „Two Knights Tango“ seines Gegners. Tatsächlich kam auch eine der vorbereiteten Varianten aufs Brett. In den Schlüsselmomenten erinnerte sich Niko nicht mehr an die richtigen Züge, man kann es ihm aber auch nicht verdenken. Mit der Zeit entglitt ihm sein Vorteil immer mehr, trotz der besseren Bauernstruktur und besseren Zentrumskontrolle war es schwer, ein Durchkommen zu finden. So einigten sich die beiden Spieler nach ein paar Stunden auf Remis.

Schlussendlich lag es an Ulrich und mir, den Tag noch zu retten. Während Ulrich beim Spiel gegen Sontheim noch wenig zu tun hatte, hatte er heute zähes Spiel mit Dauerrivale und ehemaligem Heilbronner Thilo Kabisch. Vor der Partie meinte Ulrich, dass er noch nie gegen Thilo gewonnen hatte, aber schon einmal verloren. Damals ließ er sich dazu provozieren, eine Variante zu spielen, die Thilo erwartet hatte, vergangenen Sonntag war Ulrich es, der eine perfekte Vorbereitung aufs Brett brachte. Die schwarze Stellung entstand zwar aus einem Königsinder, erinnerte jedoch an einen verkorksten Sizilianer mit der Bauernschwäche auf d6. Im Gegensatz zu Jürgen hatte Ulrich die schwarzen Felder unter Kontrolle, aber genauso war kein Durchkommen in Sicht, wodurch viel laviert wurde. Sukzessive schwächte Schwarz seine eigene Stellung in Ermangelung eines aktiven Plans. Als sich dann noch eine zweite Schwäche zum Angreifen anbot, ging die Partie nicht mehr lange und Ulrich brach entscheidend durch.

Trotz meiner Pflicht, mit den schwarzen Figuren zu spielen, fühlte ich mich heute gut. Mein Gegner beantwortete meinen Grünfeld-Inder (dagegen hatte ich noch mit Weiß in der vergangenen Runde gewonnen) mit einem sehr zahmen Aufbau, woraufhin ich erstmal grünfeld-untypisch (zumindest schablonenhaft betrachtet ist das untypisch) das Zentrum festigte anstatt es aufzugeben und außerdem meinen König sicherte. Mein Gegner wollte den Königsflügel nicht so recht entwickeln, zudem ließ er zu, dass sein Springer f3 wieder nach g1 musste. Das war das Signal, das Zentrum aufzubrechen. Forciert gewann ich einen Bauern und behielt positionellen Vorteil, auch wenn Ulrich anders gespielt hätte, stützt die allmächtige Engine meine gierige Spielweise. Das Silikongehirn zeigt auch ein einziges Mal an, dass Weiß ein Remis mittels Zugwiederholung hätte forcieren können (auf Basis diverser Mattdrohungen), ansonsten muss ich mich selbst für meine souveräne Verwaltung und Vergrößerung des Vorteils loben. Als ich unabwendbar drohte, von einem Damenendspiel mit drei Mehrbauern in ein gewonnenes Bauernendspiel mit Mehrbauer abzuwickeln, hatte mein Gegner doch das Einsehen und gab auf.

Tatsächlich gewannen wir auswärts gegen Schmiden/Cannstatt mit 4,5:3,5! In der Tabelle sind wir jetzt bei 50% Mannschaftspunkten und 34,0:38,0 Brettpunkten auf Platz 7, einen bzw. zwei Brettpunkte hinter Mitaufsteiger Weiler im Allgäu bzw. Schmiden/Cannstatt. Da wir in der letzten Runde am 23. April gegen Weiler spielen, können wir aus eigener Kraft sogar noch den 6. Platz erreichen und das Erreichen des Saisonziels noch viel schöner gestalten. Aber wie gesagt, jeder ist seines Glückes Schmied, es geht um nichts mehr, jeder kann ohne Hintergedanken befreit aufspielen, vielleicht war das auch der Schlüssel zum Erfolg.

Das Motto gilt auch für die anderen Mannschaften in der Oberliga. Weder Aufstiegs- noch Abstiegskampf sind vollkommen entschieden. Nach oben hin ist klar, dass nur noch Böblingen und Biberach aufsteigen können. Zwar hat Böblingen einen Mannschaftspunkt Vorsprung, jedoch weniger Brettpunkte, sodass ein 4:4 äußerst riskant wäre. Nominell gesehen haben beide schwere Gegner – Biberach gegen Jedesheim und Böblingen gegen Stuttgarter SF – mit den Aufstellungsproblemen der Stuttgarter fällt es aber schwer, die Aufstiegstendenz nicht bei den Böblingern zu sehen.
Auch nach unten hin ist dank eines glücklichen Zufalls nicht alles geklärt. In Erdmannhausen werden vielleicht noch ungeahnte Kräfte frei, so gewannen unsere Unterländer Kollegen mit 4,5:3,5 in Jedesheim! Zeitgleich bekam Schwäbisch Gmünd von den bestens aufgestellten Böblingern eine 6,5:1,5-Klatsche. Der Vorsprung von einem Mannschaftspunkt scheint komfortabel für Gmünd zu sein, jedoch kommt es bei der zentralen Schlussrunde in Sontheim/Brenz tatsächlich zum direkten Aufeinandertreffen zwischen Erdmannhausen und Gmünd. Erstere haben dadurch die Chance, sich aus eigener Kraft zu retten.

Zwar ist der Gastgeber der zentralen Endrunde schon sicher abgestiegen, jedoch ist dennoch Einiges an Spannung garantiert. Wer keine 200 Kilometer zum Zuschauen fahren möchte, kann es sich auch zuhause bequem machen, denn die letzte Oberligarunde wird tatsächlich bei chess24 live übertragen.


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