Die besten Serien sind die, die nicht reißen

Ein guter Aprilscherz war das nicht wirklich – aufgrund der Entwicklungen in den vergangenen Runden wurde das heute Finalspiel der Baden-Württemberg-Jugendliga zu einem wirklich spannenden Finale. Im Robert-Mayer-Gymnasium kam es zum Showdown gegen die punktgleichen Schwäbisch Gmünder, welche auch schon gegen Baden-Baden gewinnen konnten und damit bis auf Brettpunkte uns im Nacken standen.

Gut war auf jeden Fall, dass wir aus dem Vollen schöpfen konnten. Tobias Peng und Dmitry Ignatov spielten. Beide absolvierten heute zusammen mit Mannschaftsführer Marcel Mikeler (jetzt wohl Triple M und nicht mehr Double M) ihr absolut letztes Spiel in der BW-Liga – der Jahrgang 1997 ist zu alt ab der kommenden Saison 2017/18. Nun liegt es an anderen, das Zepter zu übernehmen…
Marcel war schon am Vortag am Training elektrisiert und war voller Zuversicht, es wieder zu schaffen, um ein weiteres Mal in die Geschichte einzugehen. Unsanft erinnerte ich ihn daran, dass er auch der erste Mannschaftsführer sein könnte, welcher die Serie von 14 Jahre DVM zunichte machen könnte. Motivation pur!

Dabei fing es am Anfang eher mäßig an. Tobias wurde von seinem fast 300 Punkte schwächeren Gegner regelrecht an die Wand gespielt. Wie für Tobias üblich, spielte er bis zum absoluten Ende weiter. Wer Tobias kennt, weiß, dass er dafür öfters belohnt wird (z.B. Sieg gegen Julian Martin bei der DVM 2015 nach einer total verlorenen Stellung). Auch heute war es nicht anders:


Weiß hat hier viele Wege zum Sieg. Elegant wäre 1. Ta8! Txa8 2. g7+ Kg8 3. Kg6 mit unvermeidlichem Matt. Aber auch brutale Gewalt hilft: 1. g7+ Kg8 2. Kg6 und aus. Wieso schreibe ich über eine solche Stellung überhaupt? Ist doch völlig gewonnen.
Nunja, es kam 1. f7?? Te5+! und die Partie endete im Dauerschach – Tobias‘ König ist patt.
Unser Brett 1 beendet seine BW-Liga-Karriere mit 0,5/2 – klingt nicht nach viel, aber alleine seine Anwesenheit war schon wichtig für die anderen. Es gibt ja noch eine DVM zum guten Abschneiden.

Kim-Luca machte es natürlich, wie man machen sollte. Fünf Minuten vor Spielbeginn, um 13:55 Uhr, fragte er mich in WhatsApp, wie denn eine besondere Bauernopfervariante im Sizlianer gehen würde, er hatte sie nämlich trotz mehrmaligem Durchsprechen im Lauf der Jahre vergessen. Auch gut. Seine Partie habe ich nicht gesehen, aber ich habe mir sagen lassen, dass genau das kam, was wir mal in einem Freitagstraining besprochen hatten, also klopfe ich mir mal selbst auf die Schulter. Mit 4/6 inklusive einer kampflos gewonnenen Partie ist Kim-Luca einer der Topscorer der Mannschaft, sein Sieg gegen Jungtalent Raphael Zimmer (2100) sticht da natürlich besonders heraus.

Der Dämpfer kam kurz danach. Marcel unterlief kein trivialer Eröffnungsfehler und fand sich schnell in einer schlechten Stellung wieder. Am Ende wanderte sein König, welcher schon im 10. Zug sein Rochaderecht aufgeben musste, über das halbe Brett. Mit Minusqualität wurde er dann auch noch in der Brettmitte mattgesetzt. Nicht unbedingt die schönste Art und Weise, die letzte Saison zu beenden, dennoch spielte Marcel mit 3/6 eine ordentliche Saison gegen die zum Teil weit überlegene Gegnerschaft.

An den anderen Bretten zeichnete sich jedoch ab, dass Marcels Niederlage nichts mehr ausmachen würde.
Simon konnte sich bis jetzt in der BW-Liga nicht auszeichnen, was ihn besonders frustrierte, weil er vor allem seit Anfang 2017 einen sehr großen Sprung nach vorne gemacht hat. Glücklicherweise konnte er heute ruhig bleiben und seine Spielstärke auch gegen einen schwächeren Gegner auf die Waagschale bringen. Mit solidem Spiel gewann Simon einen Bauern. Im Turmendspiel hatte sein Gegner bei einem weißen Freibauern auf d7 und dem Potenzial, einen entfernten h-Freibauern zu bilden, nichts mehr zu melden. 2,5/6 ist für Simon jetzt nicht optimal, jedoch waren auch hier sehr starke Gegner dabei, außerdem kann Simon noch vier Saisons BW-Liga spielen, von daher…

Den Sack zu machte der letzte unserer 1997er, Dmitry. Eine Caro-Kann-Abtauschvariante behandelte er gut, tauschte die richtigen Figuren ab und stellte seinen Springer nach d6, von wo er beide Flügel unter Kontrolle hatte. Mit der Verdoppelung seiner Türme auf der c-Linie und dem Eindringen seiner Dame auf b3 war er bereit, den Minoritätsangriff durchzuführen. Als der Sieg Simons abzusehen war, nahm Dmitry den Spatz in der Hand und einigte sich mit seinem Gegner auf Remis. Das war es auch schon! Drei erspielte Brettpunkte bedeuten, auf jeden Fall vor Gmünd zu bleiben. Dmitry war mindestens eine genauso große Stütze wie die anderen. 3/4 bei keiner Niederlage sprechen für sich.

Severin sorgte noch für Ergebniskosmetik. Sein Einsatz war gestern noch fraglich, wurde er noch kurzfristig krank und war nicht beim Training am Vortag. Freitag Nacht dann doch die Entwarnung, Severin spielt, Daniel dafür nicht, aber da Daniel dafür mit 7/7 seine Altersgruppe beim Biber-Jugend-Cup gewann, ist ihm das wohl auch Recht (zum Biber-Cup später mehr, wenn Ergebnisse online sind). Jedenfalls ließ sich Severin von seinem anscheinend schlechteren körperlichen Zustand nicht aus der Ruhe bringen, hatte wie Simon einen Bauern mehr und schob den einfach nach Hause. Für den Youngster und Neuling ohne BW-Liga-Erfahrung und mit nur einer einzigen Württembergischen Jugendeinzelmeisterschaft im Nacken sind 3/6 schon sehr gut, dies macht Lust auf mehr.

Heute haben sie nicht gespielt, aber unsere Ersatzspieler Daniel Schäfer und Jonas Dudt dürfen nicht vergessen werden. Jonas sammelte in allen Bereichen viel Erfahrung und hätte gegen Dominik Bohnert (>2000) fast eine Sensation geschafft. Wenn er sich diese Erfahrungen zu Herzen nimmt und an sich arbeitet, kann Jonas noch viel besser werden.
Daniel war ebenso immer da, wenn man ihn brauchte. Sein Spiel war natürlich an der einen oder anderen Stelle noch wacklig. 4/4 inklusive einer kampflosen Partie sprechen für sich! Der zweite Topscorer neben Kim-Luca.

Das war’s! Dritter Platz, 10 Mannschaftspunkte, 26 Brettpunkte, bei beiden Kategorien weniger als Meister Sasbach und Zweitplatzierter Baden-Baden, aber mehr als die restlichen Mannschaften – völlig verdient also. „Herzlichen Glückwunsch!“ kann ich hier auch mal schreiben, zwar bin ich im Jugendtraining aktiv, aber selbst spiele ich schon lange nicht mehr BW-Liga, sodass das in Ordnung ist. Die Mannschaft hat das am Brett selbst geschafft.
15 Jahre DVM, still counting…!

1. Jugendmannschaft.

Wie man an der Tabelle sieht, steigen Hohentübingen und Eppingen ab, wobei Letztere ja ihre Mannschaft zurückgezogen haben. Karlsruhe brauchte ein Wunder, um gerettet zu werden, und es geschah auch ein „Wunder“, ihre Gegner aus Sasbach traten nur zu fünft an und schenkten ihnen einen Mannschaftspunkt, welcher zum Klassenerhalt reichte…da ich ein irgendwo ein Vertreter des Heilbronner Schachvereins bin, behalte ich meine persönlichen Gedanken über das Sasbacher Antreten in den letzten beiden Runden für mich. Andererseits braucht sich Hohentübingen auch nicht beschweren, sie traten gerade einmal zu viert (!) in Baden-Baden an. Die haben wohl selbst nicht mehr daran geglaubt. Vielleicht bleiben sie auch drin, weil keiner aufsteigt?!

Wer aufsteigt, ist mir vor allem in Baden nicht ganz klar. Hier in Württemberg liefern sich Bebenhausen und HN-Biberach ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit direktem Aufeinandertreffen in der letzten Runde am 1. Juli (wer hat denn diesen Termin ausgewählt?! Dreieinhalb Monate nach der vorletzten Runde…).
In Baden hingegen, hm. Auf den Seiten ihres Ergebnisdienstes steht irgendwie, dass es U20 keinen Meister ihrer eigenen Liga gibt, weil aufgrund mangelndes Interesses keine Verbandsjugendliga U20 stattfand. Vielleicht haben wir doch keine exklusiven Probleme bezüglich der VJL und haben es doch besser als die anderen.

Also nach „oben“ hin alles klar, drei DVM-Teilnehmer, welche neuen Gegner wir bekommen, ist dafür gar nicht klar.


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