Abstiegsängste im Dezember, dann doch noch (nur) Vizemeister und heute durch einen Zufall und viel Kampfgeist doch noch aufgestiegen!
In der Winterpause hatten wir wir als amtierender Meister nur einen mageren Brettpunkt vor den Abstiegsplätzen und wussten kaum noch, wie wir wieder auf Kurs kommen sollten. Schließlich hatten wir gerade im Derby gegen Biberach eine knappe Niederlage kassiert und gegen den Aufsteiger Ebersbach eine ziemlich heftige. Immerhin zeichnete sich da bereits ab, dass es eine verrückte Saison werden würde: Den einen Brettpunkt Vorsprung hatten wir nämlich vor Stuttgart I, dem eigentlich klaren Ligafavoriten und späteren Meister! Stuttgart zündete im neuen Jahr dann den Turbo und fügte uns noch eine dritte Niederlage hinzu, aber wir konnten uns ebenfalls berappeln, sodass wir vor der Schlussrunde wieder selbst theoretische Chancen auf die Meisterschaft hatten.
Entsprechend motiviert gaben wir vor heimischer Kulisse auch nochmal alles und konnten einen ungefährdeten 6:2-Sieg einfahren. Die Stuttgarter ließen aber nichts mehr anbrennen und sicherten sich mit einem Kantersieg den Meistertitel. Ebersbach war für einen Aufsteiger fast unerhört durch die Liga gepflügt, kam gegen Schwäbisch Gmünd aber nicht über ein 4:4 hinaus, sodass wir doch noch an ihnen vorbeiziehen konnten und uns immerhin mit dem „Titel“ des Vizemeisters trösten können. Kein Pokal, keine Medaille und nächste Saison dann der nächste Versuch – oder doch nicht?!
Ende April kam dann der Paukenschlag aus der 1. Bundesliga: Deizisau würde ihre Mannschaft zurückziehen und zwar nicht nur freiwillig in die 2. Liga absteigen, sondern komplett. Die Konsequenz laut DSB-Turnierordnung: Es gibt einen Absteiger weniger aus der 2. Liga, sodass Schönaich wider Erwarten doch in der 2. Liga verbleibt. Da Schönaich in Baden-Württemberg liegt, wurde dadurch ein Platz in der BW-Liga frei und für diesen Fall sieht unsere Turnierordnung einen Stichkampf zwischen den Zweiten der Oberliga Baden und der Oberliga Württemberg vor. Aus unserem undankbaren 2. Platz war also eine echte Chance auf den Aufstieg geworden!
Gute Termine gab es nicht; einerseits ist jetzt gerade Lange-Wochenende-Saison mit den üblichen Opens, andererseits müssen vor dem Sommer noch die Teams für die nächste Saison gemeldet werden. Erstaunlich schnell fiel dann die Entscheidung auf den heutigen Sonntag. Das offizielle Heimrecht wurde ausgelost, das tatsächliche Heimrecht hatte der SC Böblingen, der in Person von Mario Born kurzfristig einen Raum im Hotel elaya organisieren konnte, sodass beide Teams eine etwa gleichweite Anreise hatten – vielen Dank an dieser Stelle dafür!
Unser Gegner war für uns ein komplett unbeschriebenes Blatt: SF Gottmadingen, nicht weit weg vom Bodensee, direkt an der Schweizer Grenze, aber sportlich hatten wir es noch nie miteinander zu tun. Ein Blick in die Aufstellung zeigte wenig überraschend viele Schweizer und wenn sie tatsächlich mit 1-8 antreten sollten, wären sie der klare Favorit. Erfreulicherweise konnten wir trotz der kurzen Vorlaufzeit unsere beste Aufstellung ins Rennen schicken und da Gottmadingen trat mit einer ähnlichen Aufstellung an wie in der bisherigen Saison. Dadurch entstand ein Duell auf nahezu exakter Augenhöhe; die Elozahlen sahen uns mit 4,05:3,95 hauchdünn „vorne“, dafür hatte Gottmadingen ihr Elo-Übergewicht an den vorderen Brettern, die im Fall eines 4:4 für die Berliner Wertung wertvoller wären.
Der Ausgangslage entsprechend war an den meisten Brettern auch erst einmal Abtasten angesagt und nach etwas über zwei Stunden konnten wir je ein Weiß- und ein Schwarzremis von Steffen und Felix verbuchen. In beiden Partien wurden Isolanistellungen diskutiert, für mich sah die schwarze Stellung jeweils etwas angenehmer aus, aber Greifbares war wohl nicht drin.
Danach nahm der Kampf aber Fahrt auf und die ging zunächst auch in die richtige Richtung: Thomas überraschte seinen Gegner in einer positionell ausehenden Partie mit einem Damenopfer. Wahrscheinlich hätte dieser es einfach cool ablehnen sollen, aber offenbar hatte er sich irgendwo verrechnet und Thomas verwertete seinen Vorteil souverän:
Der Dämpfer kam aber nur ein paar Minuten später: Ivan war gegen IM Novkovic richtig gut aus der Eröffnung gekommen und es sah so aus, als könnte er einen starken Angriff am Königsflügel vom Zaun brechen. Leider hatte seine Variante ein Loch bzw. ein Qualitätsgewinn entpuppte sich als Qualitätsopfer, für das Schwarz zu viel Spiel bekam.
Hier entschied sich Ivan für 23. Sxg4?, weil er in der folgenden Stellung…
… 26… Tf8 für nicht spielbar hielt. 27. Lh7+ Kxh7 28. Dxf8 gewann tatsächlich die Qualität, aber der schwarze Gegenangriff war zu stark.
Auch an Brett 2 lief es nicht: Gunnar hatte zwar früh einen Bauern mehr, sein Gegner dafür aber unangenehmen Druck. In der kritischen Stellung machte er den Fehler, den offensichtlichen Zug direkt auszuführen, statt erst noch einen Zwischenzug einzuschieben. Das reichte Weiß, um seinen Bauern zurückzuerobern, dabei alle Stellungsvorteile zu behalten, und Gunnar zur Aufgabe zur zwingen.
Zwischenstand also 2:3 und nun war klar, dass wir ein 4:4 auf jeden Fall nach Berliner Wertung verlieren würden. Allerdings hatten sich die restlichen Partien sehr positiv entwickelt: Ryszards Gegner fand in Zeitnot nicht die stärksten Züge, wobei mir diese Partie noch am unklarsten erschien. Daniels Gegner hatte eine Qualität eingestellt (oder den Qualitätsverlust als kleineres Übel erachtet) und die einzige Kompensation war Daniels Zeitnot (wie kann es auch anders sein). Richard hatte nach einem typisch katalanischen Grabenkrieg den gegnerischen Zentrumsvorstoß ausgenutzt, um einen Bauern zu gewinnen und ein zweiter würde auch bald fallen.
Und tatsächlich überstanden unsere guten Stellungen allesamt die Zeitnotphase, sodass wir die nötigen 2,5 Punkte auf den Brettern hatten. Jetzt kam es „nur noch“ darauf an, die Nerven zu bewahren – und diese Hürde meisterten unsere Jungs vorbildlich!
Ryszard nutzte eine taktische Möglichkeit, um in ein völlig klares Läuferendspiel abzuwickeln, das er sicher heimschob und kurz zuvor hatte auch Richard seine mittlerweile zwei Mehrbauern im Doppelspringerendspiel souverän verwertet. Daniel hatte (zu meinem anfänglichen Entsetzen) seine Qualität zurückgegegeben, das entstehende Leichtfigurenendspiel aber korrekt als gewonnen eingeschätzt. Die Partiefortsetzung zeigte dann eine wunderschöne Dominanz seiner Figuren:
51. b4 und der Bauer läuft einfach durch! Der schwarze König schafft es zwar ins Quadrat, aber das Umwandlungsfeld ist gedeckt. Der schwarze Freibauer läuft hingegen nirgendwo hin: 51… h4 52. Kg4! Lg5! (netter Trick!) 53. b5! und Schwarz gab auf.
Bitter für die fairen und sympathischen Gottmadinger; aber für uns war das ein wirklich schöner Schlusspunkt einer verrückten Saison, in der wir den Aufstieg bereits zweimal abgeschrieben haben. Aller guten Dinge sind drei 🙂
Glückwunsch zum Aufstieg. War ein spannendes Match. Caissa war diese Saison mit Heilbronn. Heilbronn 1 steigt auf, Heilbronn 2 steigt auf und Heilbronn-Biberach steigt nicht ab.
Holger Namyslo
Vielen Dank, Holger!