Den SVW durchgespielt?
von Enis Zuferi am So., 29. März 2026 | KommentareIn Plochingen trafen sich am 28. März zufälligerweise genau 28 Teams, um uns den Titel des Württembergischen Blitzmeisters zu entreißen.
Zumindest war das der Plan. Teil 1 dieses Plans scheiterte schon einmal grandios, weil der SC Schachmatt Botnang gar nicht erschienen war. Vielleicht aßen sie Butter, die war ranzig, denn plötzlich waren wir nur noch 27.
Für Teil 2 des Plans waren zumindest organisatorisch die Weichen gestellt. Erneut unter der Ägide von Arno Reindl stattfindend wurde der Zeitplan trotz eines katastrophalen Aufhängers des Auslosungsprogramms „Swiss-Chess“ eingehalten. Um ca. 18 Uhr sollte das Turnier vorbei sein, so kam es dann auch. Kurz vor halb 7 waren die Ehrungen durch und fertig. Ein weiteres Lob geht an den ausrichtenden Verein SF Plochingen, welcher nicht nur durch eine angemessene Verpflegung überzeugte, sondern offiziell von zwei sehr jungen Menschen (ich bin ein Unc*, für mich ist ein 20jähriger schon „sehr jung“) vertreten wurden, die zusammen mit Arno das Turnier leiteten. Gerne mehr davon!
Nach einer unkomplizierten Anreise per Bahn (nein, kein Sarkasmus) durfte ich mir noch ein paar Probleme anhören. „Oh Mann, ich hab in den letzten Tagen so viel eingestellt online“ oder „Digga um 3 Uhr nachts bin ich schweißgebadet aufgewacht mit einer Katze und einem Hund auf der Bettdecke“ waren nur zwei der Highlights, welche meine Ohren beglückten. Ich selbst konnte in der Nacht zuvor mal wieder nicht schnell einschlafen, sodass ich auch nur auf fünf Stunden Schlaf kam. Irgendwie ging das alles sehr träge los.
Glücklicherweise hatten wir unser Freilos wegen des Fehlens von Botnang schon in Runde 3. Und da wir in den ersten beiden Runden noch andere „Freilose“ hatten (Albstadt 2 und unsere zweite Mannschaft – Felix hat einfach Simons hängende Dame nicht genommen lol), waren wir doch guter Dinge, rechtzeitig warm zu werden.
Das tatsächliche Freilos nutzte ich, um die anderen Teams zu scouten. Böblingen, im Vorjahr unsere einzige Niederlage, war gar nicht da. Die TG Biberach (nicht der Stadtteil von Heilbronn) spielte mit Bernhard Sinz an 4? Die Oberliga-Saison muss ihn wohl sehr mitgenommen haben. Stichwort Biberach: Idar Geray, für Heilbronn-Biberach spielend, kam einfach vorbei, um zuzuschauen und mich bei Snapchat hinzuzufügen #networking #hustleculture. Außerdem durfte ich ihm eine Albanisch-Nachhilfestunde geben.
Nicht einmal Bebenhausen trat in absoluter Bestbesetzung an, denn es fehlte Georg Braun. Simon entgegnete „die sind trotzdem stark, Rudi spielt an 4“ LOL mein Junge, wenn wir so alt wie Rudi sind, können wir froh sein, überhaupt noch in der zweiten Mannschaft von HN spielen zu dürfen (falls es den Verein dann noch gibt).
Jedoch fiel schnell das Auge auf die Stuttgarter SF, die sogar IM Mark Kvetny dabei hatten. Nach acht Runden nannten sie 28,5-3,5 Brettpunkte und natürlich 16-0 Mannschaftspunkte ihr Eigen. Und 1,5 dieser Minuspunkte hatten sie gegen uns verloren, in den anderen sieben Runden gaben sie ganze zwei Brettpunkte ab. Brutal. Die Taktik, mit Daniel Goldinov an Brett 3 einen Strohmann aufzustellen, schien aufzugehen.
Nachdem wir gegen Stuttgart verloren hatten, gaben wir aber nicht auf, denn es war ein langes Turnier. Motivation sowie Kalorien suchten wir im örtlichen Rewe-Supermarkt. Dort wurde ich vom erschreckenden Umstand wachgerüttelt, dass es keine Backtheke im Supermarkt gab. Meine Kameraden argumentierten, dass es ja einen Bäcker geben würde, daher sei es logisch, dass der Supermarkt keine eigenen Backwaren anbieten würde. Samma, lebt ihr hinterm Mond??? Beim Rewe in Heilbronn werden Backwaren im Supermarkt trotz Bäckerei vor dem Markt angeboten. Und in meinem Lieblingssupermarkt mit dem roten K ist das gang und gäbe.
Eine derartige Gotteslästerung konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und so kehrte ich verärgert ins Evangelische Gemeindehaus zurück, in welchem das Turnier stattfand. Gott sah meinen Zorn wohl und belohnte uns direkt: Stuttgart verlor 0,5-3,5 gegen Bebenhausen und 1,5-2,5 gegen unsere zweite Mannschaft. Sie bestand aus Ivan Ramirez Marin, Ryszard Cwiek, Richard Walter, Felix Hagenmeyer und Daniel Schäfer. Da 60% des Teams von uns ausgebildet wurde, kann ich nur sagen: so eine Jugendarbeit ist eine schöne Sache.
Jedenfalls lagen wir virtuell vor Stuttgart. Schließlich mussten wir ja noch unser extra Spiel gewinnen, wenn Stuttgart spielfrei gegen Botnang hätte. Ich war arrogant genug anzunehmen, dass das passieren würde. Im Gegensatz zum letzten Jahr gewannen wir seltener 4-0, aber wir gewannen Spiel um Spiel. Vor allem an den Brettern 1 und 2 (ich und Philipp Huber) gab es hin und wieder mal einen Aussetzer, jedoch war dies nie von Belang. Einerseits brillierten Pascal Neukirchner und vor allem Simon Degenhard (er wurde Topscorer mit 24,5/26), andererseits gab es nie eine Doppelnull an 1 und 2. Bei der Gelegenheit will ich euch aber nicht vorenthalten, wie Simon zu einem seiner 23 Siege kam:
Weiß kann fast alles machen, was er will. Aber vier Züge führen zu schwarzem Matt in 1…es geschah g8=D?? Th1#. Blitzschach at its finest.
Die Drehbuchautoren hatten noch ein paar Überraschungen geplant. Der Zufall sah für die allerletzte Runde die Paarung Bebenhausen 1 – Heilbronn 1 vor. Außerdem hatte sich nach Stuttgarts Niedergang ein anderer Verein aufgetan, welcher dominierte. Die TG Biberach führte mit einem Verlustpunkt. Also war es doch Absicht, Sinz an 4 aufzustellen?
In der 16. von 27 Runden kam es dann zum direkten Duell. Wir ermahnten und motivierten uns gegenseitig. Nehmt es ernst und so. Und dann…wahrscheinlich hatte Gott vergessen, die nächsten Seiten des Drehbuchs zu schreiben. Simon rief schon früh von hinten „eins zu null!“, Philipps Gegner stellte eine Figur ein und die anderen beiden Biberacher wurden nach langem Kampf niedergerungen. 4-0 für Heilbronn. Wie waren die denn bitte Tabellenführer?!
Es war schon fast zu einfach. Auch in einem Jahr, in welchem wir vermeintlich schwächer waren, weil der Blitzschachexperte Tobias Peng nicht mehr bei uns spielte, dominierten wir nach Belieben. Auf den Sieg gegen Biberach folgten neun weitere Siege. So war uns der Meistertitel nicht mehr zu nehmen – Andreas Carstens von Bebenhausen 2 gratulierte uns nach der vorletzten Runde noch am Brett. Danke!
Bebenhausen 1 war dafür nicht zu beneiden. Sie lagen einen halben Brettpunkt hinter Stuttgart zurück. Der zweite Platz würde ebenfalls die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft nach sich ziehen. Aber sie spielten halt gegen uns. Da wir zu jedem Zeitpunkt für absolut faires Verhalten bekannt sind und keinerlei Paarungsmanipulation betreiben, spielten wir das Match nach den weltweit akzeptierten FIDE-Schachregeln aus, auf deren Einhaltung wir sehr großen Wert legen. Dies hatte ein 2,5-1,5 (Philipp verlor, Pascal Remis) zur Folge, wodurch Bebenhausen raus war, weil Stuttgart 2-2 spielte.
Der Stuttgarter Strohmann stand an meinem Brett, als Martin Hartmann mit seiner Aufgabe das Ende aller Tübinger Hoffnungen besiegelte und er gratulierte mir mit starkem Händedruck. Vielleicht hätte ich einfach vor Goldinovs Augen selbst aufgeben sollen, nur um dann in komplett zerstörte Stuttgarter Gesichter blicken zu dürfen.
Bei der Jahreshauptversammlung scherzte ich, dass es jedes Jahr besser werden würde, obwohl es eigentlich gar nicht besser werden kann. Die anwesenden Mitglieder konnten auf Anhieb auch nicht sagen, wie es besser werden könnte. Wir mussten erst zu Gott finden, um unsere Antwort zu erhalten: unsere zweite Mannschaft war nämlich wirklich so stark, wie es das 2,5-1,5 gegen Stuttgart aussehen ließ. Sie besiegte auch Bebenhausen 1 und sammelte so viele Punkte, dass sie am Ende mit einem halben Brettpunkt Vorsprung vor dem SK Sontheim/Brenz auf dem 4. Platz landete. Im Gegensatz zu den olympischen Spielen ist der vierte Platz hier doch ganz cool, denn er berechtigt zur Teilnahme an der Meisterschaft im Folgejahr. Der Heilbronner SV ist demnach mit zwei Teams für die Württembergische Blitzmeisterschaft vorqualifiziert. Wir sind so gut, das muss doch illegal sein. Als ich noch Yu-Gi-Oh! gespielt habe, erwartete ich immer mit Spannung das Veröffentlichen der „Banned List“, eine Liste an Karten, welche verboten waren oder nur mit Einschränkungen gespielt werden durften, weil sie zu stark waren. Vielleicht steht ja bald auf svw.info die News „Heilbronner SV wird zwangsweise aufgelöst“.
Was man aktuell tatsächlich auf svw.info finden kann, ist die Abschlusstabelle. Dort wird man im Übrigen regelmäßig bezüglich der geplanten Fusion des badischen und württembergischen Schachverbands informiert. Ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten. Wir brauchen Gegner, keine Opfer.
*Lexikon:
Unc = Kurzform des englischen Worts „uncle“ (Onkel), so werden alte Menschen von Jugendlichen bezeichnet



