Durchs Ettlinger Tor ins Karlsruher Herz
von Enis Zuferi am Mi., 18. Februar 2026 | KommentareEs wurde Zeit, sich mit den Mannschaften zu messen, welche uns in der vorherigen Saison die unangenehmsten Niederlagen zugefügt hatten.
Früher sagte man „alle Wege führen nach Rom“ und eine Stadt schien diese Binsenweisheit besonders ernstzunehmen. Bekanntlich führen die Straßen in der Karlsruher Kernstadt alle zum Schloss. Das kann man sich entweder online anschauen (coole Seite übrigens) oder auch vor Ort, schließlich ist es nicht weit. Im Sommer kann man sich auf die Wiesen legen und ein paar Bierle killen. Natürlich nur die guten Rothaus Tannenzäpfle. Ach ja, eine „Bierbörse“ findet dort sogar Ende August statt. Das Land der Dichten und Denker.
Unser Weg führte nicht direkt nach Karlsruhe, sondern nach Fellbach, wo uns die Gastgeber vom SK Schmiden/Cannstatt zusammen mit den Ettlingern und Karlsruhern erwarteten. Letztes Jahr gastierten wir bei unserem damaligen Reisepartner Schwäbisch Hall, die mal wieder in der Versenkung verschwunden sind. Aber vielleicht finden sie in ein paar Jahren wieder ein paar Euros (wie es Volkswagen vor kurzem getan hat) und steigen ein paar Mal auf, nur um irgendwann die Mannschaft zurückzuziehen. The cycle of life.
Bezüglich der Räumlichkeiten gab es keine Notwendigkeit, etwas zu vergleichen. Der Spielsaal in Fellbach war gut isoliert von der Außenwelt, gut beheizt und die Schmidener stellten kostenlose Getränke sowie Backwaren bereit. Ich weiß ja, dass ihr Fellbacher das hier lest. Also hier, ein Lob für euch! Schmeckt gut, ja?
Das Kontrastprogramm zum Gastspiel in Tübingen (ja, ich reite immer noch darauf herum) wurde durch einen pünktlichen Start der Kämpfe um 14 Uhr komplettiert. Handys durften zudem gar nicht im Spielsaal sein, sondern mussten an der Küchentheke abgegeben werden. Das waren wirklich optimale Bedingungen. So stürzten wir uns in Bestbesetzung auf die Ettlinger, welcher mehr oder weniger in ihrer stärksten Form auftraten. Nachdem die Eröffnungsphasen auf allen Brettern überstanden wurden, klingelte etwas in meinem Kopf. Ich sage den Kindern immer: „wenn ihr raus aus der Prep seid, nehmt euch Zeit und fangt an nachzudenken.“…aber stopp. Da stimmte etwas nicht. Das Klingeln war kein Klingeln, sondern eine Sirene und es war nicht in meinem Kopf (sorry an die Hater, NOCH bin ich nicht verrückt geworden), sondern real. In der Außenwelt. Ein gewisser Spieler vertauschte nämlich den Notausgang mit der Tür zum Gebäudefoyer. Das war auch ziemlich schwierig, muss ich zugeben. Denn auf der Tür des Notausgangs stand in großen weißen Buchstaben auf grünem Hintergrund „ALARM“. Außerdem war da so eine Konstruktion unter der Türklinke, welche den Alarm auslöste, sobald man die Klinke herunterdrückte. Wirklich leicht zu übersehen.
Nach einer Zwangspause von 15 Minuten gingen wir zurück an die Bretter. Wie schom im Vorjahr blieben alle Stellungen mehr oder weniger im Gleichgewicht. Bei manchen geriet diese Balance auch nie in Gefahr. So einigten sich Simon und Klaus Zeier auf eine Stellungswiederholung, während Philipp Huber ein Turmendspiel mit Minusbauer Remis hielt. Johannes hatte zwar eine optisch angenehmere Stellung wegen der leicht besseren Bauernstruktur, aber auch da war schlussendlich nichts zu holen. Das Schicksal des Kampfes entschied sich an den vorderen fünf Brettern.
Vorne vermutete ich, dass Fabian glücklich war, weil er mal wieder einen offenen Sizilianer auf dem Brett hatte („diese ****** ******** mit ihrem 3. Lb5+ alter“), aber Jonas Rosner spielte gewohnt solide und ließ wenig zu. Stattdessen musste Fabian einmal einen Schreckmoment überstehen. Noah wurde von der Scheveningen-Variante überrascht, welche wegen des Keres-Angriffs (6.g4) in Verruf geraten ist. Aber Max Arnold war gut vorbereitet, wodurch er eine etwas schlechtere Stellung in Kauf nahm, um einen großen Zeitvorteil zu erarbeiten. Noah wollte nicht zu viel riskieren und bot früh einen Waffenstillstand an.
Das Spiegelbild dazu sahen wir an Brett 5. Pascal war perfekt vorbereitet, wodurch er aus der Eröffnung heraus nicht nur einen Stellungs-, sondern auch großen Zeitvorteil hatte. Die weitere Spielweise war zwar nicht perfekt, jedoch mehr als ausreichend, vor allem, weil dem Gegner die Zeit davonrannte.
Hier spielte Pascal mit Schwarz das präzise 31…Le4!, um den weißen König nach d1 zu zwingen. Erst danach nahm er den Bauern auf g2 und stand klar besser. Das offensichtliche und gierige 31…Lxg2? hätte 32.Kd3 erlaubt, wonach Schwarz den c3-Bauern verlieren würde, mit guten Remischancen für Weiß.
Damit schraubte Pascal seinen Score auf 7,5/8 (eine kampflose Partie ausgenommen). Nimmt man alle Mannschaftskämpfe zusammen, so hat er nur in der Liga sagenhafte 16,5/18 geholt, seitdem er in 2024 zu uns gestoßen ist. Übrigens bei keiner Niederlage. Sehr stark!
Ich hatte in der Liga zwar gegen Moritz Collin verloren (der wieder dabei ist, eine sagenhafte Saison zu spielen), aber kam gegen Stephan Tschann wieder in die Erfolgsspur. Kurios: wir hatten bereits Ende 2015 bei der Deutschen Einzelmeisterschaft in Saarbrücken gegeneinander gespielt. Richtige „Unc erzählt aus seinem Leben“ ahh Story.
Im 32. Zug hatten wir beide nur noch wenig Zeit, nachdem ich in den Zügen davor sowohl meine gute Position als auch meinen Zeitvorteil hergab. Jedoch wurde ich von 32…Se4?? überrascht. Nach 33.Txe4 war einfach eine Figur weg (Turm auf d8 hängt) und ich bekam einen Handshake.
Damit war der Mannschaftskampf schon klar. Nur noch Eddi kämpfte in einem Endspiel. Die Eröffnung ging klar an ihn und als Volodymyr Vyval ein ausgeglichenes Turmendspiel verschmähte, um am Ungleichgewicht „Springer vs. Läufer“ festzuhalten, zeigte Eddi ihm zunächst, wieso manche Leute Läufer so geil finden. Jedoch spielte er kurz vor der Zeitkontrolle zu rasch. Die Entscheidung fiel hier nach Zug 40, als Vyval zu sehr an einem Bauern auf b4 hing und dadurch eine Bauernmehrheit am Königsflügel ignorierte. Dadurch gewann Eddi einen Turm, aber…
…die Situation war gar nicht so einfach mit Schwarz am Zug. Die weißen Bauern laufen schnell und der schwarze Läufer auf a5 sieht ziemlich affig aus. Schwarz hat nur eine klare Gewinnvariante, wie lautet sie?
Nach diesem deutlichen sowie eher ungefährdeten Sieg über Ettlingen belohnten wir uns mit einem Abendessen in einem albanischen Restaurant. Schon mal zwei Pluspunkte für Fellbach: ein albanisches Restaurant und außerdem das Landesamt für Besoldung und Versorgung, welches mir in der Zukunft meine hart verdienten Euronen auf mein Konto überweisen wird. Weiter so!
Das Ettlinger Tor steht schon lange nicht mehr, aber wir hatten dieses Hindernis sinnbildlich ebenfalls niedergerissen. Dort steht übrigens ein Einkaufszentrum, welches wie die Stadtgalerie Heilbronn vom selben Unternehmen betrieben wird. Ach ja, habe ich dort viel Zeit verbracht, als ich Vorlesungen geschwänzt habe. Gute alte Zeiten.
Jetzt bin ich ja erwachsen und muss Verantwortung übernehmen. Dazu gehörte auch, aus Budgetgründen zuhause zu übernachten. Also nur ich als Kapitän. Die anderen schliefen seelenruhig in Fellbach. Irgendwann wird die Schuld dieses Vereins so groß sein, dass die Statue des Enis Zuferi von hier bis zum Mond reichen müsste.
Schlafen war schwierig, trotz der ausgezeichneten Ausgangslage schien ich angespannt zu sein. Wie jeder andere erwartete ich einen harten Kampf. Nominell waren die Karlsruher Schachfreunde 63 Elo-Punkte unterlegen (2271 vs. 2334), aber sie hatten ja die gleichen Ergebnisse wie wir geholt. Gut, wir hatten fünf Brettpunkte mehr, aber das war bei acht gespielten Matches (64 Brettpunkte insgesamt) nicht wirklich aussagekräftig. Wie stark war Stefan Löffler (IM an Brett 1, Performance über 2600) wirklich? Würde ich mich von meiner schmerzhaften Vorjahresniederlage gegen Simon Fidlin erholt zeigen? Würde Lothar Arnold (ups, geleakt) wieder den Notausgang öffnen? Würde Thilo Kabisch rechtzeitig zu seiner Partie gegen Ettlingen kommen? Das waren alles offene Fragen.
Und die Antworten hätten nicht unspektakulärer sein können. Thilo war tatsächlich schon da, als ich gemeinsam mit Eddi in den Spielsaal schritt. Lothar Arnold wurde so übel von Simon Degenhard runtergespielt, dass er nicht einmal daran denken konnte, weit zu laufen. Stefan Löffler schien auch nur ein Mensch zu sein – er hatte Glück, dass Fabian ihn nach einem verkorksten Slawisch-Grünfeld-Hybriden mit dem Zentrumsvorstoß …e5 durchkommen ließ. Und Simon Fidlin schenkte mir früh einen Bauern. Zwar versuchte er danach noch alles, aber die Stellung war so schlecht, dass es fast schon beliebig gewonnen war.
Die Spannung war so hoch, dass selbst Vereinspräsident Julian Bissbort angereist kam. Und auch Noahs Schwester Sina war aus irgendeinem Grund da, was ich bis heute nicht verstanden habe. Erklärung anyone?
Die Spannung war so hoch. Wäre das ein Film gewesen, dann würden die Besucher:innen die Kinokasse stürmen, weil der Film ein total unpassendes Ende genommen hat. So wie bei „Game of Thrones“ halt. Absolut antiklimatisch. Karlsruhe zeigte keine Gegenwehr. Einzig Maximilian Ruff spielte gegen Eddi circa fünf Stunden…und keiner wusste, warum. Die Stellung war gefühlt schon nach 15 Zügen total im Eimer für den Karlsruher. Aber das ist halt die „Sasbacher Schule“, welche damals von Nikolaus Sentef betrieben wurde. Nikolaus ermutigte jeden, bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Eine wahre Inspiration für angehende Schachverrückte. Möge er in Frieden ruhen.
Nicht in Frieden ruhen durfte Karlsruhe, welche wir mit 6,5-1,5 nach Hause schickten. Marschierten wir am Vortag durchs Ettlinger Tor, so legten wir nun das Karlsruher Schloss in Schutt und Asche. Jedoch finde ich das okay. Das Schloss steht eh nur noch zur Dekoration da. Die Macht liegt jetzt woanders.
Sprach ich davor von einem unpassenden Ende des Films, so muss ich mich korrigieren. Noch ist diese Geschichte nicht vorbei. Nach einem Rückschlag in Baden-Baden eroberten wir zuerst Lörrach ganz im Süden, rannten durch die badische Hauptstadt und beenden unsere Reise im tiefsten Norden Badens. Am 28. Februar und 1. März stehen uns noch Untergrombach (Bruchsal) sowie Hockenheim im Weg. Mit zwei Mannschaftspunkten (von vier möglichen) würden wir unsere Reise beenden und uns selbst die Krone aufsetzen. Game on!
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