Jahresendabrechnung

von am So., 4. Januar 2026 | Kommentare

Vor dem Jahreswechsel sollten wir noch beim SK Bebenhausen zum dritten Spieltag in der Oberliga Baden-Württemberg „gastieren“.

Das letzte Wort steht hierbei in Anführungszeichen, weil es schwierig war, sich als Gast zu fühlen. Um Viertel vor Zwei angekommen, befanden wir uns inmitten eines großen Nichts. 15 Minuten vor Wettkampfbeginn waren ganze zwei Bretter aufgebaut. Zwei von sechzehn, wohlgemerkt, schließlich war es ein Doppelspieltag. Schiedsrichter? Fehlanzeige.

Irgendwann mal nach 14 Uhr wurden dann die Paarungen freigegeben. Mir gegenüber saß Nikolas Schenk-Pogan – nicht nur ein neuer Verein mit dem SC Böblingen, sondern dank Hochzeit zudem ein neuer Nachname. Ein neues Repertoire ging damit wohl einher, denn Niko eröffnete nicht wie gewohnt Katalanisch, sondern mit dem Londoner System. Mittels einer ungewöhnlichen Zugreihenfolge gelangten wir in eine Tabiya, welche eigentlich als gut für Schwarz gilt. Leider konnte ich mich nicht sehr gut an meine Analysen aus 2018 erinnern. Bisschen merkwürdig, weil das ja erst…acht Jahre her ist?! Omg.

Jedenfalls bekam Niko ein wenig Initiative, aber ließ mich dann in ein ausgeglichenes Mittelspiel entkommen. Dieses brachte ich „typisch Enis“ aus dem Gleichgewicht:

Schwarz am Zug. Wie kann man ein bisschen Schärfe in die Stellung bringen?

Mein Sieg war mental ein gewisser Wendepunkt. In den ersten 60 Minuten sah es nämlich gar nicht so aus, als würden wir hier etwas holen. Zwar spielte Böblingen ersatzgeschwächt (an 1 weder IM Gähwiler noch FM Kuklin, sondern FM Jens Hirneise), aber irgendwie brachten wir unsere Elo nicht ganz aufs Brett. Zugegebenermaßen war das auch schwierig. Platz zum Manövrieren gab es weder auf dem Brett noch abseits der Partien, denn im Spiel“saal“ fühlten wir uns wie Sardinen in der Dose. Zudem müssen über 30 Leute durchaus mal aufs Klo. Die Tür hat wahrscheinlich König Friedrich I. von Württemberg höchstpersönlich zu seiner Krönung im Jahr 1806 eingebaut. Asbach Uralt. Knarz, klack, bumm. Ein geräuscharmes Bedienen der Tür zum Flur war nicht möglich.

Ok, den Rest des Crashouts gegen Bebenhausen spare ich mir noch. Daniel kam zu seinem OLBW-Debüt und machte es gleich mal…scheiße. Früh stellte er mit einer Taktik einen Bauern ein. Glücklicherweise behandelte sein Gegner die Stellung direkt nach dem Materialgewinn nicht so gut, sodass Daniel in Form eines auf d1 gestrandeten Königs langfristige Kompensation hatte.

Hier setzte Daniel mit …The8 24. Txe8 Da4+ 25. Ke1 Dxe8+ einen schönen Schlusspunkt, denn das Matt mit …De8-e2-f1 ist nur unter totalem Damenverlust zu vermeiden. Als auch noch Noah Fecker sich einer starken Vorbereitung von FM David Ortmann erwehren konnte und früh Remis machte, war die Sache für mich klar. Fabian überspielte Jens an 1, Theo feierte sein Comeback mit einem kuriosen Sieg auf Zeit (wobei die Stellung klar besser für ihn war) und zu allem Überfluss ließen sich Branimir Vujic und Mario Born von Pascal respektive Philipp Huber am Ende irgendwie noch austricksen. Über die Höhe des Sieges lässt sich freilich streiten, aber als Nr. 1 im Land muss man natürlich souverän gewinnen, was wir taten.

Schnell raus aus der Hölle, denn auf der Toilette im Turnier“saal“ waren sowohl die Seife als auch die Papiertücher ausgegangen. Aber scheinbar waren wir Protagonisten in einer modernen Version von Dantes Inferno. Draußen angekommen erreichten wir nur den zweiten Kreis der Hölle. In Tübingen fand das internationale Schokoladenfestival „chocolART“ statt. Ein wunderschönes Portmonteau von „chocolate“ und „art“. So schön wie es klang, war es auch voll. Weihnachtsmarkt war zufällig auch. Handyempfang? Sorry, nicht wenn du bei o2 bist. Das sind ja nur 18% der Bevölkerung Deutschlands. Das o2-Netz war in Tübingen vollkommen überlastet.

So flüchteten wir uns in ein italienisches Restaurant, welches einen guten Eindruck machte. Unser Navigator Noah, welcher als einziger im Bunde im Telekom-Netz surfen durfte, wies uns auf die hohe Google-Bewertung des Lokals hin. Und Leute, ich hätte wahrscheinlich Dante verspeisen können, so viel Hunger hatte ich. Aber ich vergaß, dass unsere Version von Dantes Inferno einer Tragödie entsprach. Wir bestellten das Essen und…warteten. Zumindest die Hälfte unserer Gruppe und vor allem: ich. Wir warteten mindestens 60 Minuten. Ich war kurz davor, mein Partieformular zu essen. Das muss der dritte Kreis der Hölle sein. Begründung der Verzögerung: eine Lieferando-Bestellung hatte Priorität. Wenn es denn nur ein vernünftiger Grund gewesen wäre…eine der Mitarbeiterinnen wollte mich mittels Desserts oder Cocktails beschwichtigen. Ehrlich gesagt wäre ich am liebsten gegangen, jedoch beließ ich es bei einem „ich will nichts [außer dass Sie mich nich mehr nerven]“. Den zweiten Teil hab ich mir natürlich nur gedacht. Irgendwann durfte ich dann doch mal essen.

Glücklicherweise befinden wir uns nicht mehr im Mittelalter. Anders als der gute Dante musste ich mich nicht auf Virgil verlassen, sondern auf Organic Maps. Ja, ich hab ja eh keine Freunde, dann kann ich auch gleich ein totaler Nerd sein und solche Nischenapps benutzen. Hauptsache, so wenig amerikanisches Zeug wie möglich. Dank des Routenplaners gelangten wir zum Hotel Schönbuch in Pliezhausen und übersprangen die anderen sechs Kreise der Hölle. Sowohl das Hotel an sich als auch das Frühstück (und laut Philipp Huber natürlich auch das weibliche Personal) waren traumhaft. Dafür lohnte es sich, die Vereinskasse zu plündern.

Und so machten wir uns ein weiteres Mal auf, die Tore zur Hölle zu öffnen. Kurz vor Partiebeginn schworen Fabian und ich uns „bitte zum letzten Mal überhaupt“. Also entweder müssen wir aufsteigen oder Bebenhausen absteigen. Oder wir ziehen zurück. Hauptsache, nie wieder nach Tübingen.

Der Spieltag beherbegte einige Überraschungen. Die Aufstellung des SK Bebenhausen gehörte dazu. Sie verzichteten auf „Einwechselspieler“. Wirklich ungewöhnlich. Zudem war es überraschend für mich, wie frech ein Zuschauer sein kann. Ich nenne jetzt keinen Namen, aber der Mensch ist ein landesweit bekannter Trainer und FIDE-Meister. Als Zuschauer anwesend, klingelte sein Handy während des Mannschaftskampfes. Anstatt Konsequenzen für sich selbst zu ziehen, wurde versucht, den Vorfall kleinzureden. Und der Schiedsrichter? „Der ist Zuschauer, da kann ich nichts machen“. Aha. FIDE-Schiedsrichter und so.
Der störende Zuschauer besaß dann noch die Chuzpe, während des Kampfes (am Samstag war das auch so) mit zahlreichen Spielern des SK Bebenhausen und des SC Böblingen munter zu sprechen. IHR GENIES MAN HAT DAS ALLES DRINNEN GEHÖRT. Meine Güte. Wenn man sowas erlebt, kann man ja nur zum Schluss kommen, dass es früher einfacher war, eine hohe Elo zu erreichen. So unprofessionell, wie diese Herren auftraten.

Ach ja, wenig überraschend war, dass weder Seife noch Papiertücher in der Toilette aufgefüllt wurden. Dementsprechend sollte ein komischer Verlauf des Kampfes nicht verwundern. Eduard Miller kam mit der stickigen Luft im Spiel“saal“ kaum klar. Doch was tun? Es gab eine Tür zur Außenwelt. Dies bedeutete jedoch nicht nur regelmäßigen Lärm, sondern auch, extrem kalte Luft in den Raum zu lassen. Eddi zog es daher vor, in seine Stellung ordentlich Luft zu lassen und riss alles auf. Als es eh schon schlecht war, „opferte“ er noch eine Qualität und verlor nach langer Qual in einem Endspiel.
Einziger Lichtblick war Daniel, welcher ein perfektes Ergebnis erzielte. Dabei fing es wie am Vortag an. Zu Partiebeginn stellte er einen Bauern ein. Man konnte Daniel im Gesicht ansehen, wie sehr er sich schämte. Wollte er schon hinschmeißen? „Aber dann dachte ich mir, rein da“, sagte er nach der Partie. Die Einstellung stimmte. Schritt für Schritt neutralisierte er den schwarzen Vorteil. Und in Zeitnot sah man dann, dass Daniel sich wirklich weiterentwickelt hat. Anstatt panisch zu werden wie in der Vergangenheit, blieb er ruhig und kontrolliert, er rechnete präzise und nutzte einen Patzer gnadenlos aus.

Wie machte Daniel hier mit Weiß am Zug den Sack zu?

Alle anderen Partien gingen Remis aus. Viel ging nicht. An 2 und 5 gaben Noah und Pascal ihre Gewinnstellungen her, an 6 erduselte sich dafür Theo einen halben Punkt. Froh war ich vor allem, weil ich endlich nach Hause durfte und mein Auto ohne Beschädigung aus dem Labyrinth, welches sich „Parkhaus“ schimpfte, rausfahren konnte.

Die Tabellenführung gaben wir damit an OSG Baden-Baden III ab. Für unsere Aufstiegsambitionen jedoch nicht allzu schlimm. Grenkes dritte Garde (oder wohl eigentlich die fünfte, wenn man Deizisau I und II dazurechnet) darf nicht in die 2. Bundesliga aufsteigen. Hinter uns: Karlsruhe (1 MP Rückstand), Schmiden/Cannstatt (2 MP) und Untergrombach (3 MP). Die Treppe zum Himmel erscheint am Horizont.

Veröffentlicht unter 1. Mannschaft, Mannschaftskampf

Kommentare:

Ehemaliger sagte am 9. Januar 2026 um 18:12:

Natürlich kann der Schiri da was machen: Zuschauer, welche sich nicht an Regeln halten können (und in diesem Falle sollten) des Saales verwießen werden. Falls es sich bei dem Täter um unseren alten Liebling halten sollte, verweiße ich gerne darauf, dass es auch schon Schiris gab, welche ihn gar nicht glimpflich behandelt haben, sondern ihn für die Beteiligung an einer Analyse mit dem Verlust seiner noch laufenden Partie bestraft haben. Zu den Stellungen: Ich vermute, du hast auf e3 eine Qualität geopfert, und bei Daniel tippe ich auf fxg6 Dxh4 2.gxf7+ Txf7 3.Dg6+ mit Materialgewinn. Grenkes fünfte Garde darf zwar nicht aufsteigen, kann aber gegen euch gewinnen und gegen einen Aufstiegskonkurenten verlieren. Sobald die Partien veröffentlicht sind, schau ich mal genauer rein. Tschüß, RGS

Enis Zuferi sagte am 9. Januar 2026 um 23:55:

Ja, das sah der Schiri anders :) Ne, der Störenfried war nicht die Person, die du (wahrscheinlich) meinst. Er hat an dem Tag nicht einmal gespielt, ich weiß nicht einmal, ob du ihn kennst... Die Partien sind ja herunterladbar unter der Tabelle: https://ergebnisdienst.schachbund.de/bedh.php?liga=olbw Beides richtig btw. 1) bei mir ging es weiter mit: ...Txe3 fxe3 Dxg4 Kf2 (merkwürdig, jetzt ist die Dame abgeschnitten) Ld6 Tg1 Se7 Th4 Dd7 (De6 wäre präziser gewesen) g4?! (e4 war Pflicht) Kg7 Sd2? Te8 (denke hier schon -+) a3 Sg8 Dd1 Le7 Th3 Lg5 Sf1 Sf6 Df3 Te4 Ke2 Sxg4 Aufgabe 0-1 2) bei Daniel kam wirklich fxg6, aber dann Dg5 gxf7+ Txf7 Txf7 Kxf7 Dh7+ Lg7 Tf1+ nebst Sf5 +- Ja, unsere ärgsten Verfolger Karlsruhe haben leider schon gegen Baden-Baden gespielt, also wird unser Duell gegen sie nächste Woche sehr wichtig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert