Ein schmaler Grat
von Enis Zuferi am Mo., 24. November 2025 | KommentareWo hört gesundes Selbstbewusstsein auf, wo fängt Überheblichkeit an? Oder geht es vielleicht in die andere Richtung und wir müssen Angst davor haben, uns selbst zu stark zu unterschätzen?
Das war die eine Frage, welche mich im Vorfeld des Duells mit dem SK Schmiden/Cannstatt beschäftigte. Ein 8-0 gegen die TG Biberach durften wir nicht überbewerten. Andererseits landeten die Fellbacher in der Vorsaison auf dem letzten Platz. Auf dem Papier schien ebenfalls alles klar zu sein, zudem Fabian Bänziger und Noah Fecker zurückkehrten. Fabian sah das auch schon als klare Sache an, ich wollte ihn bremsen. Beim Schreiben dieser Worte merke ich, wie ich langsam in die Fußstapfen des großen „Verbieters“ Robin Stürmer trete.
Die andere Frage war, was ich denn spielen sollte. Als voraussichtlichen Kontrahenten sah ich Markus Löhr, welcher nur Grünfeld spielte – jedoch in dieser Saison nicht, als er sich gegen IM Bronznik mit Nimzo-Indisch verteidigte. An sich kein Problem, aber ich war mir nicht sicher, ob ich eine meiner 37 Ideen gegen Nimzo unbedingt in dieser Partie verbrauchen sollte. Dafür hatte ich 1. c4 bereits gegen WGM Klek gespielt, auf 1. Sf3 hatte ich keine Lust, also blieb nur eine Wahl. Nein, nicht 1. Sh3, gegen das FM Hirneise am ersten Spieltag gegen IM Borya Ider verlor. Es wurde 1. e4. Dafür erntete ich schon mal einen Lacher von Thomas Leykauf, welcher während der Partie meinte „ja Caro-Kann, wird halt wahrscheinlich Remis“. Mhmm ja!
Aber eins nach dem anderen. „Eins“ ist hierbei ein gutes Stichwort, denn den ersten Handschlag gab es am Spitzenbrett. Ex-Spieler FM Tobias Schmidt behandelte ein „Fake Rossolimo“ (1. e4 c5 2. Sc3 Sc6 3. Lb5) in einer derart kreativen Art und Weise, sodass sich Fabian zu radikalen Maßnahmen ermutigt sah. Er schob „Harry“ mutig nach vorne, opferte ihn auf h4, um die weißen Springer zu verknoten. Der Lohn war eine glatte Gewinnstellung nach 15 Zügen:
Tobias‘ letzte Hoffnung war wohl, Fabian einzuschläfern, denn Weiß spielte in der obigen Stellung erst nach über 40 Minuten einen Zug. Da Fabian aber ein Genießer von „El Tony Mate“ ist, hielt ihn das ganze Koffein wach und er brachte uns in Führung.
Das Muster fast aller Partien waren taktische Gelegenheiten, von gewagten Kombinationen bis hin zu gottlosen Patzern. So schenkte Christian Thoma unserem Philipp Huber den Sieg, als er in ein einzügiges Matt lief, völlig ohne Not. Das kann passieren, so habe ich selbst meine Erfahrungen mit derartig peinlichen Situationen gemacht. Pascal und FM Steffen Eisele lieferten sich eine interessante Diskussion in einer typischen Englisch-Stellung. Als Weiß jedoch zu viel am Königsflügel und im Zentrum durchgehen ließ, gab es schnell einen weiteren Punkt für uns. Einziger Dämpfer an dem Tag war Noahs Niederlage gegen einen weiteren Ex-Spieler, FM Thilo Kabisch. In einem scharfen Franzosen hebelte Thilo mit …f6 den weißen Eineingungsbauern auf e5 an. Noahs Zurückschlagen mit dem d4-Bauern anstelle des Springers schien wohl ungenau gewesen zu sein. Der zuvor einbetonierte Läufer auf g7 fand ein neues Plätzchen auf c5 und schnell erinnerte die weiße Stellung an einen in der Sonne vergessenen Milchkarton – nicht lange haltbar. Dieser Sieg ermutigte Thilo wohl dazu, zu alten Gewohnheiten zurückzukehren und so versuchte er, in der Analyse noch Ressourcen für meinen Gegner zu finden. Aber da selbst Markus abwinkte („das müssen wir uns echt nicht angucken“), blieben mir weitere Stunden am Bildungscampus erspart.
An Brett 3 sackte Eduard Miller gegen FM Mark Trachtmann einen weiteren Punkt ein. Typisch Eddi – Königsindisch, sehr scharfe Stellung und taktisch dem Gegner mindestens eine Nasenlänge voraus. Sein alter Freund Johannes Mundorf war an jenem Sonntag das „Yang“ zu Eddis „Yin“ – gegen FM Martin Krockenberger brannte kaum etwas an, die Stellung war meistens ruhig und symmetrisch. Zeitweise hatten beide Spieler ihre Chancen für einen „+1“-Vorteil, aber ich habe mittlerweile realisiert, dass „+1“ fast gar nichts ist und so endete auch diese Partie Remis.
Hinten gab es ein Wiedersehen von Richard Walter und Tim Gavrin. Beide Spieler dürfen als Top 2 des Kandidatenturniers im kommenden Jahr am Württembergischen Meisterturnier teilnehmen. Tim kommentierte diese Paarung im Vorfeld mit „oh nein nicht gegen Richard“. Nach einer eher misslungenen Eröffnung hatte Gavrin Chancen. Eine davon entdeckte ich mit Richard in der Analyse:
Richard spielte hier 15. Lg5 und geriet in leichte Probleme. Als Alternative schlug er 15. Ld6 vor, um den starken schwarzen Läufer zu tauschen, bevor Dd8-b6 mit Angriff auf f2 folgen kann. Aber dann…wir werden einfach umbringen!!…*hust* nein, dann sah ich etwas. Was entdeckten meine müden FM-Augen nach 15. Ld6?
In der Partie folgte Richard dem generellen Muster des Kampfes. Als es taktisch werden konnte, lenkte Richard die Partie in scharfe Bahnen. Als es taktisch blieb, zeigte er bessere Rechenfähigkeiten (wenn auch nicht perfekte) als sein Gegner. Damit belohnte sich der Youngster mit einem Sieg bei seinem Einstand in der ersten Mannschaft.
Nachdem alle Siege auf taktische Weise erspielt wurden, dachte ich mir „hey, wieso nicht einfach alles anders machen?“. Also machte ich alles anders, denn ich bin ja ✨etwas Besonderes✨. Nein, bin ich nicht. Und du, ja genau du, wenn du diese Zeilen hier liest…du bist auch nichts Besonderes. Der Globus dreht sich auch ohne uns, wahrscheinlich sogar besser, wenn weder du noch ich schädliche Treibhausgase in die Atmosphäre ballern, nur um mittels „KI“ völlig unrealistische Bilder erstellen zu können, wie etwa Elon Musk mit einem Sixpack und 42er Bizeps.
Nun, wenn ich schon nichts Besonderes bin, dann bin ich wenigstens ein Zyniker, was ich im letzten Abschnitt definitiv bewiesen habe. Aber auch die Partie war ein Beleg dafür.
Gut, einen Läufer wie ich nach d4 zu stellen, sollte durchaus ein Verbrechen sein, aber wir leben ja nicht in einer gerechten Welt. Armer Thomas Leykauf, dessen Remis-Vorhersage nicht eintrat.
So schickten wie unsere Gegner mit 6,5-1,5 nach Hause. Sie kommentierten ihr Abschneiden mit „das war eine geschlossene Mannschaftsleistung“. Da zuckten selbst meine Mundwinkel kurz nach oben.
Oben stehen wir jetzt auch in der Tabelle, denn Untergrombach gewann lediglich 5-3 gegen Hockenheim. Bei deren Aufstellung könnte man sich schon die Frage stellen, ob sie überhaupt aufsteigen wollen. Mein Vorschlag: wir lassen es einfach und schenken dem Heilbronner SV den Aufstieg. In der 2. Bundesliga könnten wir uns dann beim TSV Schönaich revanchieren, welcher mit allen Mitteln von Moritz Reck am Leben gehalten wird. Er selbst versucht mit allen Mitteln, den FM-Titel zu erlangen, aber sein Traum, ihn an Brett 6 des europäischen Club-Cups (da gibt scheinbar es irgendeine Sonderregel laut FIDE) zu erlangen, ging auch im zweiten Jahr in Folge nicht in Erfüllung. Schade war’s.
Eines der Schönaicher Mittel bleibt weiterhin, talentierte junge Leute von anderen Vereinen abzuwerben. So zog es Noah Geltz von Heilbronn-Biberach zu den Schach“freunden“ aus der Böblinger Umgebung. Die Leute aus dem Stadtteil gingen daher wie unsere zweite Mannschaft mit einem geschwächten Kader in die neue Saison. Beim direkten Aufeinandertreffen sah es zuerst gut für uns aus. Der Deutsche mit österreichischen Wurzeln, Thomas Tschlatscher, gewann bereits in der Eröffnung gegen einen deutschen 2000er. Ein Brett dahinter sorgte unser polnischer Shooting Star Ryszard Cwiek (jetzt 3 aus 3!) mit einer gewohnt scharfen und gut vorbereiteten Eröffnung gegen einen anderen 2000er für das 2-0. Leider blieben das die einzigen Siege. Vereinspräsident Julian Bissbort kämpfte bis kurz vor dem Ende meiner Partie um ein Remis, aber so ging der Kampf mit dem knappsten aller Ergebnisse verloren.
Die Zweite bleibt daher mit einem Spiel weniger im Mittelfeld, denn der Erstrundensieg gegen Jedesheim wurde aufgrund des Rückzugs jenes Teams aus der Wertung genommen.
Im Mittelfeld befindet sich nun auch die sechste Mannschaft in der A-Klasse. Mit einem 5-1 sorgte das runderneuerte Team für das zweite Highlight des Großkampftages. Neuling Sophie Oswald erzielte dabei ihren ersten Sieg im Mannschaftskampf mit einem schönen Mattangriff in einem Franzosen. Auch die anderen Siege wurden souverän herausgespielt. Das macht Lust auf mehr.
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