Von blauen, roten, starken und schwachen Türmen

Zwei der Sehenswürdigkeiten Bad Wimpfens sind der rote und der blaue Turm, letzterer gleichzeitig auch namensgebend für den lokalen Schachverein. In unser heutiges Landesliga-Duell gingen die Gastgeber somit gewissermaßen mit zwei Türmen Vorsprung; allerdings zählen beim Schach glücklicherweise nur weiße und schwarze Türme, und da waren die Heilbronner Türme heute stärker:

Vielleicht in Anlehnung an den Heilbronner Bollwerksturm (ja, auch wir haben Türme!) passierte in den ersten zwei Stunden noch nicht viel: Sowohl in Jürgens als auch in meiner Schwarzpartie wurden nach 20 bzw. 27 Zügen die Punkte geteilt; ebenso friedlich ging kurz darauf Christians Partie aus, der sich vom „Aufschlag“ wohl etwas mehr verhofft hatte. Aber Vorwürfe musste sich heute niemand machen, da die Tendenzen an den übrigen Brettern optimistisch stimmten: (Ex- aber irgendwie immer noch) Cheffe nutzte eine Ungenauigkeit seines Gegners aus und drang mit seiner Dame auf der c-Linie ein, wo sie die komplette schwarze Stellung lähmte. Was Handfestes war zwar noch nicht in Sicht, aber die starke Druckstellung musste sich früher oder später auszahlen. Kim-Lucas Gegner wählte das scharfe Zweispringerspiel inklusive Bauernopfer, fand aber irgendwo nicht die richtige Fortsetzung, sodass nach etwa 15 Zügen Kim-Luca sowohl den Mehrbauern als auch die Kompensation hatte. Am Spitzenbrett wurde erst im 20. Zug der erste Bauer getauscht; in der Folge geriet Patrick jedoch am Königsflügel unter Druck. Dafür standen Robert und Severin in ihren Sizilianern leicht bis deutlich aktiver, da ihre jeweiligen Gegner nicht die prinzipiellsten Varianten spielten, sondern lieber Beton anrührten.

Um die Zeitkontrolle herum fielen dann die ersten Entscheidungen: Nachdem sein Druck am Damenflügel taktische Fehler provoziert hatte, verleibte sich Cheffe erst den unschuldigen Bauern a7 ein und gruppierte dann seine Figuren auf den Königsflügel um, wo er die Partie dann – unter anderem mit der Wucht seines Turmes – hübsch entscheiden konnte:

Kurz darauf gewann auch Kim-Luca, der seinen Gegner mittlerweile derart eingeschnürt hatte, dass – neben unbeholfen herumstehenden Türmen – sowohl dessen König als auch der Dame die Luft ausging. Ein paar Züge lang spekulierte Schwarz zwar noch auf die ebenfalls eingesperrte weiße Dame, doch war jene nie in ernsthafter Gefahr. Auch bei Severin und vor allem Robert kristallisierten sich Vorteile heraus, sodass wir uns lediglich um Patrick noch Sorgen machten: Dessen Gegner kam wie erwartet mit g5-g4 angestürmt und zwang Patrick zum Fraß eines vergifteten Bauern. Durch eine feine Riposte konnte dieser zwar den Verlust seines Springers verhindern, aber nicht die Abwicklung in ein Doppelturmendspiel mit zwei Minusbauern. In der Folge stellte sich jedoch wieder einmal heraus, dass Turmendspiele ziemlich knifflig sind, und einen Turmtausch und ein paar Ungenauigkeiten später erzeugte Patricks letzter Bauer gerade genug Gegenspiel, um den Remishafen zu erreichen.

Großes Aufatmen also, denn nun hatten wir den ersten Mannschaftspunkt sicher und da weder Robert noch Severin in irgendeiner Gefahr schwebten, war auch der Mannschaftssieg nicht mehr fern. In der Tat war auch bei Robert der Unterschied in der Wirksamkeit der Türme offensichtlich:

Lediglich bei Severin überlebte kein Turm bis zum Ende; hier schaffte es unser Youngster aber, seinen noch jüngeren Gegner im Damen-/Läuferendspiel sukzessive zurückzudrängen, bis nach Läufertausch das reine Damenendspiel dank eines vorgerückten Freibauern gewonnen war. Leider verschenkte Severin ein wertvolles Tempo, wonach seine Gewinnchancen schlagartig verschwanden und er Dauerschach geben musste.

Mit diesem 5,5:2,5-Sieg haben wir nun doch tatsächlich den Ligarekord für den höchsten Sieg aufgestellt – in allen anderen entschiedenen Paarungen konnte der Sieger bislang maximal 5 Brettpunkte mitnehmen, was einen deutlichen Hinweis darauf liefert, wie eng die Landesliga dieses Jahr aufgestellt ist. Entsprechend verspricht diese Saison auch mal wieder in der Spitze spannend zu werden, wobei ich da mein Geld auf Kornwestheim setzen würde (weniger aufgrund des Ingersheimer 4:4 in Öhringen, sondern wegen der starken und aufstrebenden Jugendlichen). Alle anderen Mannschaften könnten bei allzugroßer Sorglosigkeit ganz schnell in einen Abstiegsstrudel geraten, in dem jeder jeden schlagen kann – hier hängt dann alles von der tatsächlichen Aufstellung am Spieltag sowie der Tagesform ab. Dementsprechend warten auf uns nun noch sechs „Endspiele“, bevor wir uns in der Schlussrunde wieder GoliathKornwestheim entgegenstellen dürfen.


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