Verspäteter Liveticker aus dem Allgäu

Weiler im Allgäu, Sonntagmorgen 10 Uhr, regnerisch bei 8°. Es geht los. Da ich selbst nicht spiele, sondern nur als Mannschaftsführer mitgereist bin, nutze ich die Zeit für einen Blog mit Live-Charakter, was mir Schiedsrichter und gegnerischer Mannschaftsführer freundlicherweise gestatten. Natürlich alles ohne Engine-Unterstützung und mit meinen laienhaften „auf-den-ersten-Blick-Einschätzungen“. „Live-Charakter“ im Übrigen nur deshalb, weil dieser Bericht wohl erst am Folgetag online gehen wird. Klingt zwar im 21. Jahrhundert nicht sonderlich fortschrittlich, aber erinnert an die guten alten Zeiten, als Cheffe noch während des Mannschaftskampfes herumwandelte und in für alle unlesbarer Schrift seine Gedanken zu den einzelnen Partien notierte. Ich habe wenigstens einen passwortgeschützten Laptop.

Aber nun zum Spielgeschehen. Weiler hat ungefähr wie erwartet aufgestellt, sprich vorne die beiden tschechischen GMs, dahinter IM Henrichs. Dieses Dreigestirn versuchen Uli, Enis und Tobi so gut es geht zu neutralisieren. An Brett 4 unerwarteterweise nicht Balacek sondern Benedict Hasenohr, sodass Niko mit Schwarz auf eine Revanche seiner Letztrundenniederlage der Vorsaison hoffen kann. An 5 dann eine Überraschung unsererseits, haben sie doch sicher nicht mit einem Einsatz Nicolas‘ gerechnet. Er bekommt es mit Niklas Wunder zu tun. An 6 dann Simon Degenhard mit Schwarz gegen Milan Srba, meinen Letztrundengegner der Vorsaison. Komplettiert wird das Ganze wie erwartet von den Paarungen Robin Stürmer gegen Fabian Wunder und Simon Weißbeck gegen Hosticka, auch dies eine Neuauflage der letzten Saison.

10.30 Uhr – erste Erkenntnisse

Ulrich bleibt bei dem, was er kann und geht den Großmeister mit positionellem Spiel an. Der weißfeldrige Läufer steht bereits auf g2, auf f3 ein Springer und Uli hat soeben im Zentrum auf d5 getauscht. Sein Gegner behandelt das Ganze seinerseits mit einem Königsfianchetto-Läufer.

An 2 bekommt Enis c4 vorgesetzt. Ob er das wohl erwartet hatte? Bestimmt. Enis ist irgendwie immer auf alles vorbereitet. Er antwortet im zweiten Zug mit c5 und schiebt gleich d5 hinterher, was die Stellung gleich öffnet und bald zum ersten Springer-Tausch auf c3 führt.

Tobi spielt mit Weiß die italienische Eröffnung und sein Gegner geht voll mit – 3… Lc5. Ein Evans-Gambit liegt in der Luft, aber Tobi entscheidet sich für das „ruhige“ 4. d3. Schade eigentlich. Der Gegner antwortet mit a6, was Tobias erstmal ins Grübeln bringt.

Niko gibt früh sein Läuferpaar und schiebt dem gegnerischen Aufbau e4-d5-c5 seinerseits e5 und f5 entgegen.

Nicolas hat mit Weiß eine Vorstoßvariante im Franzosen auf dem Brett und seine Springer auf d2 und e2 platziert. Habe ich so zwar noch nie gesehen, aber er wird schon wissen, was er tut. Vielleicht soll der d2-Springer ja nach f3 und der e2-Springer nach c3, aber das hätte man dann ja auch einfacher haben können 😀

Simons Degenhards Gegner peilt – wie gegen mich vor einem halben Jahr – zunächst einen offenen Sizilianer an, entscheidet sich aber nach Simons beschleunigtem Drachen für das sanfte d3, statt gleich d4 durchzudrücken. Ein Zug später folgt c3… sehr passiv. Simon legt es sofort drauf an und geht mit …d5 aufs gegnerische Zentrum los.

Robin bekommt es mit einem Holländer zu tun und spielt früh Lg5. Versucht er etwa Enis‘ 7-Züger vom Wolfbusch-Spiel zu wiederholen? Der schwarze d-Bauer steht auch schon auf d5 und Robins Springer auf h3, von wo aus er nach f4 könnte (Enis‘ Springer kam, soweit ich mich erinnere, über e2). Aber Schwarz hat bereits e6 gespielt, also geht es wohl doch in eine etwas andere Richtung. Trotzdem: eine solche Stellung dürfte Robin eigentlich liegen.

Simon versucht sich an 8 mit Schwarz im Franzosen – sein Gegner baut sich eigentümlich auf, Königsfianchetto und Dame gleich nach e2. Interessant… Schon bald hat er einen Bauern auf e5 zementiert und Simons Figuren Richtung Königsflügel abgedrängt. Und da startet auch schon der weiße Angriff mit h4…

11 Uhr – es wird interessant

Uli hat inzwischen mit dem Turm die offene d-Linie besetzt und die gegnerische Dame – zumindest vorübergehend – etwas hinten auf e8 eingeengt. Doch bald darauf revanchiert sich der GM und drückt Ulis Dame seinerseits nach c1. Mal sehen, wer sich die offenen c- und d-Linien besser zu Nutze machen kann. Seit dem schwarzen Vorstoß e5 gefällt mir Schwarz optisch etwas besser, aber Uli hat das mit Sicherheit noch alles im Griff.

Enis hat eine Stellung mit ordentlich Spannung drin, aber alles scheint im Gleichgewicht. Auf beiden Seiten sind alle Figuren entwickelt, die Türme stehen sich auf den derzeit noch geschlossenen c- und d-Linien gegenüber. Mal sehen, wann alles aufgeht.

Tobi tut sich sichtlich schwer mit der Wahl seines Aufbaus. Sein Gegner geht den f2-Bauern mittels Sg4 an und der Turm, der bereits auf e1 steht, müsste jetzt eigentlich nach f1 zurück, was aber gleich ein doppelter Tempoverlust wäre. Tobi entschließt sich zur Deckung durch Te2, was etwas nach Verrenkung aussieht. Hoffentlich geht das gut.

Niko sieht sich derweil am Königsflügel lästigen Attacken des schwarzfeldrigen Läufers ausgesetzt. Für den Moment aber nichts Schlimmes. Die Stellung ist immer noch geschlossen.

Nicolas hat mittlerweile einen Isolani auf d4 und sein Gegner eine offene f-Linie. Das sieht nach zweischneidigem Spiel aus. Nicolas versucht zunächst mal am Damenflügel mit seinem Springerzug nach a4 Unruhe zu stiften, denn der Gegner hat ein fettes Loch auf b6.

Simon D. hat mittlerweile auf e4 getauscht und seinem Gegner eine lästige Schwäche auf d3 gemacht. Jetzt gilt es, diese auszunutzen! Zumal der f1-Läufer auch schon nach g2 fianchettiert ist.

Wie prophezeit hat Robin schnell Sf4 nachgezogen um Druck am Königsflügel zu machen. Will er etwa, wie Enis vor einer Woche, doch auf f6 reinhacken und Dh5+ nachziehen? Das würde nichts bringen, da Schwarz mit Dxf6 alles unter Kontrolle hätte. Da entkorkt Robin Sh5! Nun droht das Schlagen auf f6 mit anschließendem Dh5+ tatsächlich. Außerdem lähmt der Springer auf h5 den Lf8, da g7 überdeckt bleiben muss. Bin gespannt, was jetzt kommt.

Simon rennt derweil am Damenflügel mit seinen Bauern an. So habe ich das auch schon oft versucht, mit wechselndem Erfolg. Soll er nur aufpassen, dass sein Läufer auf a6 nicht irgendwann unwirksam wird, wenn sich die Bauernketten festlegen.

11.30 Uhr – die ersten Opfer und Einschläge

An den ersten beiden Brettern scheinen alle Titelträger (jaja, auch Enis!) momentan noch genau zu wissen, was sie tun. Mal sehen, wer die beste Strategie verfolgt.

Tobis Verteidigungsmanöver scheint zunächst mal aufzugehen. Nach Sf1 hat er den schwarzfeldrigen Läufer freigemacht und auch der Turm hat wieder etwas Luft. Gleichzeitig hat er mittels h3 den schwarzen Springer wieder nach h6 vertrieben, wo er vom Läufer c1 direkt angezielt wird. Seinen Gegner scheint der Einschlag mit Doppelbauer auf h6 nicht zu beeindrucken, er greift mittels f5 weiter munter an! Tobi bedient sich auf h6, gibt damit aber auch das Läuferpaar her.

Auf einmal geht es auch bei Niko rund. Der schwarzfeldrige Läufer ist getauscht und die Stellung öffnet sich komplett. Damit ist das weiße Läuferpaar wieder eliminiert, aber Nikos König steht etwas luftig auf g7 rum. Und sein Gegner versucht gleich mittels g4 die g-Linie aufzuhebeln… Jetzt ist Umsicht gefragt.

Robins Gegner hat Sh5 mit De7 pariert um nach Sxf6 gxf6; Dh5+ mit Df7 antworten zu können. Da erneuert Robin mit Le2 einfach ganz frech die Drohung. Und tatsächlich: nach schwarzem Ld7 (er will wohl gerade noch lang wegrochieren) kommt es zum Tausch: Sxf6 gxf6; Lh5+ („Schach!“, wie Robin immer gerne unüberhörbar dazusagt) und der schwarze König geht auf Wanderschaft! Punktsieg für Robin.

Simon an Brett 6 hat wohl einen anderen Plan, als das Feld d3 ins Visier zu nehmen, denn er stellt seinen Bauern nach e5, ein Feld, das ja eigentlich für seinen Springer reserviert bleiben sollte. Und schon bald knallt’s auf e5 – der Bauer ist nur scheinbar ausreichend gedeckt, das Schlagen mit der Dame bleibt Simon wegen Lf4! verwehrt, was die Dame gegen seinen Turm auf b8 aufspießen würde. Mit Minusbauer und nur noch einer halben Stunde auf der Uhr ist Simon hier schon ordentlich unter Druck.

Beim anderen Simon knallt’s auch – aber diesmal sieht das ganz vielversprechend aus. Nachdem er zunächst seinen La6 tatsächlich mit c4 zugestellt hat, öffnet er alles, indem er seinen Springer auf b4 für zwei vorgerückte Freibauern auf d5 und c4 eintauscht. Und nun drohen allerhand Gemeinheiten – eine Bauerngabel auf c3, einen Abzug auf die Dame, die auf e2 steht, und der schwarze Läufer auf b4 fesselt zusätzlich noch den weißen Springer auf d2. Sehr couragiert gespielt!

12 Uhr – es geht rund, der Berichterstatter frohlockt!

Ulis d1-Turm ist momentan im Visier der gegnerischen Leichtfiguren und die Qualle droht, verloren zu gehen. Uli zieht den Turm nach d5 um wenigstens die Konditionen des Qualitätsverlustes zu bestimmen. Nach Sb4 sollte die Qualle eigentlich weg sein. Aber mein Gefühl sagt mir, dass das schwarze Manöver an irgendetwas Taktischem scheitern könnte, denn seine Leichtfiguren tummeln sich schon arg geballt und ungedeckt am weißen Damenflügel (schwarze Springer momentan auf c6 und c4, Läufer auf c2 – die weiße Dame könnte ggf. nach c3 und die schwarzen Figuren heillos überlasten).

Niko hat mittlerweile erreicht, was er wollte: seine Bauernstruktur ist noch immer wie aus einem Guss, während die seines Gegners schon arg desolat wirkt. Nikos Springer hüpfen zudem munter im Zentrum rum. Nun gilt es nur noch, den Druck aus der offenen g-Linie zu nehmen, wo sein Gegner zu verdoppeln droht. Dann erhält er mit Sicherheit angenehmes Spiel.

Nicolas ist wie erwartet nach b6 reingehüpft – sein Gegner antwortet prompt mit einem Qualitätsopfer auf f3, welches Nicolas ohne zu zögern annimmt. Nun hängt der Isolani auf d4, aber auch auf a8 hängt ein ganzer schwarzer Turm. Nicolas hat jedoch nicht mehr viel Zeit. Das wird ein heißer Tanz!

Simon D. sucht weiterhin nach der Kompensation für den verlorenen Bauern. Sein Gegner treibt seine Bauern forsch im Zentrum voran und vielleicht gelingt es Simon ja, die gegnerische Speerspitze irgendwie doch noch zu Fallobst zu machen und den Bauern zurückzuholen. Objektiv aber sicherlich immer noch deutlich besser für Weiß.

12.30 Uhr – da ist was drin!

Allerdings nicht am ersten Brett. Ulis Gegner spielt nicht unmittelbar auf Qualitätsgewinn, sondern knabbert erst Ulis f3-Springer an. Daraufhin lässt Uli sich zum Gardé verlocken, was der Großmeister mit der Drohung eines Damentausches mit gleichzeitigem Materialgewinn pariert. Kurz darauf hat unser IM eine Figur weniger und nur einen Bauern als Ausgleich. Das bietet maximal noch Schummelchancen.

Enis‘ Partie ist wahrscheinlich die auf dem höchsten Niveau – allerdings nur für Feinschmecker. Da momentan nur wenig Entscheidendes passiert, ist sie für den Zuschauer derzeit nicht ganz so verlockend wie die anderen Bretter.

Bei Tobi wirkt das Brett mittlerweile wie leergefegt. Es gibt viele offene Linien und Schwarz besitzt das unheimlich starke Läuferpaar und einen Mehrbauern, der Doppelbauer auf h7/h6 mit dem schwarzen König auf h8 fällt da nicht weiter ins Gewicht. Tobi wird hier kämpfen müssen.

Nicolas‘ Gegner hat – so scheint es – ohne Not gleich zwei Qualitäten geopfert. Nicolas lässt sich nicht beirren und holt gleich noch den Bauern auf a6 dazu ab. Das sieht gut aus, aber die Zeit macht große Sorgen. Nicolas hat noch 7 Minuten und ist erst im 20. Zug.

Simon an Brett 6 hat es inzwischen geschafft, das Material auszugleichen, allerdings auf Kosten seines Läuferpaares und einer positionell nachteiligen Stellung.

Robin hat lange nach einem sinnvollen Durchbruch gesucht, nun hat er ihn: Die schwarze Königsstellung ist offen und droht zu zerbröseln. Allerdings hat Robin mittlerweile auch eine Qualität reingesteckt. Hoffen wir, er behält die Übersicht.

Simon Weißbecks Gegner hat den Sturm einigermaßen überstanden und sich mit einem Minusbauern bei schlechter Bedenkzeit nochmal aus der Affäre gezogen. Jetzt muss Simon zeigen, dass er ihn mit präzisem Spiel langsam aber sicher eintüten kann.

13.00 Uhr – erste Entscheidungen

An Brett 1 wickelte der tschechische Großmeister soeben souverän ins gewonnene Endspiel ab, wobei Uli sich die Schlussstellung gar nicht mehr zeigen lassen wollte. 0-1 also.

Fast im selben Moment fiel der zwischenzeitliche Ausgleich, denn „unser bestes Pferd im Stall“ lies auch bei knapper Bedenkzeit nichts mehr anbrennen, tauschte Figur um Figur runter und so quittierte sein Gegner nach rund 25 Zügen die Niederlage. Nicolas est de retour!

Tobias musste erst noch einen zweiten Bauern spucken, kurz darauf erfolgte die Aufgabe, denn gegen das übermächtige schwarze Läuferpaar gab es kein Gegenmittel. 1-2 gegen uns, aber wir sind noch im Rennen.

Simon an 8 hat mittlerweile zwei kerngesunde Mehrbauern (davon ein gedeckte Freibauer auf d5), wobei nur noch Schwerfiguren auf dem Brett sind. Mit jedem Tausch dürfte er dem Sieg näherkommen, doch bis dahin ist es noch ein mühsamer Weg, denn er hat zwar soeben die Damen getauscht bekommen, dann aber den gegnerischen Hebel f5 übersehen. Auf e6xf5 zieht der Weiße direkt e6 nach und f7xe6 geht nicht, da die weißen Türme auf der siebten Reihe verdoppelt sind g7 nur vom König gedeckt ist. Hoffentlich findet er da ein probates Mittel. Zeit hat er jedenfalls genug.

13.30 Uhr – die Ereignisse überschlagen sich

Da ich in dieser Phase keine Zeit mehr hatte, mitzuschreiben, erzähle ich den Hergang der letzten fünf Partien aus der Retrospektive:

Bei Niko vollzog sich bald ein Tausch, der sich schon längers über die offene g-Linie angebahnt hatte: zwei Türme gegen die eigene Dame. Leider standen Nikos Türme im direkten Anschluss zu unkoordiniert und so konnte sein Gegner einen Doppelangriff zum Qualitätsgewinn nutzen. Bald darauf zerfiel Nikos Stellung komplett, sodass wir zwischenzeitlich mit 1-3 mit dem Rücken zur Wand standen.

Etwa um diese Zeit hätte Robin bei Minusmaterial, aber aus einer Druckstellung heraus, mit einem Dauerschach das Remis sichern können. Es folgte die Frage, die ich befürchtet hatte: „Kann ich Remis machen?“ Tja, woher soll ich das wissen? An den anderen Brettern war noch alles drin. Robins Remis könnte knapp zum 4-4 reichen, vielleicht würde es aber auch unsere 3,5-Niederlage besiegeln. Also schaute ich kurz rum und sagte dann „entscheid selbst!“, in der Hoffnung, Robin hätte einen guten Weiterspiel-Plan. Uli und ich sahen kurz darauf einen vermeintlichen Gewinnzug; die Wahrheit war, dass Robin direkt danach wohl hätte aufgeben können. Widerspreche nie dem Verbieter! Robin zog eine andere Fortsetzung aus dem Köcher, die bei mittlerweile Minusturm und knapper Bedenkzeit auf beiden Seiten gute praktische Chancen enthielt. Kurz darauf hätte sein Gegner im 40. Zug die Möglichkeit gehabt, in eine dreimalige Stellungswiederholung einzulenken (Robin hatte zu dem Zeitpunkt keine Wahl, jede andere Fortsetzung hätte sofort verloren), also erkundigte er sich bei noch 40 Sekunden auf der Uhr bei seinem Mannschaftfsführer: „wie steht’s?“ – „3-1.“ Ich war mir absolut sicher, er würde das Remis nehmen. Stattdessen zockte er: 40…Dxa2?! mit Mattdrohung. Immerhin hatte Robin jetzt wieder Zeit. Pheeeeew…

Enis hatte Sekunden vor der Zeitkontrolle ein Remisangebot seines großmeisterlichen Gegners zu beantworten. Auch hier die (un)klare Ansage „entscheide selbst“, die ich Sekunden später in „ja, ist okay, mach Remis“ umänderte, als ich sah, wie Enis‘ Zeit gegen 0 tickte. Aber Enis wäre nicht Enis, wenn er nicht mehr wollte. Und tatsächlich: er überstand die Zeitkontrolle und heimste in der Folge einen Mehrbauern ein! Eine bärenstarke Leistung unseres frischgebackenen FMs. Leider hieß dies gleichzeitig remisliches Turmendspiel, da der Mehrbauer auf Sicht nicht zu halten war. Und selbst wenn… Wenn Enis ein Turmendspiel mit Mehrbauer schon gegen Reiner nicht gewinnt, wie dann bitteschön gegen einen Großmeister? 😉 3,5-1,5 gegen uns also, aber wir waren weiter im Rennen, denn…

…Simon hatte an Brett 6 die Partie mittlerweile gedreht. Sein Gegner hatte sich im Königsangriff verrannt und als der Staub sich nach der Zeitkontrolle legte, hatte Simon einen Bauern mehr. Wieviel der Wert war, war zunächst noch unklar, denn beide Seiten besaßen einen Turm und ungleichfarbige Läufer. Simon wich dem Turmtausch geschickt aus und kurz darauf passierte das Unfassbare: sein Gegner hatte einen taktischen Schlag mit Figurengewinn übersehen. Damit war die Sache klar, hier würde sein Gegner würde bald die Segel streichen und uns auf 2,5-3,5 heranbringen!

Simon an Brett 8 hatte unterdessen seine Probleme gelöst, seine beiden Mehrbauern behalten und das Doppelturmendspiel auf ein normales Turmendspiel runtergekürzt. Das sollte klar gewonnen sein.

Nun lag es eigentlich nur noch an Robins Partie. Und tatsächlich: nachdem er die Mattdrohung seines Gegners abgewehrt hatte, griff dieser direkt fehl – h6?? Robin schaute sich die Stellung eine Viertelstunde lang an, rechnete bis zum Matt und antwortete mit Dg4! – dem Gewinnzug. Schwarz hätte wohl noch die Dame gegen einen Turm zurückgeben können, aber selbst dann wäre die Stellung hoffnungslos gewesen, denn Robin hatte bereits einige gesunde Bauern mehr. Stattdessen gönnte Fabian Robin das ca. achtzügige Matt und der Ausgleich war perfekt.

14.30 Uhr – Warten auf Godot

Gerade als Robin „Schachmatt“ sagte, war auf Simons Brett plötzlich nur noch einer von zwei Mehrbauern übrig. Moment mal – Turmendspiele mit nur einem Mehrbauer… da war doch was… Immerhin war dieser eine schwarze Mehrbauer schon bis nach d3 vorgerückt und hatte die Unterstützung seines eigenen Königs, während der weiße Monarch sauber vom Geschehen abgetrennt war. Eine Frage der Technik also, hätte es da nicht diese versteckte Ressource gegeben… Simons König war, wie es bei solchen Stellungen üblich ist, den Schachs des gegnerischen Turms von hinten ausgesetzt. Stellte er sich nach d2, blockierte er das Vorrücken seines eigenen Freibauers. Stellte er sich nach d1, zog Schwarz Ta7, um auf d2? mit Ta1+ den schwarzen Turm auf g1 abzuholen. Simon blieb nichts anderes, als mit dem König wieder auf die zweite Reihe zurückzukehren, und das ganze Spiel ging von vorne los. Uli und ich bemerkten früh, dass das Motiv problematisch werden und uns den Sieg kosten könnte. „Das Endspiel eiert etwas vor sich hin“, meinte unser IM lapidar. Und er sollte Recht behalten. Bis in den 85. Zug um 15.15 Uhr eierten die beiden Kontrahenten umher, während Simon wirklich alles versuchte, um die Partie noch zum Sieg zu führen. Keiner der Außenstehenden fand einen Gewinnweg und ich bin bis jetzt der Meinung, dass es nach dem Hergeben des zweiten Mehrbauern bereits keinen mehr gab. Tja, Turmendspiele halt… irgendwie das Thema des Wochenendes. Nur Remis also und 4-4. Als Simon erfuhr, dass wir bei seinem Sieg das Ding mit 4,5 gewonnen hätten, war er natürlich untröstlich. Trotzdem eine gute Leistung von ihm.

Insgesamt können wir mit dem Ergebnis natürlich gut leben, wir haben gezeigt, dass auch gegen die Topmannschaften mit uns zu rechnen ist. Dabei darf nicht vergessen werden, dass sich Weiler seit unserem letzten Aufeinandertreffen nochmal kontinuierlich verstärkt hatte – statt IM Henrichs spielte damals „nur“ FM Balacek und an 8 brachte Weiler mit Mittermeier einen Ersatzspieler – statt einem GM Plat an Brett 1. Bei uns spielten im Vergleich zum Letztrundenmatch im April Tobi Schmidt, Simon Degenhard und Nicolas Blum für Tobias Peng, Patrick Wenninger und mich.

Es war im Übrigen das dritte Unentschieden in Folge gegen Weiler – letzte Saison gab es ein 4-4, im Pokal ein 2-2 und alle drei Begegnungen verloren wir nach Berliner Wertung – hinten hui, vorne pfui. Mal sehen, wie es beim nächsten Mal läuft. Hoffen wir nur, dass uns die Glücksfee dann auch mal ein Heimspiel beschert!

 


Kommentare

Verspäteter Liveticker aus dem Allgäu — 1 Kommentar

  1. Danke für den guten Bericht, Julian! Das „Live“-Ticker-Format erlaubt auch im Nachhinein noch ein bisschen mitzufiebern, auch wenn das Ergebnis bereits bekannt war. Und vielleicht liegt im Hause Bissbort ja ein Internet-Stick unter dem Weihnachtsbaum?!

    Und Gratulation an die Mannschaft zum „Big Point“! So wie ich das sehe, schulden uns die beiden anderen Aufstiegsaspiranten Jedesheim und Stuttgart jetzt was 😉

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