Verspätete und unverhoffte Revanche

Sonntag, der 25. Juni 2017, es könnte ein großer Tag für den Heilbronner Schachverein werden. Im Halbfinale des Viererpokals des Schachverbands Württemberg empfingen wir die SF Neckartenzlingen, mit einem Sieg wären wir bei der kommenden Deutschen Pokal-Mannschaftsmeisterschaft startberechtigt.

Bevor ich dazu komme, möchte ich noch kurz auf das „Schach im Schloss“-Schnellschachturnier in Künzelsau eingehen. Neben dem guten Wetter und der damit verbundenen Spielmöglichkeit im Freien war sehr erfreulich, dass wir mit einer großen Gruppe mit einigen Kindern und Jugendlichen teilnehmen konnten. Unpraktisch waren natürlich die vereinsinternen Paarungen, sowohl bei den „Großen“ als auch bei den Kindern, solche Partien können wir auch donnerstags oder freitags spielen. Entsprechend ernst wurden die vereinsinternen Paarungen genommen, meine Partie gegen Niko war kein Lehrbeispiel (sie startete mit 1. f3 f6 2. Kf2 Kf7) und endete folgerichtig schnell remis, in anderen Heilbronner Paarungen wurden Damen, Türme und Qualitäten eingestellt. Jedoch passierten diese Einsteller nicht nur bei den Kindern…
Mit 15 (!) Teilnehmern aller Spielstärken, darunter neun Jugendlichen, konnten wir doch mit dem ein oder anderen Preis rechnen. Für die eher Schwächeren war natürlich die Erfahrung wichtig und jeder Sieg war ein motivierendes Erfolgserlebnis. Nach vorne konnten wir unseren Ambitionen nicht ganz gerecht werden, zum Einen eben wegen der vereinsinternen Paarungen, zum anderen verpassten wir es selbst, konstant gegen die Tiefergesetzten zu gewinnen, um nach ganz vorne zu kommen. Aber naja, auch ein 2100er kann eben Schach spielen!

Am Ende gab es keine Top 10-Platzierung unter 112 Teilnehmern, dennoch sahnten wir ab: Kim-Luca gewann den Ratingpreis unter 1800 DWZ mit fünf von neun Punkten, obwohl er die letzte Runde verlor. Beim Mannschaftspreis reichte es nicht für den ganz großen Wurf, die Bad Mergentheimer, getragen vom Turniersieger IM Alexander Gasthofer, spielten einfach besser. Dennoch gab es auch für den zweiten Mannschaftspreis etwas Geld und der Tag war direkt mal refinanziert. Als Geschäftsmann muss ich ja auf die Rentabilität meines Turniererlebnisses achten.

Ergebnisse (Ratingkategorien auch vorhanden).

Dann kam also der nächste Sonntag. Unsere Gegner begrüßte ich auch mit den Worten „…so glaube ich nicht, dass unsere Vereine mal aufeinandergetroffen sind“, woraufhin ich gleich mal korrigiert wurde „natürlich Enis, du warst sogar dabei!“. War ich das? Oh ja, ich erinnerte mich und konnte in den alten Schach-Nachrichten folgende Information finden:

Mit dieser Erinnerung stieg meine Motivation gleich an!


Damals war das sehr unglücklich gelaufen, für die Neckartenzlinger umso besser, denn sie schafften nach dem Erstrundensieg gegen uns den Durchmarsch und kamen ins Finale und somit auf die Bundesebene. Wir hingegen, wir schafften im KO-Pokal seit jenem 15. Mai 2010 gar nichts mehr, weder auf Bezirks- noch auf Verbandsebene, naja, zumindest bis jetzt.

Glücklicherweise gab es einen vollen Kampf vier gegen vier, nicht wie gegen Schmiden. Wir spielten etwas mit unserer Aufstellung herum, was unsere Gegner etwas zu überraschen schien, während sie fast wie erwartet aufgetreten sind:
Zuferi – Tscharotschkin, M.
Pogan – Hallmann
Tschlatscher – Guski
Stürmer – Häußler

Wir gingen an Brett drei von A. Tscharotschkin und dafür Guski an vier aus, aber auch das war uns recht. Im Vergleich zum Spiel in 2010 waren gleich drei Neckartenzlinger wieder im DGB anwesend, während nur meine Wenigkeit den Münzwurf von 2010 miterlebt hatte. Von der DWZ her waren wir natürlich favorisiert (2233 Schnitt gegenüber 2019 Schnitt), immerhin hatten wir dieses Argument auf unserer Seite. Die Partien entwickelten sich dennoch teilweise sehr spannend mit einigen Möglichkeiten eines Aufregers.

Robin ließ sich freiwillig an vier aufstellen und schaffte es, selbst in einer normalen Eröffnung ein Robin-Experiment durchzuführen. Leider musste er selbst die Notbremse ziehen, da seine geplante Figurenaufstellung gravierende Nachteile nach sich gezogen hätte. In der Folge stand Robin aufgrund des weißen Zentrums leicht gedrückt und versuchte, den Vormarsch des Zentrums mit aktivem Figurenspiel aufzuhalten. Der Trend zeigte in Robins Richtung, der totale Wendepunkt befand sich in folgender Stellung:


Robin hat gerade …Sg5 gezogen (die Engine wollte gefühlt schon zehn Züge davor …c5 ziehen) und die Partie war gleich vorbei, 22. Ld3? (wehrt zwar …Sxf3 ab, aber…) Sh3 23. De1?? Lxd3 Aufgabe 0:1 in Anbetracht von 24. Txd3 Dxe1+ 25. Txe1 Sf2+ mit Turmgewinn. Natürlich ist mit der weißen Stellung alles in Ordnung, denn 22. Sg1 wehrt alles ab, ganz engine-like. Gut, beschweren wir uns mal nicht.

Wenig später war ich dann auch fertig, mein Gegner (über 500 Partien in der Datenbank) überraschte mich mit seinem dritten Zug schon, denn 1. d4 2. Sf3 3. c4 konnte kaum die Zugfolge sein, die zum Londoner System führt (seine zweite Haupteröffnung nach 1. e4). Ganz theoriefest war Weiß dann auch nicht, gab es im zehnten Zug eine theoretische Ungenauigkeit. Dieser begegnete ich prinzipiell und schon früh gab es einen kritischen Moment:


Hier gibt es viele verlockende Optionen für Schwarz, unter anderem zwei Damenopfer:
a) Das „einfache“ Damenopfer 12…Dxb5 13. Lxb5 Lxg2 war möglich, ich sorgte mich vor allem um 14. d5! 0-0-0 15. Db2! mit dem Versuch, das Material zu ignorieren und meinen durchaus luftigen König unter Beschuss zu nehmen. Ich sah, dass auf Db2 noch 15…Sb4 ging, jedoch dachte ich, dass 16. Lxc5 darauf entscheidend sein würde und brach die Berechnung ab. Der Kracher wäre 16…Sxd5!! gewesen, mit der Drohung Lxc3+ mit Damengewinn. Nach 17. exd5 Lxh1 18. Lxa7 wäre ich objektiv im Vorteil, müsste aber etwas auf meinen König aufpassen. Kümmert sich Weiß vorher übrigens um seinen Turm oder spielt Lxc6, stehe ich einfach besser, da sein Zentrum auseinanderfällt (e4 hängt auch).
b) Das „zauberhafte“ 12…cxd4 mit der Idee 13. Txa5 dxe3 14. Dxe3 (Dd3 ist besser, woraufhin Lxg2 oder Lxe4 besser sind als Lxe2) Lxe2 15. Kxe2 Sa5 -+ (hier würde Db5+ gehen, wenn Weiß 14. Dd3 spielen würde). Hier hatte ich Probleme mit 13. Ld4!? und dachte, dass ich einfach verlieren würde, da ein Damenzug erzwungen scheint. Dabei ignorierte ich vollkommen, dass ich temporär eine Figur mehr hatte, also würde 13. Ld4 Dc7 14. Lxg7 Lxg2 15. Tg1 Tg8 einfach gehen und ein Mehrbauer bleibt auf meiner Seite.
Schlussendlich entschied ich mich für 12…Da4, auch ein ordentlicher Zug. Einmal war ich unaufmerksam und mein Gegner hätte ein besseres Endspiel erzwingen können, glücklicherweise machte er den zweiten vorm ersten Zug und ich konnte seine Figuren förmlich in Zwangsjacken stecken. Am Ende gewann ich durch einen taktischen Knall:


Weiß spielte hier 23. a5, welcher sofort verliert, aber auch so ist seine Stellung nicht zu beneiden. Welche forcierte Kombination führt zum Sieg?

Robin witzelte schon, dass wir jetzt nur noch durch das Los verlieren könnten, aber darauf wollten wir es natürlich nicht ankommen lassen.
Niko räumte alle Restzweifel aus dem Weg. Seine Partie könnte fast eine Lehrbuchbehandlung des Stonewalls aus weißer Sicht sein, die Engine ist nur an wenigen Stellen mit seiner Zugwahl leicht unzufrieden. Schlussendlich setzte er auf den Vorteil „guter vs. schlechter Läufer“ und während sein Läufer zusammen mit seiner Dame den Mattangriff vollendete, blockierte der schwarze Läufer den eigenen Monarchen tödlich:


Mit seinem Zug Lc6 bewegte Niko seinen Gegner hier zur Aufgabe.

Am Ende steuerte Thomas noch ein Remis bei. Sein Gegner stellte „einfach“ einen Bauern ein, jedoch blieb Schwarz nicht ohne Kompensation. Dies alles brachte Thomas so sehr aus dem Konzept, dass er einen Damentausch ablehnte (bei klarem Mehrbauern) und in der Folge viel zu passiv spielte. Kurz vor Zug 40 hatte er mit einem an sich schlechteren Endspiel zu kämpfen (Rand-Freibauer im Dame/Springer-Endspiel), es wurde aber schnell Remis vereinbart, da die Partie an sich keinen Einfluss auf das Ergebnis hatte.

Sieg! 3,5:0,5 gegen Neckartenzlingen bedeutet nicht nur, dass wir um den Pokal spielen werden (gegen Oberliga-Mitstreiter Weiler), dank der Regularien sind wir jetzt schon für die Deutsche Pokal-Mannschaftsmeisterschaft qualifiziert. Ein wirklich großer Tag für den Verein, zum ersten Mal dürfen wir an diesem Wettbewerb teilnehmen. En marche! Moment, darf ich diesen Ausruf ohne Copyright-Bedenken überhaupt verwenden?

Viererpokal SVW.


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