Gold, Silber, Bronze, Blech

Knapp am Podium vorbeigeschrammt bin ich bei der Offenen Baden-Badener Stadtmeisterschaft, die als sechsründiges Turnier über das Faschingswochenende im Kulturhaus LA8 an der weltberühmten Flaniermeile „Lichtentaler Allee“ ausgetragen wurde. Trotzdem kann ich mit dem Turnier zufrieden sein. Drei Siege, drei Remisen und endlich mal wieder nicht verloren. Ich hatte schon fast vergessen, wie sich das anfühlt. Aber der Reihe nach.

Zur ersten Runde fanden sich am Faschingssamstag knapp 70 Spieler im lichtdurchfluteten, kronenleuchterbehangenen und stuckverzierten Kristallsaal des LA8 ein – nur um drei Tage über den Brettern zu brüten, wo sonst klassische Konzerte und Veranstaltungen ähnlicher Prägung ausgetragen werden. Ein tolles Ambiente also, aber mit der Freigabe der ersten Runde zählten natürlich nur noch die 64 Felder.

Als an 7 Gesetzter kam ich in der ersten Runde mit Schwarz natürlich gegen einen nominell schwächeren Gegner, einen gerademal 9-jährigen Knirps von den Karlsruher SF, der erst seit 3 Jahren Schach spielte, es aber schon auf die beachtliche Zahl von 1400 gebracht hatte. Er spielte schnell und hielt den Laden gut zusammen, auch wenn ich mit Schwarz im Sizilianer leicht ausgleichen konnte. Nach knapp 20 Zügen hatte ich einen leichten Stellungsvorteil und da folgte auch schon der spielentscheidende Fehler, sodass ich Material gewann und in der Folge auch keine Probleme hatte, dieses zu verwerten.

Ein gutes Warmup also, und so hätte es auch gerne weitergehen können, doch wurde mir schon in Runde 2 von einem weiteren Youngster aus Gernsbach (~1650) so richtig eingeheizt. Mit Weiß wählte ich die Hauptvariante im Italiener, wo man den weißfeldrigen Läufer auf d5 geben muss, um beide Bauern und den schwarzen Springer auf e4 wieder zurückzubekommen. Keine gute Eröffnungswahl, zumal mein Gegner genau wusste, was er tat. So entschied er sich dann irgendwann, eine Nebenvariante einzuschlagen, die ich noch nie gesehen hatte. Prompt musste ich mich einiger heftiger Attacken auf meinen Turm erwehren und investierte mal wieder (zu) viel Zeit, um nicht auch noch Material zu verlieren. Hier geriet ich dann auch in die schlechteste Stellung meines gesamten Turniers:

Hätte mein Gegner mit Schwarz hier nicht den Turm, sondern den Läufer nach d8 gezogen und so das Läuferpaar behalten, hätte ich in der Partie wohl nicht mehr viel zu Lachen gehabt. Zum Glück für mich folgte …Td8; Sd1-c3 Ld6 mit Rückgabe des Läuferpaares. Somit war die Stellung wieder ausgeglichen und kurze Zeit später wähnte ich mich schon im Vorteil, merkte dann aber, dass ich einen schweren Rechenfehler begangen hatte. So musste ich wieder zu einem passiven Zug greifen, der alle Siegambitionen zunichte machte. Im Turmendspiel versuchte ich dann, noch zu zocken und heimste sogar noch einen Mehrbauern ein, mein König aber stand so passiv auf g1 rum, dass mir nichts anderes blieb, als im 37. Zug die Züge zu wiederholen. Damit konnte ich sogar noch zufrieden sein, denn ich hatte nur noch 16 Sekunden auf der Uhr und es gab bei diesem Turnier – außer natürlich dem 40-Züge-Checkpoint – kein Inkrement pro Zug.

Für Runde 3 hoffe ich auf einen nicht ganz so jungen und dynamischen Gegner, natürlich bekam ich mit Ondrej Vadila aus der Slowakei gleich das nächste Nachwuchstalent (~1800 und bereits 2 aus 2). Mit Weiß wollte er unbedingt in eine Maroczy-Struktur, was ich nicht wollte. Ich wollte aber auch keinen normalen Drachen mit heterogenen Rochaden und so blieb mir nur, bei der Zugreihenfolge etwas zu tricksen. So befanden wir uns beide bereits nach den ersten 4 Zügen auf unbekanntem Terrain. Hier die Stellung nach dem 7. Zug von Schwarz Dc5:

Bisher war tatsächlich alles soweit spielbar gewesen. Nun griff mein Gegner mit 8. b4? fehl und ich konnte den Mehrbauern recht einfach konservieren. Nachdem er einige Zeit lang vergeblich auf Damenfang gegangen war, konnte ich noch eine Qualität gewinnen. Dann aber begann erst die eigentliche Schwierigkeit, denn die Stellung war für meine Türme zu geschlossen und es waren einige Löcher entstanden, in die die gegnerischen Leichtfiguren eindringen konnten. Bei hochgradiger Zeitnot fand ich mal wieder nicht die allerbesten Züge, hatte dann aber das Glück, meinen Turm im richtigen Moment für einen „Springer-Kraken“ auf c6 plus einen Bauern zurückgeben zu können. Nach der Zeitkontrolle blieben damit zwei glatte Mehrbauern und ich musste nur noch ein bisschen manövrieren, um die Damen zu tauschen und ins gewonnene Turmendspiel einzulenken. Ich war froh, als diese Nuss geknackt war. Mein Gegner gewann die darauffolgende Runde mühelos und schlug eine Runde darauf noch einen 2000er, sodass er in der letzten Runde mit 4 aus 5 sogar noch ein Brett vor mir spielte!

Für mich ging das Turnier eigentlich jetzt erst los, hatte ich doch bisher nur nominelle „Pflichtaufgaben“ zu bewältigen gehabt. Mit Weiß wurde ich gegen Simon Klotz (~2000) gelost, einen äußerst sympathischen Gegner, der in Freiburg studiert und für seinen Heimatverein Meßkirch spielt. Mit Schwarz wählte er Russisch und machte keine Anstalten, seinen auf e4 eingepflanzten Springer wieder zurückzuziehen. Richtig wohl fühlte ich mich als Weißer angesichts des im Zentrum zementierten Gauls anfangs nicht, das änderte sich aber schlagartig, als Schwarz lang rochierte. Damit war mein Plan klar: b4, dann b5, und dann meinen eigenen Springer auf e5 plantieren und seinen dann mittels f3 vertreiben. So kam es nach dem 15. Zug von Schwarz zu folgender Stellung:

Schwarz hat soeben Dd6-c5 gezogen. (Dxe5 war wegen 16. f3! nicht möglich gewesen. Dg6 wäre wohl am Besten gewesen, denn 16. f3?? wäre dann wegen Db6+ nicht gegangen.)

Was sollte Weiß hier ziehen? Auf f2 hängt es, genauso auf c3. Und der eigentliche Plan mit f3 geht auch nicht, da der Bauer gefesselt ist. Ich bitte um Eure Meinungen! 😉

Ein kleiner Tipp vornweg: Sb1 ist es nicht. Der ist gut, aber nicht der Beste. Dabei war ich nach (zugegeben – schon während 😉 ) der Partie so stolz darauf gewesen – deckt gleichzeitig f2 und c3, droht gleichzeitig Le3 und La3! Was will man denn mehr?

Kurze Zeit später kam es dann zu folgender Stellung:

Mein letzter Zug mit Weiß war 20. Da4! Sieht nach plumper Drohung auf a7 aus (ist es auch), aber der Zug erfüllt noch einen ganz anderen Zweck. Denn die weiße Dame schielt ganz weit nach rechts… So kam es dann auch, Schwarz verteidigte logisch mit Sc8? und ich konnte mit 21. Dxg4! die Partie entscheiden. Der Trick ist, dass nach dem Damentausch auch noch der schwarze Springer auf g5 hängt. Es hätte nur eine Möglichkeit gegeben, die Doppeldrohung abzuwehren. Im Diagramm muss Schwarz d4 spielen um beide Drohungen zu blockieren. Aber auch dann steht er schlecht – und den ins Feld geworfenen Bauern gibt’s für Weiß zum Nulltarif.

Mit der Verwertung der Mehrfigur hatte ich – bei zum Glück ausreichend Zeit – dann keine Probleme mehr.

So ging es mit 3,5 aus 4 in den letzten Turniertag. Mit Schwarz spielte ich gegen Michael Spieker (~2050), wieder Sizilianisch. Nach 15 Zügen hatte ich bereits ausgeglichen (Weiß hatte sich genötigt gesehen, auf f6 Springer zu tauschen) und wollte dann natürlich mehr:

Mit Schwarz hatte ich gerade den Springer nach c4 gestellt, um dem weißen Läuferpaar auf die Pelle zu rücken. Auf Lh6 hatte ich Db6 geplant. Stattdessen erwischte mich 17. a4! kalt. Nun öffnet sich die a-Linie und Schwarz droht ein Bauernverlust. Zum Glück fand ich die richtige Abwicklung, die fast forciert ins gleichwertige Endspiel führt: 17….Sxe3! 18. axb5 Db6 19. Dxe3 Lxd4! 20. Dxd4 Dxd4 21. cxd4 Txc1+ 22. Txc1+ Lxb5 =, denn Weiß kann aus der siebten Reihe keinen Profit schlagen.

Die letzte Runde hielt für mich Vladimir Schulz (~2100) von den Karlsruhe SF bereit. Um den Turniersieg ging es für mich nur noch sehr theoretisch, denn an Brett 1 standen sich Lukas Pfatteicher mit 4,5/5 und Stefan Doll 4/5 gegenüber, die beide eine hohe Buchholzwertung aufwiesen. Trotzdem wollte ich natürlich sehen, ob sich mit Weiß nicht noch eine Chance ergäbe, zumindest aufs Treppchen vorzustoßen. Mein Gegner wählte Skandinavisch mit 2…Sf6. Aus der Datenbank wusste ich, dass er sonst immer Sizilianisch gespielt hatte. Aber da auch ich mich nicht allzugut in der Variante auskannte, spielte ich bald etwas unorthodox g3!? um den Läufer auf die lange Diagonale zu bringen. Meine Lockerungsübungen (die Löcher auf g2, f3 und e2 sahen zwischenzeitlich mehr als verdächtig aus) veranlassten meinen Gegner dazu, den ultimativen Stresstest zu versuchen und mich direkt anzuspringen.

So entstand nach 10. Dxc7! von mir als Weißer folgende scharfe Stellung:

Nun drohen unmittelbar Dc8# (falls z.B. Dxh1??) oder Lb5+ (falls z.B. Sa6??). Und auch auf Dc6?? folgt Lb5!, da Schwarz den Läufer wegen des Matts auf c8 nicht schlagen darf. Bleiben also noch die logischen Springerzüge Sc6 und Sd7.

Tatsächlich hätte Sc6?? nach 11. Lb5!! Dxh1+ 12. Ke2 Dxa1 13. Lxc6+ eine langfristige Gewinnstellung für Weiß erzwungen (in der Partie hatte ich die Folge als „Dauerschach-Remis“ eingestuft). Der Trick ist, dass Weiß zunächst den kompletten schwarzen Damenflügel abräumt, dann mit Läufer und Dame ein Mattnetz spinnt, das Schwarz nur verhindern kann, wenn er seinen kompletten Königsflügel noch hinterheropfert. Die komplette forcierte Abwicklung geht fast 25 Züge lang!!! Ob mein Gegner das am Brett sah oder nicht sei mal dahingestellt.

Es folgte also korrekt 10…Sd7, woraufhin 11. Tg1! die richtige Antwort war. Während ich noch fierberhaft darüber nachdachte, wie es wohl nach 11…e6 12. Lg2! Lb4+ 13. Kf1 Df5 14. Lxb7 weitergehen würde, zog mein Gegner das schwache 11… Dh5? und bot Remis. Hier die Stellung:

Wer mitgezählt hat, weiß, dass ich das Angebot am Ende doch angenommen habe. Einfach fiel es mir nicht, denn ich wusste, dass die Stellung mindestens besser, wenn nicht sogar gewonnen für mich war. Meine erste Eingebung war, die Dame mit g4 weiter zu beackern, um so vielleicht doch zu Lb5 zu kommen. Als ich die korrekte Fortsetzung dann gefunden hatte (12. Tc1! mit Mattdrohung und falls 12…e6 einfach 13. Dxb7! mit der Idee Tc8+) hatte ich nur noch 13 Minuten auf der Uhr, und es waren ja noch ganze 29 Züge zu spielen. Und obwohl Weiß laut Engine ungefähr +2,5 steht, muss man sich um den weißen König Sorgen machen. Wenn z.B. in obiger Fortsetzung Schwarz einfach mit 13…Td8 verteidigt, so folgt auf 14. Tc8? das giftige Lb4+! und Weiß hat ein Problem. Und selbst wenn er das korrekte 14. Lb5! findet, so kann Schwarz mit 14…Ld6 die Rochade oder Ke7 vorbereiten und Weiß hat keinen offensichtlich sinnvollen Zug. Schwarz hingegen kann abwarten, was Weiß macht und bei knapper weißer Zeit sogar ein Wegrochieren mit Opfern des Springers auf d7 in Erwägung ziehen.

4,5 Punkte und eine ordentliche Buchholzwertung (mit Ausnahme meines Erstrundengegners, der als Streichwertung sowieso verfiel, hatten alle meine Gegner am Ende 4 aus 6) reichten zu Platz 4 und 80€ Preisgeld. Das Turnier gewann Lukas Pfatteicher (Karlsruher SF) mit starken 5,5 aus 6 vor Andreas Vinke (ebenfalls Karlsruher SF, 5 aus 6) und Veaceslav Cofman (SC Untergrombach, 4,5 aus 6).

Hier noch der Link zum Turnier: http://chess-results.com/tnr257735.aspx?lan=0&art=1&rd=6&wi=821

Ein insgesamt sehr schönes und rundes Turnier, das mir Mut macht für die ausstehenden Oberliga-Begegnungen. Vielleicht klappt’s ja dann doch noch mit einem Sieg.

 


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