Wo eine Serie hält, reißt eine andere (Teil 2) – oder: Was wir von Magnus Carlsen noch lernen können…

…Nein, eben nicht, jede Partie Remis zu spielen. Sondern zäh zu bleiben bis zum letzten Stein und auch Stellungen mit hoher Remisbreite auf Sieg zu kneten. Aber der Reihe nach.

Das weitaus bedeutsamere Spiel an diesem Wochenende fand am Sonntag, den 13.11. statt. Zuhause ging es gegen den SK Bebenhausen, eben der Mannschaft, die eigentlich im vorangehenden Jahr aus der Oberliga als Tabellenletzter abgestiegen war. Durch ein in unseren Augen mehr als zweifelhaftes „Gnadengesuch“ (von dem mittlerweile bekannt ist, dass es bei den meisten Mannschaften der Oberliga auf eindeutige Ablehnung stößt) war ihnen jedoch von Verbandsspielausschuss und SVW-Präsidium der Verbleib in der Oberliga gestattet worden. Dazu wurde die Oberliga vorübergehend auf 11 Mannschaften aufgestockt, was bedeutet, dass es in der aktuellen Spielzeit einen Absteiger mehr geben wird, als es ohne diese Aufstockung gegeben hätte. Gegen diese Aufstockung hatten wir als potentiell betroffener Verein beim Verbandsgericht Protest eingelegt, welcher in der Folge abgewiesen wurde – jedoch nicht etwa, weil die Oberliga-Aufstockung vom Verbandsgericht als „fair“ oder „inhaltlich sinnvoll“ gewertet wurde, sondern weil es befand, der VspA und das Präsidium hätten mit ihrer Entscheidung ihre Befugnisse nicht überschritten. Keine Kritik am Verbandsgericht an dieser Stelle, dessen Aufgabe tatsächlich ausschließlich darin bestand, etwaige Kompetenzüberschreitungen der Entscheidungsträger zu überprüfen. Natürlich haben wir als Heilbronner SV die Ablehnung des Protests akzeptiert; die Möglichkeit zur Berufung gab es meines Wissens erst gar nicht. Gleichzeitig aber stellt sich doch die Frage, warum es kein Gremium gibt, das nicht nur Befugnisfragen klärt, sondern die „Sinnhaftigkeit“ und die Auswirkungen solcher weitreichenden Entscheidungen inhaltlich überprüft?

In jedem Fall wird nun am Ende der aktuellen Spielzeit ein zusätzlicher Verein (wahrscheinlich der Vorletzte) aus der Oberliga absteigen. In der darunterliegenden Verbandsliga wird dadurch ebenfalls ein Verein mehr absteigen. In der darunterliegenden Landesliga wird ebenfalls ein Verein mehr absteigen und so weiter. Die „Absteigerkaskade“ wird sich damit bis hinunter in die unterste Liga ziehen, und es wird damit Vereine treffen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal davon wissen, dass sie von der vorübergehenden Aufstockung der Oberliga betroffen sein könnten. Dass es dafür am Ende der letzten Saison durch den Nichtabstieg Bebenhausens auch eine „Aufsteigerkaskade“ gab, von der in den meisten Fälle ganz andere Vereine profitierten, wird für die betroffenen Vereine dann nur ein schwacher Trost sein…

Aber verlassen wir nun das Vorgeplänkel und widmen wir uns dem Spielgeschehen: Ohne ihr Spitzenbrett, dafür mit drei, durch eine Art „kalter Fusion“ mit dem SV Tübingen, hinzugestoßenen langjährigen Oberligaspielern boten uns die Bebenhausener eine Mannschaftsaufstellung, die nominell auf Augenhöhe war mit der unseren. Dabei stellten wir mit einem Rating-Schnitt von über 2170 die wohl nominell stärkste Erste Mannschaft der letzten 40 Jahre.

Unsere französische Wunderwaffe Nicolas begann seine Weißpartie an Brett 4 gegen Farhad Khadempour zunächst mit einem typisch französischen Isolani auf d4, tauschte diesen jedoch bald auf e5 ab und kreierte damit einen schwarzen Isolani auf d5, der jedoch leider gleichzeitig ein Freibauer war und dem Schwarzen starkes Figurenspiel ermöglichte. Kurz darauf kam Nicolas auch schon unter die Räder, denn der schwarze Freibauer begann, vorzupreschen und die ohnehin schon schlecht koordinierten weißen Figuren noch mehr auseinanderzutreiben. Mit dem feinen Lg4! machte sich Schwarz dann auch noch Nicolas‘ Grundreihenschwäche zu Nutze und so blieb Nicolas nichts anderes übrig, als seine allererste Niederlage für uns zu quittieren. Mit dieser Serie riss leider noch einer andere, und zwar diejenige, die besagt, dass wir als Mannschaft nicht verlieren können, solange Nicolas für uns am Brett sitzt.

Und auch unser bisheriger „Seriensieger“ Robin erwischte keinen guten Tag, dabei begann seine Schwarzpartie gegen Andreas Carstens an Brett 5 eigentlich recht aussichtsreich. Bei heterogenen Rochaden ließ er sich früh einen isolierten Doppelbauern auf der f-Linie machen, an dem vorbei er seinen Angriff auf den weißen König organisieren wollte. Ein wohl zu großes Vertrauen in seine eigene Stellung führte dazu, dass er die Überführung seines Angriffs-Springers über g6 nach h4 wählte, während dieser wohl zunächst nach e6 und später wenn möglich nach g5 gehört hätte. Bei den folgenden Angriffsbemühungen ging der Doppelbauer auf f5/f4 kompensationslos verloren (wahrscheinlich hatte er das weiße Dxf4 übersehen) und Robin fand sich in einem verlorenen Endspiel wieder, das auf Sicht nicht zu halten war. So riss auch diese Serie und wir standen bereits mit dem Rücken zur Wand.

Etwa zur gleichen Zeit einigte sich Adam an Brett 6 mit seinem Gegner Boris Latzke auf Remis durch dreifache Stellungswiederholung. Was war passiert? Adam hatte seinen Gegner in der Eröffnung mit Weiß einwandfrei überspielt und kontrollierte die offene d-Linie und das Feld d6 mit gleich 4 Figuren. Statt mit dem Springer von f5 nach d6 und zurück zu schaukeln hätte er mit dem Turm auf d6 einbrechen, und Druck auf den rückständigen schwarzen Bauern auf c6 machen können. Hätte Schwarz versucht, den Bauern zu halten, wäre Adams Stellung nach dem anschließenden Db2! wohl schon im Bereich + – gewesen. Aber auch mit dem Springer auf d6 hätte Adam mit dem positionellen Db2 oder – noch stärker – a3! einen Materialvorteil herausspielen können. Adam schrieb mir hinterher, dass er die konkreten Gewinnvarianten nicht gesehen hatte und war darüber selbst am Untröstlichsten. Verständlich, denn hier wäre ein Sieg im Bereich des Möglichen gewesen. Kopf hoch, wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen (und remisieren zusammen…).

So stand es lange 2,5 zu 0,5 gegen uns bis unser Neuzugang Niko für den Anschluss an Brett 3 sorgte. Mit Schwarz (anscheinend können wir nur mit Schwarz ganze Punkte einfahren – noch so eine dubiose Serie) besiegte er Altmeister Christoph Frick und zeigte dabei, wie geduldig und nachhaltig seine Partieanlage ist. Exemplarisch dafür sei hier der Weg seines Königsspringers nachgezeichnet: g8 – f6 – g8 – e7 – c6 – e5 – c4 – a5 – c6 bevor er sich dann im 24. Zug auf d4 gegen einen Läufer abtauschte. Partieentscheidend war hier letztendlich der Minoritätsangriff mit anschließendem Schwerfiguren-Durchbruch am Damenflügel. Weiter so!

An Brett 8 hatte ich mit Weiß gegen Joachim Kitzberger, einem alten Bekannten aus der Jugendzeit, einen Partieverlauf wie noch selten zuvor. Wer mich kennt, weiß, dass ich den Vorteil, den ich in der Eröffnung und im Mittelspiel oft herausarbeite, entweder in Materialvorteil ummünzen kann und dann noch vor dem Übergang ins Endspiel den vollen Punkt einheimse, oder aber bei schlechter Zeit den Faden verliere und die Stellung dann unaufhaltsam den Bach runter geht. In dieser Partie brachte ich das Kunststück fertig, einen Vorteil gleich dreimal herauszuspielen und wieder zum Ausgleich zu vergeben: im Skandinavier konnte ich als Weißer mit raumgreifenden Zügen wie d4, c4 und b4 zunächst eine bequeme Stellung erreichen (natürlich investierte ich dafür massig Zeit). Um die nötige Schärfe in die Partie zu bringen, bot ich meinem Gegner einen vermeintlichen Gratis-Bauern am Damenflügel auf Kosten der Schwächung seiner Königsstellung an. Joachim nahm den Bauern nicht und schwächte seine Königsstellung trotzdem, was mich zu der vermeintlich logischen Annahme verleitete, den Bauern nun genauso gut behalten zu können. Tatsächlich hätte es hier eines konsequenten Vorgehens am Königsflügels bedurft – das Qualitätsopfer, zu dem es laut Engine nach dem öffnenden 19. f4! womöglich kommt, hatte ich jedoch nie wirklich auf dem Schirm. Der erste Vorteil war damit dahin, aber gefühlt war ich nach wie vor am Drücker. Nach 26 Zügen nutzte ich dann die Möglichkeit, in ein vorteilhaftes Endspiel abzuwickeln. Natürlich hatte ich an der entscheidenden Stelle nicht mehr ausreichend Bedenkzeit, um die weitreichenden Folgen des Gewinnzugs 30. Txb7! richtig abzuschätzen (Schwarz erhält zunächst einen Mehrbauer, kann den rollenden weißen b-Bauern aber nur unter großen Verlusten aufhalten). Stattdessen entschied ich mich zum Turmtausch, um nicht das Risiko einer Niederlage einzugehen. Der Vorteil war damit erneut dahin und ich musste mich im Leichtfiguren-Endspiel mit Läufer gegen Springer ganz schön strecken, um meine Bauernmehrheit am Damenflügel nicht dem herannahenden schwarzen König auszuliefern. Das Manövrieren trug bald Früchte und ich hatte meinen König kurz nach der Zeitkontrolle bereits in greifbarer Nähe des Damenflügels postiert. Nach 46 Zügen hatte ich die Möglichkeit, meine Königsbauern ihrem Schicksal zu überlassen und dem letzten verbliebenen Freibauern am Damenflügel zur Umwandlung zu Hilfe zu eilen (bis jetzt ist mir nicht eindeutig klar, ob dies eine Gewinnchance geboten hätte). Ich entschied mich wiederum für den „safe way“ und hatte kurze Zeit später sogar eine noch vorteilhaftere Stellung. So langsam kam ein Gewinn wieder in den Bereich des Möglichen, allerdings musste ich bei jedem Zug aufs Neue abwägen, ob ich die Stellung „zocken“ oder „halten“ sollte, so z.B. bei der Frage 51. Kc5? oder c7!, ebenso bei 52. Kc5!? oder Lg7!? Wahrscheinlich hatte ich tatsächlich jedes Mal die richtige Entscheidung getroffen, allerdings knickte ich irgendwann unter dem nervenzehrenden Hin und Her und der knappen Bedenkzeit von unter einer Minute ein und zog nach 52 Zügen die Remis-Reißleine in einer Stellung, die mir einen glatten Mehrbauern beschert und ein Weiterspielen eigentlich geboten hätte. Womöglich hatte auch meine Niederlage gegen Schwäbisch Gmünd in Runde 2 tiefere psychische Spuren hinterlassen, als ich bei ausgeglichener Stellung das Remisangebot meines Gegners aufgrund des Mannschaftsergebnisses ablehnen musste und prompt verlor. Dass mein heutiger Gegner bei ausreichender Bedenkzeit die Stellung wahrscheinlich ohnehin Remis gehalten hätte, ist da nur ein schwacher Trost. Mit meinem halben Punkt steuerte im Übrigen ich zu einer weiteren traurigen Serie bei: und zwar, dass wir in der bisherigen Oberligasaison unsere Remisen nur in besseren, oder zumindest gleichwertigen Stellungen gemacht haben (wenn man von Enis‘ halbem Punkt gegen Jedesheim mal absieht). Auch diesen Schuh müssen wir uns anziehen. Ich trage meinen schon die ganze Woche, auch wenn ich seit Karjakins Mehrbauer-Remis gestern Abend wieder etwas besser schlafen kann.

2 zu 3 also der Zwischenstand. Aber noch gab es Grund zur Hoffnung: Enis hatte zwei Minusbauern auf dem Brett, Jürgen und Uli dafür je einen Mehrbauern. Jürgen war mit Schwarz am Damenflügel bereits in die weiße Stellung eingebrochen und hatte gleichzeitig seinen Königsflügel umsichtig verteidigt, bis zu dem Moment, als ihm sein Gegner Jürgen Eugen Roth einen weiteren Mehrbauern auf h6 zum Fraß vorwarf, den Jürgen allerdings als vergiftet einschätzte. Aus dem folgenden weißen Klammergriff (schwarzer König auf h8, weißer Turm auf g7) sah Jürgen keinen sinnvollen Ausweg und so wurden leider auch hier nur die Züge wiederholt. Die Engine deckt humorlos gleich zwei mögliche Gewinnwege der Schlussstellung auf: den thematischen Bauerndurchbruch b4 und das subtile Lf8, das zwangsläufig mindestens zu Qualitätsgewinn führt. Schade!

An Brett 2 kämpfte Enis unterdessen gegen das Bebenhausener DWZ-Schwergewicht Rudi Bräuning. Mit Weiß hatte er in der Eröffnung das logische Ld2 verpasst, da er seine Dame erst nach d4 entwickeln wollte. Leider hätte diese wohl ohnehin nach c2 gehört. So konnte Schwarz recht ungehindert ein starkes Figurenspiel aufziehen, unter anderem mit Sf5 die Dame von d4 vertreiben, zwei Bauern gewinnen und nach einigen Abtauschen ins ungleichfarbige Läufer- plus Turm-Endspiel gehen. Vielleicht hätte es hier für Enis irgendwo noch eine Möglichkeit gegeben, den aktiven weißen Wanderkönig einzusperren und eine Art Festung zu errichten. Leider half Enis alles löwenhafte Kämpfen nichts und nachdem Schwarz einen seiner mittlerweile 3 Mehrbauern ins Rollen gebracht hatte, blieb nur die Aufgabe.

Die Fahne hoch hielt an diesem Tag unser IM an Brett 1 – natürlich ebenfalls mit Schwarz. Lange Zeit war in seiner Partie mit beiderseitigen langen Rochaden gegen Georg Braun nicht klar, wer wem zuerst einen Bauern abluchsen würde. Nachdem bereits sehr viel getauscht war, hatte es Ulrich schließlich vollbracht, die weiße Königsstellung zu zertrümmern und den am Ende spielentscheidenden Mehrbauern einzufahren. Auf dem Weg zur Umwandlung des Mehrbauerns ließ er allerdings laut Engine noch mindestens einmal die Möglichkeit eines weißen Dauerschachs zu – was nicht heißen soll, dass es Georg oder irgendjemand anderes von uns gesehen hätte… Interessanterweise hatte ich mit Uli noch vor dem Match darüber gesprochen, dass es beim Schach oft die fünfte Spielstunde ist, die über den Unterschied zwischen starken und wirklich starken Spielern entscheidet. Uli hatte es an diesem Tag in seiner Partie eindrucksvoll vorgemacht.

Damit endete der Mannschaftskampf mit einem äußerst unglücklichen 3,5 zu 4,5 gegen uns. Mangelnde Erfahrung? Sicher. Mangelndes Glück? Vielleicht auch ein bisschen. Mangelnde Qualität? Ich denke nicht. Wir hatten uns ausreichende Chancen auf den Sieg erspielt, vor allem an den hinteren drei Brettern. Das sollte uns zuversichtlich stimmen, auch wenn uns die so herbeigesehnte „poetische Gerechtigkeit“ an diesem Tag verwehrt blieb. Hoffen wir nur, dass wir am Ende nicht ausgerechnet Vorletzter werden…

Am 4.12. gegen Böblingen I heißt es dann wieder, das Messer zwischen die Zähne zu nehmen und vor allem anderen: zäh bleiben!


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