Licht und Schatten über Pfingsten

Dabei meine ich nicht das Wetter, welches sich in der Zeit mehr als wechselhaft gezeigt hat. Musste ich Anfang der Woche teilweise noch mit Hemd, Unterhemd und leichter Jacke herumlaufen, konnte ich gestern wieder in T-Shirt und kurzer Hose rausgehen. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen scheint es noch wärmer als gestern zu sein…

Fangen wir in Krefeld an. Dort hatte sich Thomas Tschlatscher als Einzelkämpfer gemeldet. Es fing auch gar nicht gut an, so „erarbeitete“ er sich gegen zwei deutlich schwächere Gegner (1600 und 1750) verlorene Stellungen und kam noch mit zwei Remis davon. Es folgten zwei Pflichtsiege gegen ähnlich gewertete Gegner und so kam Thomas endlich mal in Tuchfühlung mit den vorderen Brettern. Mit einem Schwarzsieg gegen einen Spieler mit 2170 landete er gleich einen ersten Coup. In Runde 6 zerlegte er einen Gegner mit 2270 nach allen Regeln der Kunst. Jener Gegner hatte eine lange Pause hinter sich, nahm vorher aber an Jugend-Europameisterschaften teil und spielte dort auch gegen einen gewissen Peter Leko! Sollte sich hier der Sulzfelder Erfolg wiederholen?
Das Ergebnis dieser Aufholjagd war das „Herunterlosen“ gegen IM Dmitriy Stets (2350, 4.5 Punkte). Objektiv betrachtet entwickelte sich die Partie auch wie gedacht, der IM überspielte Thomas langsam, aber sicher. Als dann ein gewonnenes Turmendspiel erreicht wurde, hielt Thomas sich am letzten Strohhalm fest und sein Gegner übersah einige (manchmal auch offensichtliche!) Gewinnmöglichkeiten, sodass Thomas noch mit einem Remis davonkam. Das bedeutete einen 9. Platz und ein kleines Preisgeld, zudem durchbrach Thomas zum ersten Mal die Schallmauer von 2100 DWZ! Aber es wird noch ein bisschen dauern, bis du mich einholst 😉
Krefeld

In Gernsheim hatten wir wieder mehr Teilnehmer als letztes Jahr. Entgegen meiner Empfehlung (Schande über dich!) spielte Daniel Schäfer im B-Open, zu ihm gesellte sich sein Bruder Erik und zudem der neunjährige Simon Klein. Daniel war inoffiziell mit über 100 Punkten Vorsprung an 1 gesetzt. Diesem Druck konnte er bereits am Anfang scheinbar nicht standhalten und so setzte es direkt in Runde 2 eine unnötige Niederlage. Gerade als Daniel dabei war, sich an die Spitze zurück zu kämpfen, verlor er ein weiteres Mal unnötig, da er wieder eine gute Stellung in den Sand setzte. Der 10. Platz unter 129 Teilnehmern ist an sich kein besonders schlechtes Ergebnis, für die Weiterentwicklung seiner spielerischen Fähigkeiten wäre aber wohl eine Teilnahme im A-Turnier eher angebracht gewesen.
Erik und Simon spielten beide ihr erstes Turnier mit klassischer Bedenkzeit. Teilweise sahen die Partien auch so aus, so wurden Schäfermatt-Motive zugelassen, Damen wurden einzügig eingestellt – wir wissen alle, wie wir selbst angefangen haben. Genauso wissen wir, dass wir alle am Anfang extrem ungeduldig und schnell gespielt haben. Simon war dabei an manchen Stellen mutiger als Erik und wurde dafür belohnt. 4 Punkte und ein 54. Platz sind ein sehr gutes Ergebnis für die allererste Turnierteilnahme. Erik sammelte zwar nur einen Punkt an, jedoch wird er genauso wie Simon wichtige Erfahrungen im jungen Alter gesammelt haben, um in der Zukunft gestärkt aus diesem Erlebnis hervorzugehen.

Das A-Open (80 Teilnehmer) hatten wir mit fünf Teilnehmern infiltriert. Kim-Luca Lahouel, Patrick Wenninger und mittlerweile auch meine Wenigkeit sind zu Stammgästen geworden, während Jonas Dudt und Max Breitenbach beflügelt von den Ergebnissen in Sulzfeld ihr Glück bei den „Starken“ suchten. An sich begann das Turnier erwartungsgemäß. Patrick und ich holten 2/2 gegen respektable Gegnerschaft (dem beschleunigten Schweizer System sei Dank), Kim-Luca knöpfte einem 1900er ein Remis ab und Max sowie Jonas waren bei 50%. Gerade als ich dachte, dass es aufgrund der Aufhebung des beschleunigten Auslosungssystems zur dritten Runde einfacher wird, wurde ich gegen Patrick gelost! Kurios: Um mich herum hatten alle Topgesetzten Gegner mit einer Zahl von ca. 1600. So musste ich Patrick dann erstmal ausbremsen. Kim-Luca spielte zu zaghaft und erlaubte sich gegen einen schwächer gewerteten Gegner ein unnötiges Remis. Um zu gewinnen, muss man öfters etwas riskieren!
Jonas und Max marschierten weiter. Bemerkenswert war hier Max, welcher mit seinen 1370 DWZ einen 1530er und einen 1670er schlug. Seine Sulzfelder Siegesserie schien nahtlos weiterzugehen.
In Runde 4 wurde es ganz vorne langsam ernst. Es gab nur noch fünf Spieler mit drei Punkten, zu denen durften sich Topfavorit IM Hagen Poetsch und ich zählen. Hagen hatte keine große Probleme, den späteren Drittplatzierten Johannes Kroder in einem scharfen Sizilianer schnell zu überspielen. Ich hingegen legte die Partie in einem Königsinder gegen den späteren Viertplatzierten Marian Nothnagel etwas ruhiger an. Erst im 38. Zug konnte ich den Durchbruch am Damenflügel einleiten, bis dahin wurde nicht einmal ein Bauer getauscht. In beginnender Zeitnot war ich ein einziges Mal taktisch unaufmerksam, was dafür ausreichte, dass mein Gegner mit einem Springeropfer ein Dauerschach erzwang. Hütet euch vor dem Königsinder!
Patrick und Kim-Luca gingen mit neuem Schwung in die Runde, was man in ihren Partien sah und gewannen erwartungsgemäß. Max und Jonas wurden erstmal gestoppt, aber mit 2/3 kommt man dann auch gegen noch bessere Gegner als bisher.
Runde 5 hielt die Paarung des Turniers bereit. Nein, es war nicht meine Partie gegen Hagen Poetsch, tatsächlich hatten die Organisatoren es geschafft, nach Patrick vs. mir die Paarung Jonas vs. Max hinzubekommen. In einer symmetrischen Struktur fand Max für seine Figuren die besseren Plätze und stellte seine Bauern besser hin. Jonas fand kein Gegenmittel und Max brach entscheidend durch. Für Max der nächste „Skalp“ ! Jonas hingegen sollte sich Sorgen um seinen Platz in der Mannschaft machen…
Mein Spiel gegen Hagen lässt sich so zusammenfassen: er spielte einfach besser. Früh opferte ich einen Bauern, aber mit präzisen Zügen konnte er meinen Druck weitestgehend neutralisieren. Danach kam mein Gegner etwas ins Schwimmen, leider spielte ich dann nicht so genau wie er in den vorangegangenen Zügen. So gewann er meine Dame gegen zwei Türme, die entscheidenden Faktoren waren hier aber die Königssicherheit und die überlegene Bauernstruktur, welche für ihn sprachen. In beiderseitiger Zeitnot verlor ich dann noch einen Turm und meine Mission „Titel“verteidigung war gescheitert.
Kim-Luca verlor gegen Johannes Kroder (er war einfach besser) und Patrick ließ in seiner Partie zu viel Vereinfachung zu, sodass nur noch ein Remis heraussprang.

Am letzten Spieltag mit einer Doppelrunde sollten sich viele Dinge – bis auf den 1. Platz, der schien fest an IM Poetsch vergeben – entscheiden. Lag ich vor der 6. Runde noch auf dem schlechten 9. Platz, konnte ich mich mit zwei energischen Siegen noch auf den 2. Platz schummeln. Leicht bemerkenswert war meine Partie in der 6. Runde, als nach zwei Stunden Spielzeit erst sieben Züge gemacht wurden – mein Gegner und ich betraten aber bereits nach vier Zügen theoretisches Neuland in einer sehr scharfen Stellung. Die Kiebitze staunten beim Blick auf das Partieformular auch nicht schlecht.
Patrick spielte noch bemerkenswerter. Mutig und korrekt entschloss er sich in einer geschlossenen Stellung mit festgefahrener Bauernstruktur zu einem Qualitätsopfer. Sein Springer erwies sich in Kombination mit Dame und Turm als eindeutig wendiger als der weiße Extraturm und er setzte die weiße Struktur permanent unter Druck. Nach und nach fielen die weißen Bauern wie Dominosteine und Patrick gewann.
Kim-Luca verlor seine Energie und verlor abermals. Mit Schwarz scheinen Eröffnungswahl und Spielweise noch nicht wirklich zu passen, das hatten wir bereits bei Jonas in Sulzfeld gesehen. In Runde 7 erlaubte sich Kim-Luca nur einen Fehler, der von seinem Gegner nicht konsequent ausgenutzt wurde. Danach fiel Kim-Luca mit gewohnter Aggressivität über die gegnerische Königsstellung her und siegte. In der Endabrechnung ein 27. Platz, der Raum für Verbesserungen lässt.
Auch Max verlor, sein Gegner war aber deutlich stärker. Zum Abschluss erkämpfte sich noch ein Remis gegen einen Gegner auf Jonas‘ Niveau. 3,5 Punkte und ein 33. Platz sind eine starke Leistung. Ein DWZ-Plus von 144 mit einem Sprung auf 1520 war die gerechte Belohnung. 1520 nach fünf Turnierauswertungen? Auf jeden Fall ein starker Wert! Hätte Max nur früher mit dem Spielen angefangen…
Jonas war insgesamt der Pechvogel dieses Turniers. Bei ihm lief es insgesamt eher schlecht als recht (Wortspiel – Jonas hatte sich vor dem Turnier die rechte Schulter ausgekugelt und konnte den rechten Arm nicht benutzen), in Runde 6 gewann er und in Runde 7 verlor er gegen einen tiefer gesetzten Spieler. Der 54. Platz ist dann nicht so schön, aber man kann nicht immer gewinnen.

Die Mannschaftswertung gewannen wir nicht, da die Gernsheimer den Preis lieber an sich selbst (1,5 Buchholzpunkte Vorsprung auf uns) vergaben. Das wird sich wohl genauso wenig ändern wie die fehlende Elo-Auswertung bei diesem Turnier.
Gernsheim

Blick über den Heilbronner Tellerrand
Oder auch nicht. Denn hier geht es um die DEM (Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft), bei der eineinhalb Heilbronner Spieler anwesend waren. Dennoch berichte ich mal über das generelle Abschneiden Württembergs. Wobei wir Heilbronner ja schon eine ganz eigene Gruppe sind…Schwaben sind wir nicht wirklich, Franken ist schon wieder Bayern (und die Nürnberger sehen uns sowieso nicht als Franken), früher war Heilbronn eine stolze Reichsstadt. Also bleiben wir am Besten einfach „wir“.
Grundsätzlich riss Württemberg wieder keine Bäume aus. In den oberen Altersklassen qualifizieren sich die „gestandenen“ Spieler irgendwie nicht mehr (wovon unser Simon natürlich profitierte, als er Patrick Höglauer auf den zweiten Platz verdrängte) und wenn sie dann doch Freiplätze für die DEM bekommen wie der Erdmannhäuser Tobias Schmidt, dann zeigen sie keine gute Leistung. Anfangs gab es einige Lichtblicke, so legten die Kornwestheimer Tobias Kölle und auch Danny Yi los wie die Feuerwehr, gerade Tobias beeindruckte mit 5/5. Irgendwie verloren dann beide den Faden, Tobias rettete sein Turnier noch mit einem Aufbäumen am Ende und landete mit 7,5 Punkten aus 11 Runden auf dem 4. Platz!
Kurioserweise spielten die Württemberger nur bei den Mädchen konstant vorne mit. In der U18w war es Linda Gaßmann aus Grunbach, die sich im Laufe des Turniers oben festsetzte. Dort ließ sie sich nicht mehr vertreiben, spielte dann aber ein Remis zu viel und landete aufgrund von Buchholz auf dem eher undankbaren 4. Platz. Dennoch eine starke Leistung.
In der U16w übertrumpfte eine Schwäbin sie aber alle – wobei eine gewisse geographische Nähe zu Bayern gegeben war. Katrin Leser aus Weingarten (Landkreis Ravensburg, nahe Bodensee) erlaubte sich nur in Runde 6 mit einer Niederlage einen Ausrutscher. Den Rest der Runden gewann sie größtenteils überzeugend. Ich möchte mir hier keine Feinde machen, aber den Namen kannte ich letztes Jahr zumindest noch nicht, da scheint ein neuer „Shooting Star“ am Schachhimmel aufzutauchen. Mit 8 Punkten und einem halben Punkt Vorsprung auf Favoritin und WM-Teilnehmerin Fiona Sieber sicherte sie sich den Meistertitel. Herzlichen Glückwunsch!

Unsere eineinhalb Teilnehmer bestanden aus Philipp Wenninger (U25A) und Simon Degenhard (U16). Philipp war in seiner Gruppe klar an 1 gesetzt und spielte die ersten Runden auch so. Keiner seiner Gegner konnte ihm besonderen Widerstand leisten und so pflügte er mit 6/6 gemütlich durchs gesamte Feld. Kurios war seine Partie in der 4. Runde, als er nach wechselhaftem Spielverlauf seinen Turm gegen den weißen Läufer opferte. Mit einfachem Abzählen kommt man nach einem weißen Turmopfer gegen den b-Bauern drauf, dass der weiße König es gerade so nach c4 schafft, wenn Philipp den Bauern auf a4 verspeist. Sein Gegner gab nach 58…Txg4+ jedoch auf! Der erste Sieg in der offiziellen Juniorenmeisterschaft schien nur noch Formsache zu sein, gerade nach solchen Partien.
In Runde 7 und 8 ließ Philipp es dafür verdächtig ruhig angehen. Mit Weiß 2 schnelle Remisen gegen schwächere Gegner bedeuteten zwar nicht viel Mühe, ließen jedoch die Tür offen für mögliche Konkurrenz. So schnellte aus dem Niemandsland der uns gut bekannte Xianliang Xu (ehemals Bebenhausen) heran, der mit 6,5 Punkten nur einen halben Punkt hinter Philipp war. Wie es da Schicksal so wollte, spielte Philipp in der letzten Runde mit Schwarz gegen Xianliang. Jener setzte auch alles auf eine Karte und spielte die „Endspiel-Variante“ im Panow-Angriff, in der nicht die Damen tauschte, sondern mit 15. Da4 eine theoretische Neuerung brachte. Dies bot einen Bauern auf f3 an, den Philipp jedoch einen Zug zu lange nicht nahm. Erst als sein Gegner rochierte, nahm er auf f3, dann war es aber schon zu spät. Philipp konnte seine Figuren nicht mehr koordinieren und sein König geriet in ein tödliches Kreuzfeuer. Im vierten Anlauf wieder kein Sieg für Philipp, sondern der 3. Platz – aber er hat noch drei Jahre. Es wird schon noch klappen (außer ich entscheide mich dazu, im letzten Jahr 2019 ihm alles kaputtzumachen…).
Simon war in seiner Altersklasse natürlich der Underdog. In der U16 kam es in der 1. Runde aber sehr überraschend, so konnten die Favoriten an den ersten sieben (!) Brettern nicht voll punkten – Simon spielte an Brett 7 gegen Theo Gungl (über 2300 Elo). Danach lief es nicht ganz so toll bei Simon, er fing sich gegen Martin Kololli und Julian Martin zwei Niederlagen ein. Vor der Partie gegen Julian hätte er sich wohl Tipps von Tobias Peng holen sollen, der einen überragenden Score gegen Julian hat. Danach fing sich Simon wieder und holte dreieinhalb Punkte aus fünf Runden, wobei er sehr zäh verteidigte und keine Partie verlor. Mit ausreichend Kampfgeist kommt man auch gegen die Guten an.
In Runde 9 war aber dafür wohl etwas die Luft raus. Gegen David Ravina verlor Simon praktisch direkt aus der Eröffnung heraus. Ein Remis hätten die magischen 50% bedeutet, mit einem Sieg hätte er sogar an den Top 10 schnüffeln können (und wäre dabei nebenbei vor dem besten badischen Teilnehmer Julian Martin gelandet). So gab es „nur“ den 21. Platz (Setzplatz 22, 30 Teilnehmer), aber ich bin mir sicher, dass das nicht die letzte DEM für Simon war.

Willingen
Medaillenspiegel
Da haben wir tatsächlich mehr Goldmedaillen als Baden geholt… 😛

Das war es von Pfingsten. Für mich war es nur die Ruhe vor dem Sturm, denn nächste Woche geht es ab Donnerstag nach Halle (Saale) zum Bundesfinale des Dähne-Pokals, der Deutschen Pokaleinzelmeisterschaft. Parallel dazu findet die Bezirks-Einzelmeisterschaft in Schwaigern statt, bei der mindestens Kim-Luca und Jonas mitspielen werden. Am Sonntag vor dem erneuten Schulbeginn gibt es noch die Möglichkeit für Schnellschach in Künzelsau: das bekannte Schach im Schloss geht zum 10. Mal an den Start, ein schönes Open Air-Erlebnis.


Kommentare

Licht und Schatten über Pfingsten — 2 Kommentare

  1. Dass Teile Frankens bayrisch besetzt sind, ändert nichts daran, dass wir Franken sind.
    Zeigst du mir die Partie aus der 6. Runde bei Gelegenheit mal?

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